Städtebau

Berlins Nikolaiviertel soll unter Denkmalschutz kommen

Der Bezirk Mitte will die historisierende DDR-Platte vor baulichen Veränderungen bewahren. Die sind nämlich in Planung.

Plattenbau-Kitsch oder schützenswertes Baudenkmal? Die Meinungen zum Nikolaiviertel gehen auseinander

Plattenbau-Kitsch oder schützenswertes Baudenkmal? Die Meinungen zum Nikolaiviertel gehen auseinander

Foto: dpa Picture-Alliance / Schoening Berlin / picture alliance / Arco Images

Gerade einmal 28 Jahre alt ist das Nikolaiviertel in Mitte – und damit bereits ein Fall für den Denkmalschutz. Diese Auffassung vertritt zumindest die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Mitte. Auf Antrag der SPD hat die BVV ohne Gegenstimmen beschlossen, dass das im Jahr 1987 zur 750-Jahr-Feier von Berlin rekonstruierte Nikolaiviertel vor baulichen Veränderungen geschützt werden soll. Das Bezirksamt ist nun aufgefordert, sich schnellstmöglich bei der oberen Denkmalschutzbehörde für die Aufnahme des Nikolaiviertels als Flächendenkmal einzusetzen und eine städtebauliche Erhaltungssatzung für das nur rund 50.000 Quadratmeter große Viertel westlich des Alexanderplatzes zu entwickeln.

Arkaden sollen als Erweiterungsflächen dienen

Hintergrund der Initiative aus dem Bezirk ist die Absicht der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM), die Arkaden der Häuser entlang der drei Hauptstraßen und des Spreeufers mit Glasscheiben zu schließen und diese Flächen als Erweiterungsflächen der Geschäfte und Restaurants zu nutzen. Die Arkadengänge würden jedoch "das Gesamtbild des Viertels charakterisieren", und müssten demzufolge unbedingt erhalten bleiben, heißt es in dem Antrag. Der WBM gehören dort die meisten Häuser im Kiez mit seinen 33 Ladengeschäften und 22 Restaurants, sie bewirtschaftet auch die rund 800 Wohnungen der etwa 2000 Bewohner des Viertels.

"Rein baurechtlich ließe sich nicht verhindern, dass die WBM die Arkaden schließt", begründet Stefan Draeger (SPD) den Antrag seiner Fraktion. Mit Hilfe des Denkmalschutzes könne es jedoch gelingen, das Umbauvorhaben zu stoppen, hofft Draeger, der zugleich auch Ehrenmitglied des Nikolaiviertelvereins ist. Ihn ärgert, dass die WBM dem problematischen Branchenmix im Viertel lediglich dadurch begegnen will, dass sie größere Ladenflächen schafft. "Aber H&M passt nicht in das Viertel, größere Ladeneinheiten beseitigen die Probleme hier nicht", so Draeger.

Planer bemängeln "nicht zeitgemäße Geschäftskonzepte"

Die WBM war am Montag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Der Berliner Morgenpost liegt jedoch eine Studie vor, die die WBM 2014 bei dem Stadtplanungsbüro "dieraumplaner" in Auftrag gegeben hatte. Darin kommen diese zu dem Schluss, dass die Geschäfte im Nikolaiviertel überwiegend auf Touristen ausgelegt sind "mit häufig ähnlichem Kaufangebot und starkem Konkurrenzverhalten untereinander". Zudem bemängeln die Planer "teilweise nicht zeitgemäße Geschäftskonzepte", und "lieblose Grünflächen" sowie den Mangel an Fahrradstellflächen und das "geringe Angebot an hochwertigem Fastfood".

Mix aus historisierendem Plattenbau und Wiederaufbau

Das Wohnviertel um die historische Nikolaikirche aus dem Jahr 1230 war der Ursprung Berlins. Im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs wurden die meisten Gebäude jedoch weitgehend zerstört, die meisten Überreste in der Nachkriegszeit abgerissen. Auch von der Kirche St. Nikolai standen nur noch die Außenmauern.

Das historische Stadtzentrum rückte erst bei den Vorbereitungen zur 750-Jahr-Feier Berlins in den Fokus der damaligen DDR-Stadtverwaltung. 1981 begannen die Bauarbeiten, sechs Jahre später – pünktlich zum Jubiläumsjahr 1987 – war das eigenwillige Ensemble, mit dem der historische Bezug zum Berliner Gründungsort wieder hergestellt werden sollte, fertig. Heute empfängt die Besucher, zu denen vor allem Touristen zählen, ein ganz spezieller Mix aus originalgetreu wiederaufgebauten Gebäuden und Plattenbauten mit historisierenden Fassaden. Während etwa das Ephraim-Palais zum Teil mit originalen Fassadenelementen neu aufgebaut wurde und bereits unter Denkmalschutz steht, ist der Wert der mit Giebeln, Ornamenten und schmiedeeisernem Zierrat versehenen Plattenbauten umstritten. Doch gerade um den Schutz dieser Gebäude geht es bei dem Beschluss der BVV.

Entscheidung soll im nächsten Jahr fallen

"Das Landesdenkmalamt kommt allen Prüfaufträgen nach, egal ob sie von privater oder institutioneller Seite, wie in diesem Fall der BVV-Mitte, erteilt werden", betont Martin Pallgen, Sprecher von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD). Dies werde nun auch im Laufe des Jahres 2016 für das Nikolaiviertel geschehen.

Wie die Entscheidung ausfallen werde, könne er noch nicht sagen. "Diese Prüfungen sind immer ergebnisoffen", betonte Pallgen weiter. Grundsätzlich begrüße die Behörde aber den Vorstoß. Man habe es dort mit einer stadthistorisch besonderen Situation zu tun, die Teil der gebrochenen Berliner Stadtgeschichte sei und entsprechend gewürdigt werden müsse.

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