Medizin

Im Notfall mit Video-Chat

In der Rettungsstelle der Helios-Klinik Berlin-Buch arbeiten Ärzte mit 500 Dolmetschern, die auch exotische Sprachen ihrer Patienten beherrschen.

Foto: Helios/Thomas Oberländer / HA

Was tun, wenn ein Patient in der Rettungsstelle eines Krankenhauses seine Beschwerden nicht mitteilen kann? Nicht etwa, weil der Tourist aus Korea oder der Flüchtling aus Eritrea ohne Bewusstsein wäre, sondern weil er kein Deutsch oder Englisch und nur Koreanisch beziehungsweise Tigre spricht.

Im Falle eines Patienten ohne Bewusstsein sind Notärzte oft auf ihre technischen Diagnosemethoden beschränkt. Doch bei Menschen, die ansprechbar sind, könnte man wertvolle Zeit gewinnen, wenn man direkt mit ihnen kommunizieren würde. „Das Problem ist groß, und es besteht schon lange. Bisher waren wir auf Behelfsmethoden angewiesen, etwa Wörterbücher, standardisierte Karten mit diagnoserelevanten Texten oder Google Translator. Aber auch nicht alle Patienten können lesen und schreiben“, sagt Prof. Christian Wrede, Chefarzt des Notfallzentrums am Helios-Klinikum Berlin-Buch. „Bei Polnisch, Türkisch, Russisch oder Rumänisch gelingt es oft, Angestellte in der Klinik zu finden, die übersetzen können, aber nicht bei exotischeren Sprachen.“

Einen in Berlin lebenden Dolmetscher zu holen, dauert zu lange

Gerade in der Notfallversorgung muss es schnell gehen und einen in Berlin arbeitenden Dolmetscher hinzuzuziehen, dauert lange. „Und wenn Sie am Wochenende beispielsweise einen Farsi sprechenden Perser beauftragen wollen, klappt das oft gar nicht.“

An der Klinik besteht jetzt eine sehr viel unmittelbarere Möglichkeit der Arzt-Patienten-Kommunikation, die in einer globalisierten Welt eigentlich überfällig war: Videodolmetschen per Tablet-Computer und über das Internet. Wrede und seine Mitarbeiter können auf ein Netzwerk von derzeit rund 500 Dolmetschern zurückgreifen, die zehn bis 15 Sprachen und wichtige Dialekte abdecken.

In Österreich und der Schweiz ist das Videodolmetschen schon weit verbreitet

Die dahinter stehende Firma SAVD Videodolmetschen GmbH in Wien hat den Service in Zusammenarbeit mit der Universität Wien entwickelt und versorgt heute schon flächendeckend Krankenhäuser in Österreich und der Schweiz. „Wir sind die erste Klinik in Berlin, die mit diesem Netzwerk arbeitet. Deutschlandweit gibt es weitere in Potsdam, Frankfurt am Main und Hamburg“, sagt Wrede.

„Wir sind schon lange eine von vielen Touristen besuchte Stadt. Neu hinzugekommen sind die vielen Flüchtlinge“, sagt Sebastian Heumüller, der Geschäftsführer der Klinik. Das Problem ist tatsächlich groß. „Es geht nicht nur um die akuten Symptome und die Klärung der Vorgeschichte, also die Anamnese“, sagt Pflege-Stationsleiterin Susanne Richter. „Wir sollten auch den Impfstatus kennen und überstandene Kinderkrankheiten. Zudem müssen wir dem Patienten erklären, was wir herausgefunden haben und was weiter mit ihm geschieht und ihn über Risiken und rechtliche Aspekte der Behandlung aufklären.“

Eine ständig besetzte Zentrale baut den Kontakt zum Sprachexperten auf

Und dann gibt es auch die sensible menschliche Seite: „Flüchtlinge kommen oft aus einer ganz anderen Kultur und sind traumatisiert. Sie haben nicht nur Schmerzen, sondern sind auch verunsichert und haben Angst“, erklärt Richter. Da

Der Zugang zu den Dolmetschern erfolgt über eine ständig besetzte Hotline. „In der Regel steht die Leitung zum Dolmetscher nach zwei Minuten“, sagt Susanne Richter. „Die Zentrale hat eine Datenbank und sieht – grün hinterlegt –, welcher Dolmetscher online ist und sofort helfen kann.“ Die Dolmetscher arbeiten von Zuhause oder von ihrem Büro aus, die meisten leben in Deutschland oder Österreich, aber eine ganze Reihe ist über die Welt verteilt.

Die Dolmetscher kennen den kulturellen Hintergrund der Patienten

Alle Dolmetscher sind Muttersprachler, haben einen akademischen Sprachabschluss und medizinische Hintergrundkenntnisse und müssen eine Datenschutzerklärung unterzeichnen, weil sie wie Ärzte der Schweigepflicht unterliegen. Wenn neue medizinische Probleme auftauchen, werden Teamsitzungen anberaumt, um den Wortschatz zu erweitern.

Die Dolmetscher sind Landsleute der jeweiligen Patienten und so auch mit den kulturellen Gepflogenheiten vertraut. Man weiß, dass in anderen Kulturen Beschwerden oft in ganz anderer Form umschrieben werden. Selbst ein deutscher Arzt, der die Worte seines Patienten aus einer exotischen Weltregion verstehen würde, hätte Schwierigkeiten, deren Sinn zu begreifen.

Der Service bringt dem Krankenhaus zusätzliche Kosten

„Das Dolmetschen mit einem Landsmann ist auch sehr hilfreich, um Fremdheit und die Distanz zu überwinden“, sagt Chefarzt Wrede. Der eigentlichen Untersuchung gehe, sofern es der Notfall zulasse, ein kurzes Aufwärmgespräch voraus, um Vertrauen aufzubauen.

Der Videodolmetscherdienst bringt der Klinik allerdings zusätzliche Kosten, auch wenn es gelegentlich entfällt, einen in Berlin ansässigen Dolmetscher in die Klinik zu bestellen – was weit teurer als die Online-Sitzung wäre. Die gesamte ambulante Behandlung wird mit durchschnittlich etwa 30 Euro pro Patient vergütet, was bei Weitem nicht kostendeckend ist. Mit dem Online-Übersetzer wird sie noch etwas teurer.

Mitarbeiter können sicher sein, dass das Richtige in die Wege geleitet wurde

„Wir verstehen das aber als einen Service, der medizinisch notwendig ist. Oft ist nur mit ihm eine gute Versorgung der Patienten möglich“, sagt Wrede. „Das Dolmetschen hilft auch unseren Mitarbeitern“, ergänzt Kliniksprecherin Susanne Hansch. „Es gibt ihnen Sicherheit, dass die Kommunikation funktioniert hat und das Richtige getan wurde.“ Für einen Akutfall brauchen die Ärzte den Dolmetscherdienst meist etwa 15 Minuten. Sie versuchen, gut vorbereitet in das Gespräch zu gehen, um Ressourcen zu sparen.

Der Aufwand für das Videodolmetschen lohnt sich, urteilt der Chefarzt. „Das ist ein ideales System. Da hat jemand eine gute Idee gehabt und genügend Dolmetscher und teilnehmende Kliniken gewinnen können. Wir sind da in ein schon gut funktionierendes System eingestiegen.“ In einem ersten Test hatte Susanne Richter gleich ein großes Erfolgserlebnis: „Wir hatten eine Thailänderin, die seit zwei Jahren Schmerzen hatte, sich erstmals mit einer Ärztin über ihre Beschwerden aussprechen konnte und verstanden wurde. Sie war geradezu glücksselig.“