Gesundheit

Schneller zum Facharzt

Vermittlungsservice startet im Januar. Doch für die Patienten in Berlin und Brandenburg gibt es noch viele offene Fragen

Berlin/Potsdam.  Vom 23. Januar 2016 an sollen Patienten mit dringenden medizinischen Problemen nicht mehr viele Wochen auf einen Facharzttermin warten müssen. So zumindest sieht es ein neues Gesetz vor. Demnach können Patienten, die selbst keinen zeitnahen Termin bekommen, eine Service-Telefonnummer anrufen. Die jeweilige Kassenärztliche Vereinigung (KV) ist dann verpflichtet, dem Patienten innerhalb von einer Woche einen Termin anzubieten, der maximal vier Wochen in der Zukunft liegen darf. Doch einige Fragen sind noch ungeklärt. Eines ist sicher: Der Service geht pünktlich an den Start, wie die KV von Berlin und Brandenburg mitteilen. Da der 23. Januar ein Sonnabend ist, werde der Service am darauffolgenden Montag starten, sagte Christian Wehry von der KV Brandenburg der Berliner Morgenpost. Die KV Berlin teilte auf Anfrage mit, dass sie vorerst mit Leiharbeitskräften arbeiten werde, bis der genaue Personalbedarf klar sei.

„Wir sind dabei auf die Kooperation der Fachärzte angewiesen und haben sie gebeten, uns freie Termine mitzuteilen“, sagte Wehry. „Als Anreiz wird es ein Bonussystem geben. Der Facharzt, der einen Patienten mit einer dringlichen Überweisung annimmt, erhält einen Obolus. Dabei ist es egal, ob der Patient direkt oder die KV den Termin vereinbart hat.“

Das Grundproblem des Ärztemangels bleibt bestehen

So weit, so gut. Aber eigentlich betrachten die Kassenärztlichen Vereinigungen die Terminservicestellen als überflüssige Bürokratie. „Wir brauchen sie nicht“, sagte Wehry. „In den Facharztpraxen werden bereits Zeitfenster für dringliche Fälle vorgehalten.“ Der Plan der KV Brandenburg sieht deshalb vor, die Terminservicestelle so weit wie möglich außen vor zu lassen. Folgendes ist geplant: Der Hausarzt versieht seine Überweisung mit einem Dringlichkeitsvermerk. Damit meldet sich der Patient eigenständig beim Facharzt seines Vertrauens und verweist auf den Vermerk. Der Facharzt wird ihm dann – so die Hoffnung – einen zeitnahen Termin geben. Nur wer auf diesem Weg nicht weiterkommt, soll die Servicestelle kontaktieren. Bis Montagmittag hatte die KV Brandenburg Kontakt zu 160 Fachärzten im Land, die überwiegende Mehrheit hat eine Kooperation zugesagt. Meist nach dem Schema: Jede Woche mittwochs von 8 Uhr bis 9 Uhr hält ein Arzt drei Akuttermine frei. Andere Mediziner würden das ergänzen, sodass jeden Tag Termine zur Verfügung stehen.

Das Grundproblem bleibt aber: In vielen Regionen ist die Facharztdichte zu gering. Vor allem in Brandenburg. Berlin steht zwar etwas besser da. Aber erst kürzlich hat Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) darauf hingewiesen, dass auch hier ein Fachärztemangel bestehe, weil aufgrund der Alters- und Gesundheitsstruktur „besondere Belastungen“ bestünden. Möglicherweise können die Servicestellen deshalb auch wenig an den langen Wartezeiten für Facharzttermine ändern. Vielleicht wird – bei bereits weitgehend ausgelasteten Medizinern – nur die Latte dafür höher gelegt, was ein „dringlicher Fall“ ist. Unter Umständen könnten die Servicestellen aber dafür sorgen, dass die wenigen freien und zeitnahen Termine jenen Patienten zugute kommen, die sie wirklich dringend benötigen.

Christian Wehry weiß von Diskussionen unter Experten, bei denen manchen Patienten eine „Flatrate-Mentalität“ vorgeworfen wird: Die Ansprüche auf rasche Termine sind demnach bei weniger gravierenden Beschwerden oft überzogen. Er selbst sagt: „Jeder Patient muss sich fragen, wie akut sein Leiden ist, und muss dabei ehrlich zu sich sein. Wir haben bestimmte Rahmenbedingungen, und Ärzte und Patienten müssen flexibel sein, damit alle eine gute Versorgung bekommen.“ Beispielsweise sei klar, dass bei Vorsorge- und Impfterminen kein Recht auf einen schnellen Termin besteht. Auch bei ärztlichen Zweitmeinungen sieht Wehry Einschränkungen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Befürworter der Servicestellen. Sie verweisen auf gute Erfahrungen in Sachsen, dem einzigen Bundesland, wo die KV bereits seit dem vergangenen Jahr Facharzttermine vermittelt. Dort zeigte sich tatsächlich, dass einige Mediziner noch Terminlücken hatten, die sie nun mit Akutpatienten füllen können. Mancher akute Fall wird aber auch deshalb rasch behandelt, weil ein anderer weniger dringlicher Fall „geschoben“ wird, wie Klaus Heckemann, der Chef der KV Sachsen, in einem Interview einräumte.

Unterstützt wird die Bereitschaft der Ärzte mitzuspielen durch ein Extrahonorar. Eine Hälfte bekommen Hausärzte für ihren Mehraufwand: die Feststellung der Dringlichkeit. Die andere Hälfte bekommen die Fachärzte, die die dringenden Fälle annehmen. Auf diese Weise scheint beiden Gruppen gedient: den Patienten, die rasche Termine benötigen und sie auch bekommen, und den Fachärzten, die besser ausgelastet sind und für die dringenden Fälle einen kleinen Extrabeitrag bekommen.

Gesetzestext legt keine Entfernung zum Arzt fest

Offen ist laut KV Brandenburg, welche Entfernungen der Patient bis zu seinem Fachmediziner zurücklegen muss. Der Gesetzestext ist schwammig: Die Entfernung müsse „zumutbar“ sein. Ist es dem Patienten aus Luckenwalde zuzumuten, ins 55 Kilometer entfernte Potsdam zu fahren? Oder von Steglitz nach Pankow? Bei eingeschränkter Beweglichkeit und mit öffentlichen Verkehrsmitteln? Die KV Berlin sagt: „Die Terminvermittlung erfolgt innerhalb Berlins, da die Stadt über eine gute Verkehrsinfrastruktur verfügt.“

Offen ist auch, was mit Patienten geschieht, denen auch die Servicestellen nicht helfen können. Sie dürfen sich zur ambulanten Therapie an ein Krankenhaus wenden. Aber in Brandenburg gewährleisten viele Kliniken nur die Grundversorgung, manche Fachabteilung existiert gar nicht. Der Weg zur passenden Klinik kann so lang werden. Ob das Krankenhaus dem Patienten nur eine erste Behandlung gewähren oder auch notwendige Folgetermine bestreiten muss, sei noch nicht verhandelt, sagt Brandenburgs KV-Experte Wehry. Auch bei der KV Berlin sind die Gespräche erst angelaufen.