Desolater Zustand

Adventskalender von Eltern dokumentiert marode Schulen

Täglich schicken Eltern einen Beschwerdebrief an die Bezirksverwaltungen ab. Darin: Fotos von Missständen in Berliner Schulen.

So sieht eine Decke in der Alt-Lankwitzer Grundschule aus

So sieht eine Decke in der Alt-Lankwitzer Grundschule aus

Foto: privat

Verrottete Fenster, einsturzgefährdete Eingänge oder Wasserschäden – täglich melden die Elternvertreter des Bezirks Steglitz-Zehlendorf in ihrem virtuellen Adventskalender Beispiele, die den maroden Zustand von Schulgebäuden dokumentieren. Dabei beschränken sich die Exempel nicht nur auf den Bezirk im Süd-Westen.

Berlinweit sind Elternvertreter dem Aufruf gefolgt und haben die Schäden an den Gebäuden, in denen ihre Kinder lernen, fotografiert. Das Erschreckende ist, dass die meisten Schäden schon seit Jahren in den zuständigen Bezirksverwaltungen bekannt sind.

Die Alt-Lankwitzer Grundschule etwa kämpft seit vier Jahren darum, dass die durch einen Wasserschaden beschädigten Deckenplatten im Fachraum für Naturwissenschaften erneuert werden. Ohne Erfolg. Dabei haben die Elternvertreter selbst ein Kostenangebot bei einer Trockenbaufirma eingeholt, doch eine Reaktion des Amtes blieb aus, schreibt Elternvertreterin Karin Retzke.

Zudem wuchs in einer Fuge des mobilen Unterrichtsgebäudes seit Jahren der Knöterich, sodass sich die Eltern um die Statik des Gebäudes sorgten. Die Konsequenz: Der Knöterich wurde beschnitten, die Fuge blieb. Auch in der Turnhalle erobert die Natur das Gebäude. Zwischen Fußboden und Wand wächst Efeu in den Raum.

Eine Strategie des ewigen Verschiebens

Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf hat mit geschätzten 400 Millionen Euro den größten Sanierungsbedarf. Die Bildungsverwaltung geht von etwa zwei Milliarden Euro aus, die benötigt würden, um alle baulichen Mängel an den Berliner Schulen zu beseitigen. Eine Bestandsaufnahme steht noch aus.

Wo diese Strategie des ewigen Verschiebens endet, zeigt das Beispiel der Kaulsdorfer Franz-Carl-Achard-Grundschule. Seit Jahren war der Sanierungsbedarf der Schule Thema im Bezirksamt. Kurz nach dem Schulstart am 2. September musste dann alles ganz schnell gehen. Das gesamte Gebäude wurde aus Sicherheitsgründen gesperrt – so plötzlich, dass die Eltern die Kinder aus der Schule abholen mussten. Seither fahren die 380 Grundschüler mit den Lehrern und den Erziehern per Bus in ein zehn Kilometer entferntes Schulgebäude. Die alte Schule soll abgerissen werden, der Bezirk plant nun, einen sogenannten modularen Ergänzungsbau aus Fertigteilen aufzustellen.

Auch das Lankwitzer Lilienthal-Gymnasium ist nicht zum ersten Mal im Adventskalender vertreten. Vor einem Jahr haben die Eltern über die unzumutbaren Bedingungen berichtet, unter denen der Sportunterricht stattfindet. Es ging um Schimmel, undichte Fenster und veraltete Sanitäranlagen. Das Bezirksamt habe umgehend Bauarbeiten versprochen, doch wegen Personalproblemen sei der Baubeginn immer wieder verschoben worden, schreiben die Eltern. Nun sei das kommende Frühjahr als Termin in Aussicht gestellt worden.

Ähnlich schleppend verlaufe der Austausch der Deckenplatten, die in einer Untersuchung vor zwei Jahren als gesundheitlich bedenklich eingestuft wurden. Der Haupteingang des 120 Jahre alten denkmalgeschützten Gebäudes ist mit einem Gerüst abgesichert, weil sich die Schmucktürmchen gefährlich nach vorne neigen.

Probleme sind seit Jahren bekannt

Genauso altbekannt sind die Probleme des Andreas-Gymnasiums in Friedrichshain. Schon 2012 berichtete die Berliner Morgenpost über den tristen Zustand des Schulhofs. Viele Pläne habe es seitdem gegeben, sogar einen Wettbewerb, um den Schulhof zu verschönern, schreibt der Gesamtelternvorsitzende der Schule, Johannes Schwarz. Doch geändert habe sich an dem Zustand wenig.

Seit 2006 veranstaltet der Bezirkselternausschuss Steglitz-Zehlendorf den besonderen Adventskalender. Jeden Tag wird ein Beschwerdebrief mit Fotos an zuständige Politiker in der Verwaltung und im Abgeordnetenhaus geschickt. "Wir fordern ein professionelles Gebäudemanagement und die sofortige Erstellung eines Rahmenplanes nach Hamburger Vorbild, in dem alle Mängel aufgelistet werden", sagt Birgitt Unteutsch vom Bezirkselternausschuss Steglitz-Zehlendorf. Nur so könne Transparenz und Verlässlichkeit hergestellt werden.

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