Polizei

Berlins Polizisten haben zwei Minuten Schießtraining im Jahr

Berlins Polizisten können nicht genug trainieren. Das dokumentiert eine Umfrage, in der sich die Beamten über die Zustände beklagen

Polizisten trainieren auf dem Schießstand in Moabit

Polizisten trainieren auf dem Schießstand in Moabit

Foto: Reto Klar

In der Berliner Polizei gibt es wachsenden Unmut über den desolaten Zustand der Schießstände, den davon ausgehenden Gesundheitsgefahren für Trainer und Trainierende sowie mangelnde Übungsmöglichkeiten mit Schusswaffen. Derzeit sind in Berlin elf von 20 Schießstätten geschlossen. Wegen Lüftungsproblemen, Asbestverdacht, Schadstoffbelastung. Bereits im Jahr 2010 sind Gutachten verschwunden, die den desolaten Zustand belegen. Polizeipräsident Klaus Kandt hat deshalb am 15. Oktober die größte interne Untersuchung in der Geschichte der Polizei gestartet. Dabei sollen alle Gutachten, alle Krankheitsfälle und sonstige Berichte der vergangenen 15 Jahre aufgearbeitet und untersucht werden.

Unzufriedenheit über die Zustände nimmt zu

Und weil in diesem Zusammenhang zwei Strafanzeigen vorliegen, ermittelt auch die Staatsanwaltschaft. Doch weil die Unzufriedenheit der Polizeibeamten immer weiter wächst, hat Polizeipräsident Kandt einen behördeninternen Blog gestartet. Vom 3. bis zum 10. Dezember konnten Mitarbeiter der Behörde Kritik, Sorgen, Fragen im Zusammenhang mit den Schießständen per Mail direkt an Kandt schicken.

Die Berliner Morgenpost dokumentiert in Auszügen einen Teil der Mails. Sie sind bewusst zum Schutz der Beamten anonymisiert.

Probleme lange bekannt "Ich kann diese ganze Beruhigungsstrategie ("wir kümmern uns"), die anscheinend seitens der Polizeiführung gefahren wird, nicht mehr hören. Die Probleme mit den Schießständen, so wie viele andere auch (materielle/technische Ausstattung, Digitalfunk pp.) sind lange bekannt. Immer mit der gleichen Begründung (kein Geld) werden Missstände nicht oder nicht zeitnah behoben, sondern es wird immer weiter mangelverwaltet. Und dann werden eben Geschäftsanweisungen geändert. Der scharfe Schuss mindestens einmal pro Jahr ist plötzlich nicht mehr Voraussetzung für die Waffenträgereigenschaft , d.h. es wird auf unserem Rücken passend gemacht."

Prekäre Situation "Der Verbrauch der Übungsmunition für das Jahresschießtraining in den vergangenen fünf Jahren (bezogen auf die Direktion 2) ist ein guter Indikator und verdeutlicht die prekäre Situation, in der sich unsere Behörde befindet. Lag der Jahresverbrauch 2011 und 2012 noch bei über 200.000 Schuss, fallen seit dem Jahr 2013 (96.000 Schuss) die Verbräuche kontinuierlich in den Keller. 2014 wurden 83.000 Schuss abgegeben und 2015 erreichten wir mit nur noch 35.000 Schuss den negativen Rekord."

Vergleich mit Paris "Berlin verwehrt sich seit Jahren einer Modernisierung seines Waffensystems Pistole. Zugegeben, die aktuelle Waffe ist sehr zuverlässig und handhabungssicher. Zugleich ist der Aufbau dieses Systems, Feuerkraft und Gewicht absolut nicht mehr zeitgemäß. Bereits 1999/2000 habe ich als Schießtrainer Vorschläge und Vergleichswaffen, die in der Anschaffung anderer Bundesländer waren, begutachten und beschießen können. Was ist seit dem in dieser Stadt diesbezüglich passiert? Nichts ... Es wird behauptet, wir wären bei einem vergleichbaren Terroranschlag wie er in Paris geschehen ist, gut aufgestellt? Mit Verlaub stelle ich die Behauptung auf, wir wären hoffnungslos unterlegen und hätten binnen kürzester Zeit viele tote und verletzte Kollegen und Kolleginnen. Die Pariser Polizei verfügt über mehrere Spezialeinheiten der örtlichen und überörtlichen Polizeien sowie der Gendarmerie und dem Militär. Diese Einheiten sind mit den modernsten Waffensystemen ausgestattet, die der Markt zu bieten hat."

Gefühl der Unterlegenheit "Ich habe in diesem Jahr insgesamt maximal 10 Minuten mit meiner P6 und maximal 2 Minuten mit einer MP5 geschossen. Dies reicht nicht annähernd aus, um mich in der Bedienung meiner Waffe sicher zu fühlen und halbwegs Routine zu bekommen bzw. zu behalten. Es reicht schon gar nicht dafür aus, besondere Situationen wie zum Beispiel das Schießen auf bewegte Ziele oder das Schießen auf größere Entfernung zu trainieren. Ich möchte in diesem Zusammenhang anmerken, dass ich mich Attentätern in einem Paris-Szenario aufgrund dieser Ausbildungssituation absolut unterlegen fühle. Mir ist bewusst, dass es unmöglich ist, uns Kollegen auf den Funkstreifenwagen auf einen ähnlichen Trainingszustand wie Spezialeinheiten oder eben in Kriegsgebieten ausgebildeten Attentätern zu bringen. Trotzdem wären wir im Regelfall die ersten Kollegen, die an einen solchen Einsatzort alarmiert werden und sollten wenigstens eine gewisse Sicherheit und Routine im Umgang mit der eigenen Waffe haben."

60 Jahre alte Munition "Sehr geehrter Herr Polizeipräsident Kandt, Bezug nehmend auf die Anfrage zur Luftgütemessung in der Schießhalle 8, Bernauer Straße, bitte ich, auch eine Frage zur verwendeten Munition zu beantworten. Den beiden Technischen Einsatzeinheiten der Bereitschaftspolizei steht für das Schießtraining mit dem Gewehr G8 Munition aus den 60er-Jahren zur Verfügung. Die Munition ist also über 50 Jahre alt! Liegen für diese Munition Erkenntnisse hinsichtlich Schadstoffverhalten und Geeignetheit für gedeckte Schießanlagen vor?"

Gesundheitlich unbedenklich? "Die Sichtung der Unterlagen bezüglich der Schießstände wird noch Monate dauern. Die eingereichten Dienstunfallanzeigen sind auch noch gewissenhaft zu prüfen. In Anbetracht dieser Aussagen klingt es nicht gerade glaubhaft, dass die Schießstätten gesundheitlich unbedenklich sind. Es ist auch zutiefst beunruhigend, dass die Schießstätten einer regelmäßigen Überprüfung durch die Direktion Zentrale Aufgaben unterzogen werden. Das ist, als ob die Energiekonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall versichern würden, dass Atomkraftwerke sicher und gesundheitlich unbedenklich sind."

Frage der Verantwortung "Es ist aus meiner Sicht inakzeptabel, dass man in einer europäischen Metropole und Bundeshauptstadt mit weltweiter Strahlkraft nicht in der Lage ist, schnellstmöglich Trainingsmöglichkeiten wiederherzustellen."

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