Transport

Überraschender Führungswechsel bei Bombardier

Bei Bombardier gibt es einen überraschenden Wechsel an der Spitze der Zugsparte. Technikchef Laurent Troger folgt auf Lutz Bertling.

Der neue Chef der Bombardier Transportation, Laurent Troger

Der neue Chef der Bombardier Transportation, Laurent Troger

Foto: dpa

Berlin/Montréal. Die Überraschung war auch unter Bombardier-Mitarbeitern in der Berliner Unternehmenszentrale groß. Lutz Bertling, Chef der Zugsparte des kanadischen Flugzeug- und Schienenfahrzeugherstellers wollte am Donnerstag und Freitag in Berlin und in Hennigsdorf (Oberhavel) seine Strategie für die nächsten Jahre vorstellen.

Am späten Mittwochabend teilte der Konzern mit Sitz in Montréal indes mit, dass Bertling sein Präsidentenamt niedergelegt habe. Statt seiner werde der bisherige Technikchef Laurent Troger die Fragen der Journalisten aus aller Welt beantworten. Eine Begründung für den plötzlichen Führungswechsel bei Bombardier Transportation (BT) gab der neue Chef nicht. In der offiziellen Mitteilung von BT hieß es lediglich, Bertling wolle andere Karrieremöglichkeiten verfolgen.

Führungswechsel "über Nacht"

Insider vermuten bei dem Führungswechsel „über Nacht“ einen Zusammenhang mit dem geplanten Einstieg des kanadischen Staates in das wirtschaftlich angeschlagene Unternehmen. Der Pensionsfonds der Provinz Québec hatte Mitte November angekündigt, 30 Prozent der Anteile von Bombardier Transportation zu übernehmen.

Die dringend erwartete Finanzspritze wird allerdings an hohe Renditeerwartungen geknüpft. 9,5 Prozent Gewinn soll der nach eigenen Angaben weltweit führende Zughersteller mit seinen 39.700 Mitarbeitern erwirtschaften. „Davon sind wir noch ein Stück entfernt“, so ein BT-Mitarbeiter. So gesehen war es wenig überraschend, dass Laurent Troger ankündigte, aktiver in den Markt zu gehen. „Wir waren sehr reaktiv, und wir werden proaktiver werden“, sagte der 52-jährige Franzose, der seit elf Jahren für Bombardier arbeitet und zuletzt vor allem für Innovationen wie die neue Plattformstrategie zuständig war.

Troger sagte, man wolle den Umsatzanteil der Geschäftsfelder Service und Signaltechnik bis 2020 weiter steigern. Der Bau von Lokomotiven und Wagen würden künftig nur noch 55 Prozent des Geschäfts ausmachen, heute sind es 65 Prozent. Bombardier müsse die weltweiten Megatrends für sich nutzen: Bevölkerungswachstum, Verstädterung und wachsendes Umweltbewusstsein.

Keine Entwarnung für Beschäftigte im Bombardier-Werk in Hennigsdorf

Noch keine Entwarnung gab es für die rund 3000 Beschäftigten im größten deutschen Bombardier-Werk in Hennigsdorf bei Berlin. Bertling hatte dort einen Arbeitsplatzabbau in Aussicht gestellt und Näheres für den Sommer 2016 angekündigt.

Troger sagte lediglich, das Geschäft in Hennigsdorf laufe normal. „Für den Augenblick haben wir keinen Stellenabbau angekündigt.“ In Hennigsdorf werden unter anderem die von vielen Eisenbahnen eingesetzten Triebwagen vom Typ Talent II gebaut, aktuell auch Züge für die Hamburger S-Bahn, die Stockholmer U-Bahn sowie die Flexity-Straßenbahnen für Berlin. Auch Wagen für den neuen, kürzlich erst in Berlin vorgestellten ICE 4 werden in Hennigsdorf endmontiert und getestet.

1000 Arbeitsplätze in Gefahr

Bertling sah bis zu 1000 Arbeitsplätze in Hennigsdorf in Gefahr, falls Bombardier nicht den Auftrag für die kommende Berliner S-Bahn-Generation bekommt. Wie berichtet, wollen Berlin und Brandenburg die Deutsche Bahn mit dem Weiterbetrieb der S-Bahn betrauen. Diese hatte sich für ein Konsortium aus Siemens AG und der Stadler GmbH als Zuglieferanten entschieden.

Unter anderem in Werken in Reinickendorf, Pankow und Hohenschönhausen soll das Konsortium 191 Doppelwagen fertigen, die von der S-Bahn ab 2021 schrittweise in Dienst gestellt werden. Das Auftragsvolumen soll dem Vernehmen nach bei rund 900 Millionen Euro liegen.