Welt-Aids-Tag

Was aus dem "Berliner Patienten" geworden ist

| Lesedauer: 10 Minuten
Wolfgang W. Merkel
Timothy Ray Brown (r.), der „Berliner Patient“ mit dem US-Designer Kenneth Cole, wirbt Mittel für seine Stiftung ein, die die Anti-HIV-Forschung fördert

Timothy Ray Brown (r.), der „Berliner Patient“ mit dem US-Designer Kenneth Cole, wirbt Mittel für seine Stiftung ein, die die Anti-HIV-Forschung fördert

Foto: Getty Images / Getty Images Entertainment/Getty Images

2007 gelang in Berlin die bislang einzige Heilung eines Menschen mit dem Virus HIV. Timothy Ray Brown lebt ohne Medikamente.

Aids ist heilbar: So schallte es Mitte 2007 wie Donnerhall durch die wissenschaftliche Gemeinschaft, und so berichteten weltweit die Zeitungen und TV-Nachrichten. Es gebe einen Weg, den Aids-Viren (HIV) den Garaus zu machen und die Krankheit zu besiegen. Ein geheilter Patient belegte dies glaubhaft, obwohl zuvor alle Heilungsversuche kläglich gescheitert waren – und obwohl die Therapie bis heute nicht wieder gelang.

Die Sensationsnachricht ging von Berlin aus, und so war fortan vom „Berliner Patienten“ die Rede. Timothy Ray Brown, so sein Name, lebt noch immer, ohne dass er die übliche Kombination aus drei hoch dosierten und nebenwirkungsreichen Antivirus-Wirkstoffen benötigt. Für jeden mit HIV Infizierten käme das einem Todesurteil gleich. Was war geschehen?

Die hoch dosierte Medikamententherapie hat starke Nebenwirkungen

Brown ist ein heute 49-jähriger amerikanischer Übersetzer, der sich im Jahr 1984 als homosexuell geoutet hatte. Anfang der 90er-Jahre zog er von seiner Heimatstadt Seattle nach Berlin, um Deutsch zu lernen. 1995 entdeckte man hier durch einen Test seine HIV-Infektion. Elf Jahre lang erhielt Brown die gängige medikamentöse Therapie, die die Viren in Schach hält und so den Ausbruch der Krankheit Aids verhindert. Ohne Behandlung sterben die Patienten hingegen an Infektionen, weil die Viren das Immunsystem zerstören. Die als „HAART“ bezeichnete Therapie (hochaktive antiretrovirale Therapie) hat aber eine Reihe von schweren Folgewirkungen, wie sich mehr und mehr zeigt.

2007 erlitt Brown einen weiteren Schicksalsschlag: Es wurde bei ihm Blutkrebs entdeckt. Im damaligen Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Steglitz (heute Teil der Charité) erhielt er eine Chemotherapie – die jedoch nicht anschlug. Sein Arzt Gero Hütter entschloss sich, die Leukämie, wie in solchen Fällen üblich, mit einer Stammzelltransplantation zu behandeln.

Mit einer zündenden Idee – und viel Glück – zum Erfolg

Ins Rampenlicht gerückt ist diese Therapie unter anderem durch die Krebserkrankung des FDP-Politikers Guido Westerwelle. Dabei wird das blutbildende System und damit auch das Immunsystem des Körpers zunächst komplett zerstört, um es anschließend durch das blutbildende System eines Stammzellspenders zu ersetzen. Eine gefährliche Behandlung. „Aber ich sagte mir: okay, da muss ich durch, wenn ich leben will“, sagte Brown vor einiger Zeit dem TV-Sender ABC. „Denn die Leukämie hätte mich sonst innerhalb von Monaten umgebracht.“

Aber Gero Hütter hatte eine zusätzliche zündende Idee: Er versuchte, einen Spender mit einer seltenen Veränderung im Gen namens „CCR5“ zu finden. Diese Mutation schützt natürlicherweise vor einer HIV-Infektion. Sie verschließt die Eintrittspforte, die es den Viren ermöglicht, Blutzellen zu kapern und sich in ihnen zu vermehren. Nur ein Prozent der Europäer hat eine solche Genveränderung. Aber Gero Hütter und die Knochenmark-Spenderdateien wurden mit viel Glück fündig.

Seit acht Jahren hat Brown keine Viren mehr im Blut

Brown erhielt die Stammzellspende. Hütter wandte diese Form der Therapie weltweit erstmals an. Und tatsächlich: Mit der Leukämie verschwanden auch die HI-Viren aus Browns Blut. Der Amerikaner musste im darauf folgenden Jahr zwar erneut eine Stammzelltherapie über sich ergehen lassen, weil die Leukämie zurückgekehrt war. Seitdem leidet er an neurologischen Störungen, etwa leichten Lähmungserscheinungen. Doch nach einiger Zeit setzte man die Antiviren-Medikamente ab, und Browns Blut blieb tatsächlich HIV-frei – seit nunmehr acht Jahren.

Im Jahr 2012 begann allerdings eine erneute Diskussion. 2011 war der „Berliner Patient“ wieder in die USA zurückgekehrt, er lebt heute in Kalifornien. Steven Yukl, ein Virusexperte der University of California, entdeckte bei einer Nachuntersuchung mittels einer sehr leistungsfähigen Methode („PCR“) in Browns Blutplasma Bruchstücke des HIV-Erbgutes – keine vermehrungsfähigen Viren, aber HIV-Bruchstücke.

Der Zweifel an der Heilung beruhte auf einer fehlerhaften Untersuchung

Douglas Richman, ein Pathologe derselben Universität, fand bei parallelen Tests – nichts. Er urteilte: Yukl habe Verunreinigungen in die Analyse geschleppt, zudem sei die PCR-Methode für diesen Fall ungeeignet. Der damalige Arzt des „Berliner Patienten“, Gero Hütter, sieht das auch so: „Die Gen-Vervielfältigungsmethode PCR, mit der man winzigste Gen-Spuren auffinden kann, ist nicht hundertprozentig zuverlässig. Sie liefert manchmal falsch-positive Ergebnisse. In diesem Fall war auch HIV-Material aus dem Labor in Browns Probe eingeschleppt worden.“

Hütter ist heute medizinischer Leiter bei der Firma Cellex in Dresden, einer auf die Gewinnung von Stammzellen und die Leukämie-Therapie spezialisierten Firma. Damals, noch in Berlin und an der Charité beschäftigt, wählten ihn die Leser der Berliner Morgenpost auf Platz 9 der 50 „Berliner des Jahres 2008“. Heute findet er die Diskussion um Virenreste in Browns Blut akademisch und abgehoben. „Brown ist geheilt“, sagt Hütter.

Nirgendwo sonst ist die Methode erfolgreich angewendet worden

Der Kalifornier sei – abgesehen von seinen neurologischen Störungen, die mit der früheren HIV-Infektion nichts zu tun haben – gesund. Das musste der Betroffene selbst erst einmal richtig begreifen. „Es gibt 34 Millionen HIV-Patienten weltweit. Und ich bin der erste, der geheilt wurde. Das ist schwer zu glauben“, so Brown. „Erst wollte ich es auch nicht glauben. Aber viele Forscher waren davon überzeugt. Und schließlich glaubte ich es auch. Aber es dauerte eine Weile.“

Natürlich haben Ärzte anderswo versucht, den Berliner Erfolg zu wiederholen. „Es gibt acht bis neun weitere Patienten, die ebenfalls Leukämie bekamen und bei denen man dasselbe versuchte“, berichtet Hütter. „Doch bei allen anderen sind die Viren, wohl wegen Fehlern vor der Stammzelltransplantation, nach einiger Zeit wiedergekommen. Sie brauchten wieder die übliche lebenslange Medikamententherapie, um die Viren in Schach zu halten.“ Andere Patienten sind an der wieder aufflammenden Leukämie oder den schweren Nebenwirkungen der Stammzelltransplantation gestorben.

Stammzelltherapie ist bislang eine gefährliche Methode

Das große Risiko der Stammzelltherapie ist auch der Grund dafür, dass man bei HIV-Trägern nicht generell Hütters Therapie anwendet. Da sind die hoch dosierten Antiviren-Medikamente dann doch deutlich harmloser. Selbst wenn sie auf lange Sicht Diabetes, Herzkrankheiten und Krebs mit sich bringen können.

Auch wenn der „Berliner Patient“ bislang der einzige HIV-Geheilte geblieben ist: Timothy Browns Geschichte hat vieles verändert, sagt Gero Hütter: „Der Fall hat die Diskussion dadurch befruchtet, dass er die Forschung angekurbelt hat. Damals hat man erstmals darüber gesprochen, dass eine Heilung möglich sein könnte.“

Der Fall Brown war eine Inspiration für Forscher weltweit

Auch für Anthony S. Fauci, Pionier der Aids-Forschung, Chef des Nationalen Instituts für Allergie und Infektionskrankheiten der USA und 2013 Preisträger der Berliner Robert-Koch-Stiftung, ist der Fall Brown der Beleg dafür, dass man weit über die medikamentöse Aids-Therapie hinaus denken könne. Der wundersame Fall des „Berliner Patienten“, da sind sich die Forscher weltweit einig, war die Inspiration für die weitere Aids-Forschung schlechthin.

Unter anderem forscht Paula Cannon von der University of Southern California in Los Angeles. Die Mikrobiologin will eine Gentherapie für HIV-Infizierte entwickeln, die Browns Stammzelltransplantation nachahmt. Das Prinzip: HIV-Patienten werden eigene blutbildende Stammzellen entnommen, sie werden gentechnisch in Richtung HIV-Resistenz verändert und dem Patienten wieder implantiert.

Die Hoffnungen auf eine neue Therapie sind groß

Eigene Stammzellen wären verträglicher als fremde Stammzellen zu implantieren, die abgestoßen werden. So könnte man der HIV-Vermehrung sozusagen mit eigenen Mitteln einen Riegel vorschieben, die restlichen noch im Blut schlummernden Viren würden nach einiger Zeit absterben, ohne sich vermehrt zu haben. Noch ist es nicht so weit, die Forschung dauert an. Bei Mäusen aber funktioniert die Methode schon. Die Hoffnungen der Forscher sind groß.

Alles begann 2007 in Berlin. „Ich habe damals damit gerechnet, dass der Fall hohe Wellen schlagen wird“, sagt Gero Hütter. „Aber der Hype kam unerwartet. Eigentlich war der Fall noch gar nicht wissenschaftlich publiziert. Aber auf einem kleinen Medizinersymposium berichteten wir schon davon – das hat ein Reporter des Wall Street Journal mitbekommen. Danach brach die Medienlawine los.“

Der Berliner Patient hat eine Stiftung gegründet

Timothy Brown, der zu einem der berühmtesten Patienten der Geschichte wurde, geht es heute richtig gut, sagt Hütter, der weiter Kontakt zu ihm hat und gelegentlich mit ihm zusammen Vorträge hält. Zwar sei Brown durch die Nebenwirkungen der Transplantationen leicht behindert, „aber durch den Ortswechsel zurück in die USA ist er psychisch aufgeblüht und hat ein neues Feld gefunden: Er hat akzeptiert, dass HIV durch seine einzigartige Heilung sein Thema geworden ist“, berichtet Hütter. Der US-Amerikaner fühlt sich verantwortlich, die Aids-Forschung voranzubringen und hat eine eigene Stiftung gegründet. Mittlerweile ist er fachlich so versiert, dass er mit Virologen auf Augenhöhe diskutieren kann, wie Hütter berichtet.

Vielleicht aber ist Timothy Brown nicht mehr lange der einzige geheilte HIV-Patient. Noch hüllen sich die Forscher in Schweigen, aber offenbar hat sich das Wunder von Berlin wiederholt. Es gebe in Deutschland einen zweiten Fall Brown, sagt Gero Hütter. Ein Patient, der seit zwei Jahren ohne Medikamente lebt und in dessen Blut ebenfalls keine HI-Viren mehr nachweisbar sind. Noch ist das nicht offiziell. Aber es kommt wieder Bewegung in den Kampf gegen HIV.