Missbrauch

Kirche behinderte Ermittlungen gegen Canisius-Täter

Der mutmaßliche Haupttäter im Skandal mit mehr als 100 Opfern soll auch in Hildesheim ein Mädchen bedrängt haben.

Berlin/Köln. Die katholische Kirche hat strafrechtliche Ermittlungen gegen den Haupttäter der Missbrauchsfälle vom Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg offenbar aktiv behindert.

Diesen Schluss legen Recherchen des Westdeutschen Rundfunks nahe, die am Montagabend in der ARD in dem Dokumentarfilm „Richter Gottes“ veröffentlicht werden (22.45 Uhr, Die Story im Ersten). Es geht um den früheren Jesuitenpater Peter R., der sich in den 80er-Jahren am Berliner Canisius-Kolleg an Schülern vergangen hatte. Die Rede ist von mehr als 100 Opfern.

Als die Berliner Morgenpost im Januar 2010 über diese Vorfälle sowie über das Schuldeingeständnis des damaligen Rektors Pater Klaus Mertes berichtete, nahm der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche seinen Lauf. Die Berliner Staatsanwaltschaft erklärte die Taten 2010 jedoch für verjährt. Es gab keine strafrechtlichen Konsequenzen.

Bistum informierte nicht die Behörden

Der Haupttäter R. war von den Jesuiten bereits ins niedersächsische Hildesheim versetzt worden. Dort meldete sich im April 2010 ein Mädchen beim Bistum und gab an, der Pater habe sie sexuell bedrängt. Nach den Recherchen der Autorin des Filmbeitrags informierte das Bistum jedoch nicht die Behörden, sondern leitete eine interne Untersuchung ein.

Erst nachdem das Mädchen in die Kinderpsychiatrie eingewiesen worden war, schaltete die Kirche auf Drängen der Eltern die Behörden ein. Das Bistum erwähnte aber in der Anzeige nicht, dass es sich bei dem Mann um den Haupttäter des Canisius-Kollegs handelte. Die Hildesheimer Staatsanwaltschaft ging von einem Einzelfall aus und stellte den Fall gegen Geldbuße ein.

„Wir sind es möglichen weiteren Opfern schuldig, dass wir die neuen Erkenntnisse, die wir jetzt bekommen haben, prüfen“, zitiert der WDR den Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Man prüfe, ob sich daraus jetzt neue Ermittlungsansätze ergäben.