Neues Stadtquartier

An der Bundesallee wird ein Stück Stadt geheilt

Wo einst Marlene Dietrich und Kurt Tucholsky in der Nachbarschaft wohnten, werden nun historische Fluchten wieder hergestellt.

Marlene Dietrich hat in der Nachbarschaft gewohnt, Kurt Tucholsky und Heinrich Mann auch, und Loriot ging an der Nachodstraße zur Schule. Die Bundesallee war vor dem Krieg, als sie noch Kaiserallee hieß, eine gute Adresse. Doch nur wenig der alten Pracht hat den Zweiten Weltkrieg überlebt. Wer Karten aus der Nachkriegszeit betrachtet, sieht, dass rund 50 Prozent der Gebäude im Bereich der nördlichen Bundesallee fast völlig zerstört waren. Das Viertel wurde wieder aufgebaut, wenig im Stil der Gründerzeit, viel im Beton-Look der 70er-Jahre. Vorgärten verschwanden, Parkplätze wurden angelegt, Straßen verbreitert. Die Bundesallee ist heute noch ein Symbol für die Zeit, in der die Stadt fast ausschließlich auf das Auto zugeschnitten wurde.

Beispiel dafür ist das Gebäude an der Ecke Bundesallee und Nachodstraße. So richtig schön war der 1973 erbaute Betonplattenbau nie. Durch einen großen Parkplatz von der Bundesallee getrennt, springt er aus der alten Bauflucht. Bis Ende 2013 diente das Haus als Jobcenter. Seither steht es leer. Jetzt entkernen Handwerker das Gebäude, Altmetalle werden geborgen und gefährliche Faserstoffe entsorgt. Dann wird es abgerissen. Seit Mai 2015 gilt ein eigens für das Projekt festgesetzter Bebauungsplan, der anstelle des Betonklotzes einen elegant geschwungenen, bis an die Straße vorgerückten Komplex aus Büros, Geschäften und Restaurants sowie 85 Wohnungen zum Innenhof vorsieht.

Schon 2012 hat die Schweizer SSN-Group das knapp 7500 Quadratmeter große Grundstück erworben. Die in Deutschland unter dem Dach der Holding operierende SSN Development hatte in Übereinstimmung mit dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf in einer Art Wettbewerb vier Architekten mit der Ausarbeitung von Plänen für das Areal beauftragt. Den Zuschlag erhielt das Berliner Architektenbüro Krüger Schuberth Vandreike (KSV), das bereits 2013 erste Simulationen vorstellte.

Projektentwickler lobt Zusammenarbeit mit dem Bezirk

„Wir haben die Pläne für das Projekt in den Fraktionen diskutiert und gemeinsam Vorschläge für Änderungen erarbeitet“, sagt Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Der nun entstehende Neubau werte das gesamte Viertel auf. „Wir wollten hier ganz bewusst eine Reurbanisierung erreichen“, sagt Bertram Vandreike von der Architektengruppe KSV. „Wir haben die alten Straßenräume weitgehend wiederhergestellt und auch einen Nutzungsmix eingeplant, der typisch für das Viertel ist.“

„Die Zusammenarbeit mit dem Bezirk hat sich gelohnt,“ zeigt sich auch Projektentwickler Markus Palm von der SSN Development zufrieden. Der Neubau sei ein Stück Stadtreparatur, weil er das ganze Stadtquartier wieder näher an die Bundesallee rücke. Es werde nicht nur eine Lücke geschlossen, die viel befahrene Kreuzung am Eingang zum Berliner Westen erhalte wieder einen attraktiven Blickfang.

Der Bereich zu Bundesallee und Nachodstraße ist in drei voneinander unterscheidbare Baukörper geteilt, die in turmartigen Aufbauten bis zu zehn Geschosse hoch werden. Im Sockelgeschoss sollen auf etwa 2000 Quadratmetern Läden und Restaurants Platz finden, darüber werden Büros auf einer Gesamtfläche von 18.000 Quadratmetern eingerichtet.

Ruhiges Wohnen im Innenbereich des Prager Hofgartens

In der „zweiten Reihe“, so Markus Palm, soll loftähnliches Wohnen entstehen. 85 Wohnungen auf etwa 6900 Quadratmetern sind zum grünen Prager Hofgarten hin geplant. Die unter dem Komplex bereits vorhandene Tiefgarage soll ebenfalls nach der Modernisierung weitergenutzt werden.

Die Düsseldorfer SSN hat in Deutschland hauptsächlich in Nordrhein-Westfalen Projekte realisiert. Dazu gehören das Max-Ernst-Museum in Brühl, die Synagoge in Bochum und das „Haus der Architekten“ in Düsseldorf. Die Architektengruppe Krüger Schuberth Vandreike hat sich in Berlin mit der Humboldt-Box an der Schlossbaustelle einen Namen gemacht.