Berlin

Tiger, Bär und Meisterdiebe für Berliner Schüler

Beim zwölften bundesweiten Vorlesetag lesen Prominente aus ihren Lieblingsbüchern vor

Veronica Ferres verzieht das Gesicht, gestikuliert wild mit den Armen und verstellt ihre Stimme. „Mein Name ist Eduard Käsebier, ich bin ein Meisterdieb“, sagt die Schauspielerin, und die Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse der Otto-Wels-Grundschule an der Alexandrinenstraße sind plötzlich ganz still. Ein Mädchen hat auf dem Schoß der 50-Jährigen Platz genommen, alle anderen sitzen um Ferres herum. Statt normalen Unterrichts steht am Freitagvormittag eine Vorlesestunde mit prominentem Besuch auf dem Stundenplan. Zum zwölften bundesweiten Vorlesetag, an dem sich in ganz Deutschland mehr als 100.000 Vorleserinnen und Vorleser beteiligen, hat sich Veronica Ferres als Lesebotschafterin die Grundschule in Kreuzberg und das Buch „Allein unter Dieben. Meine verrückte Verbrecherfamilie und ich“ von Frank Schmeißer ausgesucht.

Vorher sei sie aufgeregter gewesen als vor einer Preisverleihung oder Premiere, sagt sie. Ihre Tochter sei schließlich schon 14 Jahre alt und sie deshalb mit dem Vorlesen ein wenig aus der Übung. „Die größte Herausforderung ist es, eine Stunde lang die Spannung zu halten“, sagt Ferres. „So lange still zu sitzen, ist für Kinder sehr anstrengend.“ Deshalb habe sie eine Geschichte ausgewählt, bei der sie die Kinder miteinbeziehen könne. „Wer von euch weiß, was ein Dietrich ist?“, fragt die Schauspielerin, als sie von der Verbrecherfamilie Käsebier erzählt. „Und wer waren eigentlich die Eltern von Jesus?“, als Eduard Käsebier beim Erzählen der Weihnachtsgeschichte ins Stottern gerät. Ihre neun- bis zehnjährigen Zuhörer danken es ihr mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Nur die beiden Fernsehteams, die hinten in der Klasse sitzen, um den Vorlesetag zu begleiten, sind mindestens genau so spannend.

Zeitgleich hat Ferres’ Kollegin Katja Riemann im Fröbel-Kindergarten „Kleine Füße – Naseweis“ an der Auerstraße Janoschs „Oh, wie schön ist Panama“ aufgeschlagen. Ebenso wie Finanzminister Wolfgang Schäuble, Moderatorin Anne Will, Designerin Jette Joop und Sängerin Mandy Capristo beteiligt sich die Schauspielerin als Lesebotschafterin am Aktionstag der Stiftung Lesen. Der Vorlesetag soll ein Zeichen für das Lesen setzen, die Freude am Vorlesen wecken, langfristig Lesekompetenz fördern und Bildungschancen eröffnen.

19 Kinder sitzen in Friedrichshain auf grünen Kissen und roten Liegestühlen, der Projektor läuft. Alles wie geplant, nur eine Person fehlt noch: Katja Riemann. Die Vorleserin für die fünf- bis sechsjährigen Kinder des Fröbel-Kindergartens. „Die hat in ‚Bibi Blocksberg‘ mitgespielt“, wissen die Kinder und schauen neugierig auf das Bild, das bereits an die Wand projiziert wird. Ein Tiger und ein Bär, daneben der Titel „Oh, wie schön ist Panama“.

Plötzlich öffnet sich die Tür und die Schauspielerin steht in dem gelb-grün gestrichenen Raum, in dem alles auf Kindergröße gehalten ist. Groß, mit kurzen blonden Locken und in einem dunkelroten, schlichten Kleid. Sie ist zum ersten Mal dabei und beginnt sofort mit lebendiger Stimme, die Geschichte vorzutragen. Die Kinder sind begeistert. Vor lauter Aufregung unterbrechen sie die Vorleserin immer wieder. „Als ich so alt war wie ihr“, sagt Katja Riemann, „war ich gar nicht in einem Kindergarten. Meine Mutter war arbeiten und ich musste mich alleine beschäftigen. Meistens habe ich dann geschaukelt.“ Der Tiger und der Bär sind in Panama angekommen und die Kinder applaudieren. Dann dürfen sie alle noch in dem Buch der Schauspielerin unterschreiben. Zum Abschied wollen sie ihrem Gast noch ein englisches Lied vorsingen. „Hoffentlich muss ich nicht weinen“, sagt Katja Riemann. Das muss sie nicht.