Flüchtlinge in Berlin

„Meine Heimat gibt es nicht mehr“

Deutsch lernen, studieren und in Frieden leben: Was der 18-jährige Syrer Mohammed* nach seiner Flucht für seine Zukunft hofft.

Er würde gerne Deutsch lernen und Informatik studieren: Der 18 Jahre alte Syrer Mohammed* in einem Berliner U-Bahnhof

Er würde gerne Deutsch lernen und Informatik studieren: Der 18 Jahre alte Syrer Mohammed* in einem Berliner U-Bahnhof

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Vor einigen Monaten habe ich das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, noch einmal gesehen. Aber nur auf einem Foto, dass mir meine Freunde per Whatsapp aufs Handy gesendet haben. Darauf sieht man, dass die Fassade total verrußt und verbrannt war. Ein Nachbarhaus war nur noch eine durchlöcherte Ruine. In unsere Straße gab es schwere Kämpfe mit Panzern, haben mir meine Freunde geschrieben. Ich bin so froh, dass wir dort schon vor drei Jahren weggezogen sind. Wir sind nach Jordanien gegangen, bevor es in Syrien so schlimm wurde. Und ich bin sehr dankbar, dass wir es bun bis nach Deutschland geschafft haben, mein Vater, mein Cousin und ich.

Seit diesem letzten Foto habe ich von meinen Freunden nichts mehr gehört. Ich hoffe, dass sie noch leben. Die meisten sind in der Türkei. Meine Mutter und meine beiden Schwestern leben noch in Jordanien. Ich hoffe, wir können sie bald nachholen.

Flüchtlinge haben in Jordanien keine Chancen

Wir sind im Sommer nach in Deutschland gekommen, weil wir eine Zukunft für unsere Familie haben wollen. Für mich, ich bin 18, meinen Vater, der Elektroingenieur ist, aber auch meine Mutter, sie ist Englischlehrerin, und meine beiden kleinen Schwestern, sechs und 14 Jahre alt. Ich vermisse sie sehr. Sie sind nicht mit auf die Flucht gekommen, das war auch besser so. Auch wenn wir nicht mit dem Boot und über die lange Route zu Fuß gekommen sind, sondern mit dem Flugzeug – das, was ich in den sechs Wochen am Lageso in Berlin erlebt habe, hätte ich ihnen nicht zumuten wollen.

Die letzten drei Jahre haben wir in Amman in Jordanien gewohnt. Dorthin sind sehr viele Syrer geflohen. In Jordanien hat man aber als syrischer Flüchtling kaum Chancen auf mehr als das bloße Überleben. Alles ist sehr teuer. Syrer gelten als Menschen zweiter Klasse. Überall erlebt man Zurückweisung und Benachteiligung. Ich konnte zur Schule gehen, aber in Jordanien hätte ich nicht studieren können.

In Deutschland dagegen wird das möglich sein, da bin ich sicher. Wir sehen, dass Deutschland uns Syrern gegenüber freundlich gesonnen ist. Also den Menschen, die vor dem Krieg fliehen und nichts weiter wollen als ein friedliches Leben, eine Arbeit, eine Zukunft eben. Wir haben Freunde in Hamburg, es ist eine deutsche Familie, die uns einige Male in Amman besucht hat. Der Vater ist Arzt in einem Hamburger Krankenhaus, er stammt ursprünglich auch aus Syrien, lebt aber schon sehr lange in Deutschland.

Ich hatte sehr viel Angst vor dem Krieg

Die Hamburger Freunde haben uns immer wieder geraten, zu kommen. Erst hatten wir Angst, auch in Jordanien sah man im Fernsehen ja die Bilder von den überfüllten Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer. Also haben meine Eltern über verschiedene Mittelsmänner schließlich Pässe besorgt für mich, meinen Vater und meinen Cousin. Wir hatten darin eine andere Nationalität, ich weiß nicht mehr welche, aber damit konnten wir problemlos in Amman einchecken. Wir sind dann nach Hamburg geflogen.

Als Kind, hat meine Mutter mir erzählt, war ich schon einmal in Hamburg, und auch in Paris, aber daran erinnere ich mich nicht mehr. Meine Mutter hat mir von den Reisen erzählt. Es war lange vor dem Krieg, als wir noch ganz normal in Damaskus gelebt haben. Mein Vater arbeitete für eine große Firma in der Instandhaltung von Industriemaschinen. Der Job war gut, aber als der Krieg ausbrach, wurde in Syrien alles schwierig. Die Preise stiegen, und ich hatte sehr viel Angst vor dem Krieg, der immer näher nach Damaskus kam. Ich habe meine Eltern immer wieder gedrängt, aus Syrien wegzuziehen. Als die Firma meines Vaters sich schließlich nach Amman verlagerte, sind wir mitgegangen. Das war vor drei Jahren. Meine Mutter hat in Amman keine Arbeit gefunden.

Nachdem wir in Hamburg ankamen, stellten wir dort unsere Anträge auf eine Aufenthaltsgenehmigung. Dann wurden wir von einer Stadt in die nächste geschickt, nach Hannover, Kiel, schließlich nach Berlin in ein Heim in Spandau, in der wir mit vielen anderen Leuten in einem Raum lebten. Am nächsten Tag besuchten wir zum ersten mal das Gebäude, das unter Flüchtlingen nur das „Social“ genannt wird, das Lageso in Moabit. Dort sollten wir uns anstellen, uns registrieren zu lassen und eine Wartemarke für die weitere Bearbeitung unserer Anträge zu bekommen.

Sechs Wochen am Lageso

Das Gedrängel dort war fürchterlich. Ich hatte nicht erwartet, dass so viele Flüchtlinge in Deutschland sein würden. Eigentlich mag ich es nicht, mich vorzudrängen, aber uns war schnell klar, dass man anders gar nicht vorankommen würde. Glücklicherweise bekamen wir unsere Wartenummern gleich am ersten Tag. An den folgenden Tagen sollten wir dann darauf warten, bis sie aufgerufen würden.

Was mich total genervt hat, war dieses Chaos und das Gedrängel überall. Im Heim war es so, im Lageso, überall. Im Heim hatten sie uns gesagt, wir könnten auch dort warten, bis unsere Anträge bearbeitet sein. Aber wie hätten wir denn in dem Durcheinander dort davon erfahren? Wir wollten sicher sein, dass wir unseren Aufruf nicht verpassen, deswegen fuhren wir jeden Morgen ganz früh zum Lageso und warteten doch von sieben Uhr morgens bis etwa um abends um acht. So machen es alle anderen auch.

Das Gedrängel wurde jeden Tag schlimmer. Die Leute schrien sich an, sie unterstellten sich gegenseitig, sich die Warteplätze wegzunehmen. Ab und zu gingen Männer aufeinander los, dann kam die Polizei. An manchen Tagen fiel die Anzeige aus, keine wusste, was los war. Am Rand saßen Mütter mit Kindern, die weinten.

Papiere verschwanden im Lageso

Wenn man die Sicherheitsleute etwas fragte, wurde man rüde abgewiesen. An einem Tag drohten zwei Männer, sich vom Balkon zu stürzen, wenn sie nicht sofort ihre Papier bekämen. Ich habe das mit dem Handy gefilmt, das war fürchterlich. Ich habe gehört, dass Leute mit den Wartemarken einen Schwarzhandel betrieben haben, ebenso die Gutscheinen für die Hostels, aber mir selbst wurde so etwas nicht angeboten. Nach zwei Wochen bekamen mein Vater und mein Cousin ihre Papiere. Ich allerdings nicht. Es hieß, dass meine Papiere verschwunden sind, aber warum, hat mir keiner erklärt.

Immerhin konnten wir dann aus der Notunterkunft in ein Hostel in Spandau umziehen, wo wir uns zu dritt zwei Räume teilen. Aber ich musste ja weiter am Lageso warten. Erst dachte ich, es dauert noch ein oder zwei Tage. Am Ende waren es noch einmal vier Wochen. Zwischendrin habe ich fast den Mut verloren. Ich dachte, es war vielleicht doch eine schlechte Idee, nach Deutschland zu kommen. Aber wo sollen wir denn hin?

Mittlerweile war mein Hotelgutschein abgelaufen, zum Glück konnte ich bei meinem Vater bleiben, der mittlerweile ein Zimmer gefunden hatte. Dort wohnen wir jetzt zu dritt, es ist eine gute Unterkunft. In der Innenstadt sind die Unterkünfte und Hostels total überfüllt. Ich habe Hotelzimmer gesehen, in denen sieben Menschen schlafen. Dort gibt es nur Gemeinschaftsbäder und -küchen, das ist nicht schön für die Leute. Gerade, wenn es große Familien sind. Am Stadtrand findet man bessere Quartiere und muss auch nicht lange suchen.

Flüchtlinge, die das System ausnutzen

Ich glaube, manches ist den Deutschen gar nicht so klar. Zum Beispiel, dass viele Flüchtlinge offenbar nicht aus Ländern kommen, in denen Krieg herrscht. Auch wenn viele angeben, sie seien aus Syrien – die meisten, so ist mein Eindruck, kommen aus anderen Ländern. Im Lageso selbst habe ich erlebt, wie sogar ein dunkelhäutiger Mann den Sachbearbeitern erzählte, er stamme aus Syrien. Er sah aus, als sei er eher aus Somalia.

Und ganz offensichtlich gibt es auch Flüchtlinge, die das deutsche System nur ausnutzen, um Bargeld zu bekommen. Meinem Vater sagte ein Mann, der an der Kasse gerade Bargeld bekommen hatte, dass er jetzt direkt ins nächste EU-Land weiterreisen wolle, um dort ebenfalls Geld zu beantragen. Ich finde, Deutschland sollte Menschen, die keinen Anspruch auf Asyl haben, schnell zurückschicken in ihre Herkunftsländer. Mein Eindruck ist, dass es auch an ihnen liegt, dass wir anderen so lange warten müssen.

Die Mitarbeiter im Lageso wirkten auf uns überfordert. Es gibt Sachbearbeiter oder Übersetzer, die nicht sehr professionell wirken. Manchmal geben sie nicht genau das wieder, was die Antragsteller sagen. Man hatte den Eindruck, manche Übersetzer bevorzugen Flüchtlinge aus ihrer jeweiligen Region.

Ich würde gern sofort deutsch lernen

Am Schlimmsten aber finde ich, dass man nie wirklich versteht, was eigentlich geschieht. Ich war so froh, als ich nach vier Wochen endlich meine Papiere bekam. Damit wurde ich zu einem weiteren Amt nach Spandau geschickt. Dort habe ich die Papiere abgegeben und man sagte mir, ich solle im Februar wiederkommen. Ab dann wird das Jobcenter für mich zuständig sein. Ich hoffe, dass ich dann eine Aufenthaltsgenehmigung bekomme und einen Sprachkurs machen kann.

Aber was soll ich in der Zwischenzeit tun? Ich würde gern sofort Deutsch lernen. Das erst Wort, das die meisten kennen, ist „Heim“. Inzwischen kann ich ein paar mehr. Ich versuche, es im Internet zu üben. Außerdem muss ich auch noch für die Schule lernen, denn leider habe ich meinen Abschluss nicht geschafft, bevor wir nach Deutschland geflohen sind. Ich muss vier Prüfungen in Amman nachholen. Danach würde ich gern technische Informatik studieren, hier in Deutschland.

Von Berlin habe ich noch nicht so viel gesehen. Wir haben eine große Shoppingmall besucht und waren einige Male an der Arabic Street essen. Dort gibt es gute arabische Restaurants. Die Straße liegt nahe am Hermannplatz. Dass die Straße Sonnenallee heißt, wusste ich nicht. Dort wird viel arabisch gesprochen. Wir fühlen uns wohl hier. Ich habe zwar gehört, dass es Menschen gibt, die gegen Flüchtlinge sind, aber solchen bin ich bisher nicht begegnet.

Meine Heimat gibt es nicht mehr

Dass wir je nach Syrien zurückkehren werden, glaube ich nicht. Die politische Situation dort ist extrem verfahren. Es gibt so viele unterschiedliche Armeen, die in unserem Land kämpfen, iranische, russische, libanesische, die syrische und die Rebellen, dann der IS. Meine Eltern haben den syrischen Präsidenten Assad lange für einen guten Mann gehalten. Heute sehen wir, was er Schreckliches angerichtet hat. Vor dem Krieg war Damaskus eine schöne Stadt, ruhig, die Menschen mochten einander. Der Krieg hat nicht nur die Städte zerstört, sonder auch das Vertrauen unter den Menschen. Heute hassen sich Leute, die bis früher Freunde gewesen sind. Plötzlich glauben Syrer, andere Syrer töten zu müssen. Das ist einfach schrecklich. Ich möchte hier bleiben und eine neue Heimat finden.

*Name geändert