Prozess in Berlin

KaDeWe: Schmuck im Wert von 817.000 Euro in 79 Sekunden

In Moabit sitzen drei mutmaßliche KaDeWe-Räuber auf der Anklagebank. Von der Beute nach dem Einbruch fehlt jedoch noch immer jede Spur.

Die Bilder der Überwachungskamera zeigen, wie brutal die Täter am 20. Dezember vorgingen

Die Bilder der Überwachungskamera zeigen, wie brutal die Täter am 20. Dezember vorgingen

Foto: Polizei

Exakt 79 Sekunden dauerte der spektakuläre Überfall auf die Schmuckabteilung des KaDeWe, der im Dezember vergangenen Jahres nicht nur in Berlin für Schlagzeilen sorgte. Knapp elf Monate später hat am Landgericht Moabit der Prozess gegen drei Männer begonnen, die nach Überzeugung der Berliner Staatsanwaltschaft an dem Überfall beteiligt gewesen sein sollen. Ganz so schnell wie die Täter ihren Raub brachte das Gericht den Prozessauftakt am Mittwoch nicht hinter sich, sonderlich lange dauerte es allerdings auch nicht. 15 Minuten nach der Eröffnung der Hauptverhandlung durch den Vorsitzenden war der erste Verhandlungstag auch schon wieder vorbei, zwei Verteidiger hatten noch andere wichtige Termine.

Angeklagt sind Jehad A.-Z. (28), sein zwei Jahre jüngerer Cousin Khalil E.-Z. und der 27-jährige Hussein M, ebenfalls Deutscher libanesischer Abstammung. Der Deutsch-Libanese A.-Z. und der Libanese E.-Z. sollen der Anklage zufolge an dem Raub direkt beteiligt gewesen sein. Ihnen wird unter anderem schwerer Raub vorgeworfen. Hussein M. hat nach Erkenntnissen der Ermittler seinen Pkw für die Tat zur Verfügung gestellt und dabei genau gewusst, was mit dem Fahrzeug geplant war. Er ist wegen Beihilfe angeklagt. Gegen drei weitere mutmaßliche Beteiligte an dem Raub, , zwei davon namentlich bekannt, wird noch ermittelt.

Vielen Berlinern sind die Ereignisse vom 20. Dezember 2014 noch in Erinnerung. Sei es durch die umfangreiche Berichterstattung der Medien zu der spektakulären Tat, sei es aus eigenem Erleben, weil sie sich zur Tatzeit gerade im durch das laufende Vorweihnachtsgeschäft völlig überfüllten KaDeWe oder davor aufhielten.

An diesem Tag, einem Sonnabend, fuhr gegen 10.20 Uhr ein dunkler Audi in der Ansbacher Straße auf den Bürgersteig und hielt unmittelbar vor dem dortigen Eingang des KaDeWe. Fünf maskierte Personen rannten unter lauten „Überfall“-Rufen in das Kaufhaus , stürmten gezielt in die an die Nobelfirmen Rolex und Chopard überlassenen Verkaufsräume, zertrümmerten mit Äxten und Macheten mehrere Vitrinen und entwendeten Schmuck sowie hochwertige Armbanduhren. Zugleich bedrohten sie anwesende Kunden sowie einen Wachmann mit einer Machete und anderen Hiebwaffen.

Täter schlugen blitzschnell und völlig skrupellos zu

Die Täter agierten nicht nur blitzschnell, sondern auch vollkommen skrupellos. Offenbar um jeden möglichen Widerstand im Keim zu ersticken, versprühten die Männer Reizgas. Mindestens 16 unbeteiligte Kaufhausbesucher erlitten zum Teil schwere Verletzungen, einige von ihnen mussten mit Augenverätzungen in Krankenhäuser behandelt werden. Anschließend rannten sie mit ihrer erlangten Beute zurück zu ihrem Fahrzeug. Anschließend gelang es ihnen trotz vieler Zeugen vor Ort unerkannt über den Wittenbergplatz zu flüchten. An dem Fahrzeug befanden sich Kennzeichen die wie sich herausstellte in der Nacht zuvor in der Klopstockstraße in Tiergarten gestohlen worden waren.

Die Bestandsaufnahme der geschädigten Firmen ergaben kurze Zeit später, dass das vermummte Quintett Schmuck und Uhren im Wert von 817.000 Euro erbeutet hatte. Und das innerhalb von 79 Sekunden, umgerechnet ein stolzer Stundenlohn. Doch so professionell die Tat selbst auch ausgeführt wurde, die Ermittlungen der Polizei zeigten trotzdem Erfolge.

Mitte März, drei Monate nach der Tat konnten die Fahnder des Landeskriminalamtes das Tatfahrzeug ermitteln und kurz drauf auch Hussein M. als Halter festnehmen. Und der beschloss offenbar, auszupacken. Der Beschuldigte habe umfassend ausgesagt, mehr teilten Staatsanwaltschaft und Polizei nicht mit. Aber es reichte augenscheinlich für weitere Festnahmen. Eine Woche nach Hussein M. wurde auch Khalil E.-Z.festgenommen. Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Jehad A.-Z. wurde Mitte April in Griechenland festgenommen, von wo er sich mit gefälschten Ausweisen in die Türkei absetzen wollte. Die beiden Cousins sitzen seither in U-Haft, der Haftbefehl gegen M. wurde später aufgehoben.

Den Fahndern des Landeskriminalamtes sind die Jehad A.-Z. und Khalil E.-Z. nicht erst seit dem spektakulären KaDeWe-Überfall bekannt, beide gehören als Angehörige einer Großfamilie zu den Stammkunden von Polizei und Justiz in Berlin. Beide nennen bereits ein umfangreiches Vorstrafenregister ihr eigen. Auch M. ist einer polizeibekannten Großfamilie zuzuordnen, die ist allerdings im norddeutschen Raum, insbesondere in Bremen aktiv.

Von der üppigen Beute fehlt nach wie vor jede Spur

Sollten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zutreffen, sind die Cousins aus der Großfamilie A.-Z. keinesfalls nur auf spektakuläre Taten spezialisiert, sondern auch kleineren Delikten nicht abgeneigt. In der Anklage gegen Jehad A.-Z. taucht auch ein Diebstahl vom März 2014 in einem Asia-Geschäft. auf. Die Beute damals: Eine Dose Garnelen. Skrupellos ging der Täter auch hier vor. selbst ein im Weg stehendes zweijährigen Mädchen hielt ihn nicht von der Flucht mit dem Auto ab. Das Kind geriet unter das Fahrzeug, wurde zum Glück nur leicht verletzt.

Auch Khalil E.-Z. ist sich für kleinere Delikte offenbar nicht zu schade. Seine Untersuchungshaft musste mehrfach unterbrochen werden. Weil zwischenzeitlich Erzwingshaft wegen nicht gezahlten Bußgelder nach diversen Verkehrsdelikten verhängt wurde.

Zum KaDeWe-Raub haben beide bislang geschwiegen. Ob das so bleibt, ist noch unklar. Das Gericht hat sich schon mal auf eine langwierige Beweisaufnahme eingestellt und 25 Verhandlungstage angesetzt. Dabei wird es auch um eine zentrale Frage gehen: Wo ist die Beute geblieben? Von der fehlt bislang jede Spur. Der Prozess wird am 25. November fortgesetzt.