Prozess in Berlin

Pflegerin verbrühte Behinderten lebensgefährlich

Susann F. hatte als Pflegerin keine Erfahrung und verbrühte einen Patienten schwer. Ein Gericht verurteilte sie zu einem Jahr Bewährung

Susann F., die am Dienstag von einem Moabiter Schöffengericht wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, hat es vorgezogen zu schweigen. Das ist ihr gutes Recht. Unterm Strich hat es ihr aber vermutlich geschadet. Denn das Geschehen ist klar bewiesen. So hat sie sich die 31-jährige Sozialarbeiterin um die Chance gebracht, dem Gericht ihr Versagen bei der Pflege eines Patienten zu erklären.

Am 19. April 2014, es war der Karfreitag, badete Susann F. in einer Frohnauer Pflegeeinrichtung den 40 Jahre alten Pierre S. Er ist schwerstbehindert, körperlich und geistig; misst nur 1,40, leidet unter spastischen Anfällen, kann nicht sprechen. Nur Pflegekräfte, die ihn gut kennen, könnten unterscheiden, ob die von ihn geäußerten Laute von Freude geprägt sind oder von Schmerzen.

Kaum Erfahrung bei der Pflege Behinderter

Susann F. hatte erst wenige Tage zuvor ihre Arbeit in der Pflegereinrichtung begonnen. Sie ist Sozialpädagogin, wurde als Gruppenleiterin eingesetzt, hatte aber offenkundig kaum Erfahrungen bei der Pflege behinderter Menschen. So hatte sie am 19. April auch zum ersten – und letzten – Mal Pierre S. gebadet.

Die Temperatur des Wassers soll dabei mindestens 45 Grad Celsius betragen haben. Pierre S. zog sich Verbrühungen zweiten und dritten Grades an zehn Prozent der Körperoberfläche zu. Von lebensgefährlichen Verletzungen und dauerhaften Vernarbungen ist im Anklagesatz die Rede. Dort wurde auch noch davon ausgegangen, dass Susann F. die Verletzungen „billigend in Kauf“ genommen, also vorsätzlich gehandelt habe.

Eine als Zeugin geladene Pflegekraft sagte vor Gericht, dass Susann F. sie am 19. April gegen 20.30 Uhr gerufen habe. Sie soll doch mal ins Bad kommen, die Haut von Pierre S. sei so komisch. „Es war viel Schaum in der Wanne, das mag er gar nicht. Und sein Gesicht war ganz blass“, erinnerte sich die 60-jährige Margit B. Als sie Pierre S. abspülte, sah sie Blasen an verschiedenen Stellen seines Körpers. Sie habe sofort vermutet, dass Susann F. den Patienten zu heiß gebadet habe, die Vorgesetzte deswegen aber nicht angesprochen, sagte die Zeugin. Susann F. habe ja auch sofort erklärt, alles richtig gemacht zu haben. Vermutlich habe sich Pierre S. die Verbrennungen an der Haut schon vor dem Baden beim Krabbeln auf dem Boden zugezogen, soll Susann F. gesagt haben.

Margit B. informierte die Rettungsstelle. Pierre S. wurde ins Humboldt-Klinikum gebracht, versorgt und anschließend ambulant betreut. Nach fünf Tagen erwiesen sich die Verletzungen jedoch als derart schwerwiegend, dass er ins Unfallkrankenhaus zu den Spezialisten für Verbrennungen gebracht werden musste. Teile seiner Haut wurden transplantiert. Seine gesetzliche Betreuerin hatte da schon Strafanzeige erstattet. Susann F. wurde wenig später beurlaubt. Ihre Kolleginnen wurden von der Leitung des Pflegeheimes angewiesen, über den Fall keine Auskunft zu geben und Fragesteller an die Heimleitung zu verweisen. Wegen einer Wundinfektion musste Pierre S. monatelang isoliert in einem Zimmer leben.

Im Februar 2015 wurde die Polizei mit Nachermittlungen beauftragt. Ein Beamter untersuchte den Tatort. Er vergaß jedoch, die Mitarbeiter zu fragen, ob die Mischbatterie kaputt gewesen oder inzwischen ausgewechselt worden sei. Das war auch der Ansatz für die Verteidigerin, die immer wieder nachfragte, ob Pierre S. versehentlich selber den Wasserhahn verstellt haben könnte. Das schlossen mehrere Zeugen jedoch aus. Susann F. muss nun auch noch 2400 Euro an die Opferhilfe zahlen.