Berlin

Jugendgewalt steigt in Großsiedlungen

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Matthias Steube

Schwerpunkte in Marzahn und Hellersdorf. Insgesamt sinken die Zahlen

Berlin und Jugendgewalt. Das war in den vergangenen Jahren oft synonym zu setzen. Rapper, Gangs aus arabischen oder türkischen Milieus, aber auch gewalttätige Auseinandersetzungen an Schulen sorgten für Schlagzeilen. Der neueste Bericht der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention, der am Montag vorgestellt wurde, kommt zu dem Ergebnis: Die Jugendgewalt ist in Berlin insgesamt weiter rückläufig.

In einzelnen Gebieten, besonders den Hochhaussiedlungen an den Stadträndern, gibt es aber weiterhin auffallend viel Jugendgewalt. Das ist das Ergebnis einer Analyse zum Jahr 2013, die im Auftrag des Senats erstellt und von Staatssekretär Andreas Statzkowski präsentiert wurde.

Der Kurfürstendamm ist einer der Schwerpunkte

Weitere Hotspots der Jugendgewalt sind sowohl die Gegend um den Kurfürstendamm mit zahlreichen Besuchern und Kneipenpublikum, als auch der Alexanderplatz und die Straße des 17. Juni wegen ihrer hohen Zahl von Veranstaltungen. Auch die Schloßstraße im ansonsten eher unauffälligen Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist ein Brennpunkt.

Zu den Bezirken mit der höchsten Fallzahl bei der Jugendgewalt zählen Mitte, Marzahn-Hellersdorf und Spandau. Während die Quote sich in Mitte deutlich und in Spandau leicht verringerte, blieb sie in Marzahn-Hellersdorf auf fast gleichem Niveau.

Dennoch seien die Zahlen mit Blick auf ganz Berlin auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren, sagte Albrecht Lüter Leiter der Arbeitsstelle Gewaltprävention. „Mit Blick auf andere Städte und Bundesländer“, so Lüter, „kommen zwar in Berlin mehr Fälle zur Anzeige, aber wir sind hier nicht die Metropole der Jugendgewalt.“

Der Bericht betont den Zusammenhang zwischen der sozialen Struktur in den Bezirken und ihrer Belastung mit Jugendgewalt. Das gelte insbesondere für die schwierigen Wohnviertel und Hochhaussiedlungen in Marzahn Nord, Hellersdorf Nord, Spandau Mitte und Märkisches Viertel in Reinickendorf. Hier spielten die sozialen Komponenten eine große Rolle, sagt Lüter, etwa jahrelanger Bezug von Hartz IV, Alleinerziehende, Jugendarbeitslosigkeit.

Für die Studie ausgewertet wurden vor allem die bei der Polizei erfassten Gewalttaten wie Körperverletzungen, Prügeleien, Raubüberfälle, Sexualdelikte, Widerstand gegen die Polizei und Gruppengewalt. Im Jahr 2013 wurden demnach 8142 sogenannte Rohheitsdelikte mit Verdächtigen im Alter von acht bis 20 Jahren registriert. Das waren immerhin 536 Fälle weniger als im Jahr davor.

Bei Raubtaten sind 90 Prozent der Verdächtigen im Alter zwischen acht und 20 Jahren männlich, bei Körperverletzungen und Bedrohungen sind es knapp 80 Prozent. Das Thema Männergewalt sei ganz elementar, sagte Lüter. Der festgestellte Rückgang der Gewalttaten war allerdings bei den männlichen Jugendlichen und jungen Männern etwas größer als bei den Mädchen und jungen Frauen.

Hellersdorf steht bei Gewalt an Schulen an der Spitze

Auffallend ist die Entwicklung von Gewalttaten an Schulen. 2013 gab es hier einen Rückgang von 13 Prozent gegenüber 2012. Mit Abstand die meisten Gewaltausbrüche gibt es an Schulen in Marzahn-Hellersdorf. Dort verübten Schüler sechsmal so viel Gewalttaten wie in „problemlosen“ Bezirken wie Pankow oder Steglitz-Zehlendorf. Und es waren immer noch doppelt so viel wie in den anderen schwierigen Kiezen in Neukölln und Mitte.

Ein weiteres Phänomen: Die Täter an den Schulen werden immer jünger. Bei 55 der Gewalttaten sind die Verdächtigen zwischen 8 und 13 Jahre alt – und damit nicht strafmündig. Auch das Mobbing, zum Teil über die sozialen Netzwerke wie Twitter und Facebook, sei an den Schulen weit verbreitet. „Die Schüler haben hier kontinuierlich mit den verschieden Arten von Mobbing zu tun“, beschreibt Lüter die Situation.

In diesem Jahr will sich die Arbeitsstelle mit politisch motivierter Jugendkriminalität etwa im Umfeld von Salafisten und mit Gewalt gegen Flüchtlinge befassen. Der Report dazu wird dann in zwei Jahren erscheinen.