Einbrüche in Berlin

Geheime Zeichen und neue Tricks der kriminellen Banden

Einbrecher sind clever. Sie benutzen Lötkolben, tarnen sich als Handwerker, holen den Schlüsseldienst und verwenden Geheimzeichen.

Die Bewohner einer Einfamilienhaus-Siedlung im Südwesten Berlins waren nicht gerade erfreut, als ausgerechnet an einem Sonnabendmorgen Hämmern und Bohren die beschauliche Ruhe störte. Manch einer fragte sich, warum der Nachbar ausgerechnet an diesem Tag neue Fenster einbauen lassen musste, ansonsten wurden die emsig werkelnden Handwerker nicht weiter beobachtet. Erst als diese nach einiger Zeit verschwanden und die ausgebauten Fenster einfach zurückließen, wurde die Nachbarschaft aufmerksam. Später wusste die ganze Siedlung Bescheid: Die vermeintlichen Handwerker waren Profi-Einbrecher, die seelenruhig und quasi vor aller Augen ihrem Gewerbe nachgegangen waren.

Der Fall, der sich Ende 2014 in Zehlendorf abspielte, ist in seiner Dreistigkeit wohl einmalig, zumindest in Berlin. Er ist aber auch ein exaktes Beispiel für den Einfallsreichtum und die Kaltblütigkeit, mit der professionelle Einbrecherbanden agieren. Kreativ sind die Täter und ihre Hintermänner sowohl in der Art und Weise, wie sie in Häuser oder Wohnungen gelangen, als auch beim vorangehenden Auskundschaften geeigneter Objekte und Gelegenheiten. Und sie lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen, wie sowohl die Polizei als auch die Versicherungen leidvoll feststellen müssen.

Löcher werden in Türrahmen gebrannt

In Berlin ziehen schon seit jeher vor allem Einfamilienhaus-Siedlungen die Täter an, aber auch Wohnungen werden immer lukrativer. Dabei nutzen sie jeweils die örtlichen Gegebenheiten. Zugänge, die auf den ersten Blick mit einfachem Werkzeugen zu öffnen sind, leicht erreichbare Fenster und Terrassentüren in nicht einsehbaren Bereichen und nicht ausgeleuchtete Grundstücke sind ideal für die Täter, warnt die Polizei.

Eine relativ neue Methode stellt der Einsatz von Lötkolben dar. Mit denen lassen sich völlig geräuschlos Löcher in Fenster oder Türrahmen brennen. So gelangen die Täter an den im Inneren des Rahmens befindlichen Schließmechanismus, der Rest ist ein Kinderspiel. Etwas schwieriger, aber nach wie vor gern angewandt: Eine Drahtschlinge durch das eingebrannte Loch zu schieben um damit von Innen die Verriegelung zu bewegen. Nach Erkenntnissen der Berliner Polizei ist diese Methode seit Sommer dieses Jahres häufiger angewandt worden.

Saugglocke zieht den Schließzylinder raus

Eine weitere Einbruchmethode ist die Verwendung von Saug- oder Ziehglocken. Dabei wird zunächst eine Stahlschraube mitten in den Schließzylinder der Eingangstür gebohrt, exakt dort, wo üblicherweise der Schlüssel eingesteckt wird. Sitz die Schraube fest, wird die Glocke aufgesetzt, die dann mit gewaltiger Kraft die Schraube mitsamt dem ganzen Zylinder aus der Tür bricht. Wie auch immer die Täter vorgehen, Versuche in einem von der Versicherungswirtschaft betriebenen Testlabor ergaben, dass professionelle Einbrecher zwischen zehn und 30 Sekunden benötigen, um oft mittels einfachstem Werkzeug wie Schraubendrehern in die Häuser oder Wohnungen zu gelangen.

Ähnlich dreist wie der Einstieg in das Haus in Zehlendorf ist eine Methode, die nach einem Lagebild des Bundeskriminalamtes (BKA) bei Einbrüchen in Wohnungen zur Anwendung kommt. Haben sich die Täter vergewissert, dass die Inhaber abwesend sind, rufen sie einen Schlüsseldienst an und weisen sich mit gefälschten Ausweisen als Inhaber oder Mieter aus. Die Tür wird geöffnet und die Täter haben freie Bahn.

Besonders vielseitig erweisen sich Profi-Einbrecher, wenn es darum geht, geeignete Objekte auszuspähen. Stundenlang auf der Lauer liegen, um festzustellen, wann die Bewohner abwesend sind, ist eine Masche von gestern. Heute wird auch in diesem Geschäft zunehmend das Internet genutzt. Wer unbedingt über die sozialen Medien Freunden und Bekannten Urlaubsgrüße und Fotos von Sonne, Strand und Palmen senden möchte, sollte wissen, dass es nicht nur Freunde und Bekannte sind, die mitlesen. Einbrecher sind ebenfalls dankbar für die Information, wer gerade abwesend ist.

Todesanzeigen studieren

Besonders perfide ist die Masche, Todesanzeigen zu studieren, in denen üblicherweise auch Tag und Uhrzeit der Beerdigung angegeben ist. Da häufig auch die letzte Adresse des Verstorbenen und seiner Hinterbliebenen angegeben wird, wissen die Täter genau, wann sie wo am besten einsteigen können. Dazu kommt noch eine Vielzahl von Ausspähmethoden, die schon lange üblich sind, aber immer noch Erfolg versprechen. (siehe Grafik)

Beliebt sind in diesen kriminellen Kreisen auch die so genannten Gaunerzinken. Für den Außenstehenden sind das – vorausgesetzt er nimmt sie überhaupt war – sinnlose Schmierereien an Häuserwänden oder Gartenmauern. Für Eingeweihte halten sie dagegen eine Fülle von Informationen bereit. Wer wohnt dort, wann sind die Bewohner zu Hause, was ist zu holen, all das kann der Profi den winzig kleinen Kritzeleien entnehmen. Und die Botschaften werden nicht nur für Einbrecher hinterlassen, auch Trickbetrüger, Diebe oder Bettler profitieren von ihnen.

Auch Veranstaltungskalender bergen für Einbrecher nützliche Informationen. Stehen Großveranstaltungen wie Fußballspiele oder Demonstrationen an, wissen die Täter, dass die Polizei gefordert ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Beamten bei einem Einbruch nicht ganz so schnell vor Ort sind, ist groß.

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