Kriminalität

Wo Einbrecher in Berlin am liebsten zuschlagen

Berlin ist die Einbrecher-Hochburg – vor allem in der dunklen Jahreszeit. Wer die Diebe sind und warum es so schwer ist, sie zu fassen.

Sie kommen kurz vor Mittag oder nachts um halb zwei. Sie kommen allein im Blaumann, als Handwerker getarnt. Oder zu dritt, maskiert und gehen äußerst brutal vor. Ihre Ziele sind Mietwohnungen, Kellerverschläge, Einfamilienhäuser am Stadtrand und Villen in Dahlem oder Frohnau. Und sie haben in der dunklen Jahreszeit Hochsaison.

Berlin ist eine Hochburg der Einbrecher. Die Zahlen liegen seit Jahren auf hohem Niveau. Seit 2012 pendeln sie sich bei rund 12.000 Taten pro Jahr ein. Die Aufklärungsquote dümpelt bei rund sieben Prozent. Die meisten Wohnungseinbrüche verzeichnet die Statistik der Polizei in Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte. Bei Einbrüchen in Einfamilienhäuser stehen Steglitz-Zehlendorf und Reinickendorf an der Spitze.

Nach Einschätzung der Berliner Polizei könnte es im laufenden Jahr weniger Einbrüche geben. Und das gegen den Bundestrend. So wurde von Januar bis September ein Rückgang von bis zu 25 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2014 registriert. Deutlich zurückgehen werden die Zahlen in den alten Hochburgen. Charlottenburg-Wilmersdorf weist in der Tendenz einen Rückgang von bis zu 25 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf. Gleiches gilt für Mitte.

Deutlich zunehmen werden die Fallzahlen dagegen in Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Köpenick. Hier zeigt die Entwicklung eine Zunahme von mehr als 25 Prozent. Mit steigenden Zahlen rechnet die Polizei auch in Spandau. Dort wird mit einem Anstieg zwischen 5 und 25 Prozent gerechnet.

Die gute Nachricht: Fast jeder zweite Einbruch scheitert

In den Zahlen sind auch die gescheiterten Versuche enthalten. Diese lagen im Vorjahr bei knapp 40 Prozent. Was wiederum heißt, fast jeder zweite Einbruch scheiterte. Entweder weil Häuser und Wohnungen gut gesichert waren. Oder die Täter bei ihrem Versuch gestört wurden. Die Einbruchsermittler der Berliner Polizei gehen davon aus, dass insbesondere Gelegenheitseinbrecher aufgeben, wenn sie nicht innerhalb von ein, zwei Minuten eine Tür oder ein Fenster öffnen können. Das zeigt, wie wichtig das Thema Einbruchsschutz ist. Um die Prävention zu stärken, hatte Innensenator Frank Henkel (CDU) die Gebühren wieder abgeschafft, die zuvor Haus- und Wohnungseigentümer bei der Beratungsstelle Einbruchschutz zu zahlen hatten.

Bei den Schäden, die die Einbrecher verursachen, weisen die Zahlen ebenfalls nach oben. Im vergangenen Jahr machten sie Beute im Wert von mehr als 43 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor gab die Polizei den Schaden noch mit mehr als 37 Millionen Euro an. Auch der durchschnittliche Schaden pro gelungenem Einbruch steigt: von 5314 Euro in 2013 auf 5807 Euro im vergangenen Jahr. In diesen Zahlen nicht enthalten sind die Schäden, die Einbrecher verursachen, wenn sie Wohnungs- oder Terrassentüren zerstören, oder eine Wohnung auf der Suche nach Beute total verwüsten. Oder ganze Häuser unbewohnbar machen, wie jüngst im brandenburgischen Senftenberg geschehen.

Zwei polizeibekannten Männer waren in Büroräume eines Mehrfamilienhauses eingedrungen und hatten Computertechnik gestohlen. Anschließend legten sie Feuer, um Spuren zu verwischen. Dabei kam es zu einer Detonation, die das Mehrfamilienhaus unbewohnbar machte. Doch wer sind die Täter, die solche Einbrüche verüben? In Berlin wurden im vergangenen Jahr 792 Tatverdächtige ermittelt. Von denen besaß fast jeder Zweite (48,6 Prozent) nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. 73 Prozent waren mit einem Wohnsitz in Berlin gemeldet. Und: 87,6 Prozent waren polizeilich bereits in Erscheinung getreten.

Ein besonderes Problem dabei sind reisende Tätergruppen. Der Polizei gelingt es zwar immer mal wieder, einzelne Einbrecher festzunehmen, die Chance, auf die Spur von Hintermännern und Drahtziehern zu kommen, ist allerdings äußerst gering.

Im Kriminalgericht Moabit sind dieses Jahr bereits mehr als zwei Dutzend Prozesse gegen Mitglieder von Einbrecherbanden geführt worden. Der Erkenntnisgewinn für die Ermittler tendierte dabei gegen Null.

Derartige Prozesse laufen in aller Regel so ab, dass die Angeklagten in kurzen, von ihren Verteidigern verlesenen Erklärungen, die ihnen vorgeworfenen Taten gestehen. Alle weiteren Fragen der Richter, wie und von wem sie angeworben und für ihr kriminelles Gewerbe ausgebildet wurden, wie sie nach Berlin kamen, wer hier ihre Komplizen und ihre Chefs waren, werden, wenn überhaupt, nur sehr spärlich beantwortet. Und dazu nach dem immer gleichen Muster, das darauf schließen lässt, dass sie für den Fall einer Festnahme schon vorher ganz genaue Verhaltensregeln erhielten.

Davon geht man auch bei der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe (GEG) der Berliner und Brandenburger Polizei sowie in den Fachdienststellen der beiden Landeskriminalämter aus. Die Ermittler sind überzeugt, dass den Tätern schon bei der Einreise gesagt wird, sie sollten im Fall einer Festnahme eisern schweigen, man werde sich dann um sie und ihre Familien kümmern. Ermittler aus dem Bereich der organisierten Kriminalität verwenden den Begriff Mafia eher ungern und entsprechend selten. Aber es ist das in mafiösen Strukturen übliche Prinzip des Schweigens, mit dem die Beamten bei der Vernehmung festgenommener Täter in nahezu allen Fällen konfrontiert wurden. Man wisse wenig über die Strukturen der Banden und deren Hintermänner, räumt ein Ermittler ein.

Die Fachleute des LKA wissen immerhin, dass in einzelnen Städten und Regionen immer ein hochrangiges Bandenmitglied die Fäden zieht, der sogenannte Resident. Er organisiert Anreise und Unterkunft und kümmert sich nach erfolgreichem Einbruch um die Verwendung der Beute. Teils wird diese noch vor Ort an Hehler verkauft, teils zügig über die Grenze Richtung Osten transportiert. Die Residenten – dies macht ihre Überführung so schwierig – bleiben im Hintergrund und beteiligen sich nicht an den Einbrüchen. Ihnen etwas nachzuweisen, sei ausgesprochen schwierig, berichten Ermittler.

An möglichst detaillierten Hintergrundinformationen zu den Banden, ihren Strukturen und Drahtziehern sind nicht nur die Ermittler aus dem Bereich der organisierten Kriminalität bei Polizei und Staatsanwaltschaft brennend interessiert. Einbrüche sind immer auch Versicherungsfälle, entsprechend groß ist daher das Interesse der betroffenen Gesellschaften.

Angehende Einbrecher werden in speziellen Gebäuden trainiert

Die wiederum verlassen sich nicht nur auf Polizei und Justiz, sondern beauftragen häufig private Ermittler mit Nachforschungen. Rainer Fuchs ist Mitarbeiter einer Detektei, die schon seit vielen Jahren regelmäßig für Versicherungsgesellschaften arbeitet. Der 47-Jährige, ein ehemaliger Kriminalbeamter aus Hessen, hat in dieser Zeit einige Einblicke in das Bandenwesen bekommen. Absolute Diskretion hat in seinem Gewerbe höchste Priorität, den Namen der Wirtschaftsdetektei, für die er arbeitet, möchte Fuchs nicht nennen, auch über die Versicherer, die ihn beauftragen, schweigt er sich aus. Ansonsten hat er viel Interessantes zu berichten.

Geld spielt demnach für die Banden keine Rolle. In den osteuropäischen Heimatländern der Bandenmitglieder existieren Fuchs zufolge regelrechte Trainingsstätten, deutschen Einfamilien-, Reihen- und Mietshäusern nachempfundene Gebäude, die mit allen Sicherungssystemen ausgestattet sind, die die Branche anbietet. Dort lernen die angehenden Einbrecher, wie man eben diese Systeme überwindet und ausschaltet.

"Wer dann nach Deutschland oder in ein anderes west- oder nordeuropäisches Land kommt, ist fachlich topfit", erklärt Fuchs. Außerdem gönnen sich die Bandenchefs nach Angaben des Privatermittlers offenbar eigene Computerexperten, die permanent neue Software zum Überwinden elektronischer Sicherungen entwickeln.

Wegen der steigenden Einbruchszahlen in Berlin greifen immer mehr Menschen auf den Schutz privater Sicherheitsdienste zurück. "Der Trend ist unverkennbar", sagt Berthold Stoppelkamp, Leiter des Hauptstadtbüros des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft (BDSW), der Berliner Morgenpost. Nach Schätzungen mehrerer Branchenverbände nutzen zwischen 3000 und 5000 Berliner Haushalte inzwischen die Angebote privater Sicherheitsfirmen.

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