Verkehrsprojekt Deutsche Einheit

Mit der Bahn schneller nach Erfurt und Frankfurt

Am 9. Dezember wird in Leipzig der erste Teil einer neuen ICE-Trasse Berlin–München eröffnet. Die Lokführer dürfen auf der 123 Kilometer langen Strecke schon mal üben

Auf Probefahrt: Die Lokführer Steffen Cornelius (l.) und Dietmar Konrad im Führerstand

Auf Probefahrt: Die Lokführer Steffen Cornelius (l.) und Dietmar Konrad im Führerstand

Foto: Thomas Fülling / BM

Kennen Sie schon die Finne? Wer künftig mit dem Zug in Richtung München unterwegs ist, wird den kleinen Höhenzug in Thüringen rasch kennenlernen. Viel werden die Reisenden indes nicht zu sehen bekommen, denn der ICE rast mit Tempo 230 mitten durch den Berg hindurch. Die beiden sieben Kilometer langen Röhren des Finnetunnels sind Teil einer neuen, 123 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitstrasse, die die Deutsche Bahn in den vergangenen 15 Jahren zwischen dem Knoten Leipzig/Halle und der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt errichten ließ. Sie ist Teil des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit (VDE) Nummer 8, des letzten großen Infrastrukturvorhabens, mit denen die Folgen der deutschen Teilung überwunden werden sollen.

Am 9. Dezember will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die 2,8 Milliarden Euro teure Trasse offiziell freigeben. Ab dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember fahren alle Schnellzüge von Berlin in Richtung Franken und Bayern über die neue Strecke. Auch ein Teil des ICE-Verkehrs nach Hessen wird dann über die neue Hochgeschwindigkeitstrasse geführt. „Wir haben dann hier Deutschlands modernste Bahnstrecke“, freut sich der Berliner Konzernbevollmächtigte Alexander Kaczmarek über die neue Verbindung.

Berliner profitieren besonders von der neuen Strecke

Denn die deutsche Hauptstadt wird ganz besonders von der neuen Trasse profitieren, die im Fernverkehr die zwar landschaftlich reizvolle, aber wegen ihres Schlängelverlaufs zu langsame Verbindung durchs Saaletal ersetzt. Dadurch verringert sich die Fahrzeit etwa von Berlin nach Erfurt um fast 50 Minuten auf dann nur noch eindreiviertel Stunden. Vor allem Geschäftsfreisende dürften sich darüber freuen, dass sich auch die Fahrzeit bis Frankfurt am Main spürbar reduziert. Die Bahn lässt auf der neuen ICE-Linie 15 täglich vier, am Freitag und Sonntag sogar sechs Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Berlin und der Main-Metropole fahren. Die Fahrzeit liegt dann knapp unter vier Stunden, sie verringert sich gegenüber der bestehenden Verbindung über Braunschweig um rund 15 Minuten. „Wir haben den Fernbussen ernsthaft etwas entgegenzusetzen“, ist Kaczmarek überzeugt.

150 Lokführer müssen geschult werden

Bevor es soweit ist, müssen aber noch etliche Test- und Schulungsfahrten auf der Trasse absolviert werden. Denn die Strecke ist die erste im deutschen Eisenbahnnetz, die komplett mit dem modernen Zugbeeinflussungssystem ETCS (European Train Control System) ausgestattet ist. Das heißt: An der Strecke stehen keine Signale mehr. Stattdessen bekommen die Lokführer ihre Fahrbefehle auf elektronischem Weg in den Führerstand übermittelt. „Das ist ein völlig neues System, der Umgang damit muss von den Lokführern, aber auch den Fahrdienstleitern erlernt und trainiert werden“, sagt Olaf Drescher, Projektleiter der Bahn für die Schnellfahrstrecke Leipzig/Halle-Erfurt. Insgesamt 150 Lokführer sollen bis zur Streckeneröffnung in vier Wochen geschult werden. Mindestens zweimal täglich fährt daher ein Schnellzug ohne Fahrgäste über die neue Strecke.

Verhalten bei Störfällen wird geübt

Am Freitagmorgen startete deshalb im Leipziger Hauptbahnhof der ICE „Oberursel“ zu einer solchen Ausbildungsfahrt. Im Führerstand sitzen die beiden Lokführer Steffen Cornelius und Dietmar Konrad. Beides erfahrene Eisenbahner. „Die neue Strecke ist schon eine neue Herausforderung“, sagt Steffen Cornelius, der seit sieben Jahren ICE-Züge durch ganz Deutschland lenkt. Bei der Trainingsfahrt erhält er jetzt nicht nur die vorgeschriebene Streckenkenntnis, die Lokführer müssen auch das Verhalten in Störfällen und Ausnahmesituationen üben.

Eines der Szenarien: Ein Halt zeigendes Signal wird „überfahren“. Darauf löst ETCS eine automatische Zwangsbremsung aus, der Zug kommt rasch zum Stehen. Durch Funktionen wie diese soll ETCS, das schrittweise zum Standard in ganz Europa erhoben wird, die Eisenbahn noch sicherer machen. Gleich drei parallel arbeitende Computer sorgen dafür, dass der Zug auch beim Ausfall eines Rechners zuverlässig gesteuert werden kann. „Ein Prinzip, wie es in Airbus-Flugzeugen schon weltweit gut funktioniert“, versucht Ausbilder Volker Rieger Zweifel an der Technik auszuräumen. Theoretisch könnte der Zug so auch ohne Lokführer fahren. Eine Option, die seit den Streiks Anfang des Jahres immer wieder diskutiert wird. „Ganz ohne Menschen wird es aber auch in Zukunft nicht gehen“, ist Rieger überzeugt.

Ab 2017 nach München in weniger als vier Stunden

ETCS ist auch Voraussetzung dafür, dass auf der neuen ICE-Trasse einmal die konzipierte Geschwindigkeit gefahren werden kann. Ab Dezember 2017 sollen die Züge mit Tempo 300 durch die Tunnel und über die Brücken rasen, darunter die längste Eisenbahnbrücke Deutschlands, die 8,6 Kilometer lange Elster-Saale-Talbrücke. Bis dahin soll auch das zweite Teilstück der VDE8 fertiggestellt sein, die 107 Kilometer lange Trasse durch den Thüringer Wald bis nach Ebensfeld in Franken. Beides soll ermöglichen, dass das eigentliche Ziel des zehn Milliarden Euro teuren Infrastrukturprojekts erreicht wird: Eine Zugfahrt von Berlin nach München in weniger als vier Stunden. Heute ist man noch gut sechs Stunden unterwegs. „Dann wird sich jeder überlegen, ob er noch das Flugzeug nimmt“, ist sich Berlins Bahnchef Kaczmarek sicher.