Christfestmarkt

Wie der Weihnachtsbaum in die City-West kam

Vom Ärgernis zum Blickfang. Der 3,2 Tonnen schwere Baum war störte seine Besitzer. Dann verstopfte die Fichte den Berufsverkehr

Staus verursachen für ein schöneres Stadtbild: Ingo Preuß hat damit überhaupt kein Problem. Außerdem hat er Geburtstag. Am Donnerstagmorgen steuerte der 53-Jährige mit seinem Schwertransporter eine 17 Meter große Fichte quer durch Berlin. Mal in Schrittgeschwindigkeit, mal im Zone-30-Tempo. Gegen elf Uhr stand das 3,2 Tonnen schwere Gewächs auf dem Breitscheidplatz. Der Baum für den diesjährigen Weihnachtsmarkt. Die Vorbereitungen dazu begannen 27 Stunden zuvor.

40 Jahre lang stand die Fichte in einem Lichtenrader Vorgarten. Der 39-jährige Andreas ist mit ihr aufgewachsen, traute sich aber nie so recht an sie heran. „Zu schwer, hineinzukommen“, sagte er am Mittwochmorgen. Blieb zum Klettern nur noch der Apfelbaum daneben. „Aber von dem bin ich dann heruntergefallen. Danach war das Schlüsselbein kaputt“, sagt er. Zuletzt war seine gesamte Familie gegen die Fichte. Die Mutter hatte Angst, dass sie eines Tages aufs Hausdach fallen würde. Andreas klagte, dass ihm der Baum „täglich vier Stunden lang den Sonnenschein“ raubte. Also bot man die Fichte dem Schaustellerverband für den Weihnachtsmarkt an.

Als das Team mit den Motorsägen eintraf, hatte sich vor Andreas’ Haus eine Menschenmenge gebildet: Nachbarn in Jogginghosen, Zeitungsausträger, Mütter, die ihren Babys bei der täglichen Ausfahrt etwas besonders bieten wollten. Ein Mercedes-Fahrer umkurvte die Ansammlung, indem er einfach mal den Bürgersteig als Straße nutzte.

Ein Kran legte den gefällten Baum sanft auf den Lastwagen. Die nächsten dreieinhalb Stunden verbrachten Helfer damit, die Fichte so zu binden, dass eine Breite von vier Metern nicht überschritten wurde. Am gestrigen Donnerstag dann begleiteten Ingo Preuß drei Polizei- und Sicherheitswagen. Am Mariendorfer Damm kam der gesamte Verkehr zum Erliegen. Ein Fichtenast hatte sich gelöst und drohte, gegen den nächsten Ampelmast schlagen. Es folgten zwei weitere Stopps. In der Ullsteinstraße wurde eine Straßensperre angeordnet, auf der Stadtautobahn ein Überholverbot. Auf dem Weg fluchten viele Autofahrer, am Straßenrand standen Kinder und winkten. „Das sollte uns Erwachsenen mal Vorbild sein“, meinte Preuß.

Seit gestern Mittag wird der Baum geschmückt. Ob es den Dekorateuren gelingt, einen Blickfang zu schaffen, der von der Baustelle für das Hochhausprojekt Upper West dahinter ablenkt?