Berlin

26 Sterne für Berlins beste Köche

Der Michelin hat seine Auszeichnungen für 2016 vergeben. Sechs gehen neu in die Hauptstadt

Putz, der von den Wänden bröckelt, alte Dielen und eine Bühne, aus Paletten gebaut. Er habe sofort gewusst, dass er in Berlin sei. „Als ich das Haus gesehen habe, war es mir klar“, sagt Michael Ellis, Internationaler Direktor des Michelin. Am Donnerstag hatte er zur Vorstellung des „Guide Michelin 2016“ in die Alte Teppichfabrik nach Friedrichshain geladen.

Die Gewinner: Sebastian Frank und Michael Schäfer, beide aus Kreuzberg. Fünf neue Ein-Sterne- und ein neues Zwei-Sterne-Restaurant gibt es ab sofort in der Hauptstadt. Markus Semmler vom „Das Restaurant“ in Wilmersdorf, Andreas Saul vom „Bandol sur Mer“ in Mitte, Stephan Garkisch vom „Bieberbau“ in Wilmersdorf, Till Bühlmann vom „Richard“ in Kreuzberg sowie Michael Schäfer vom „Nobelhart & Schmutzig“ zählen ab sofort zu den neuen Sterneköchen und das „Horváth“ von Sebastian Frank in Kreuzberg zu den Zwei-Sterne-Restaurants. Damit ist die Zahl der Sterne in Berlin um sechs auf 26 gestiegen.

Die Verlierer: Es gibt keine. Im Frühjahr dieses Jahres hatten sowohl Thomas Kammeier vom „Hugos“ im „Intercontinental“ als auch Michael Höpfl vom „Pauly Saal“ ihre Betriebe ver- und damit den Stern dort zurückgelassen. Doch in beiden Fällen konnten die Nachfolger die Auszeichnung bestätigen: Eberhard Lange im „Hugos“ und Arne Anker im „Pauly Saal“. „Gerechnet habe ich damit nicht, sie hätten ja auch sagen können: ,Der Lange ist noch nicht lange genug da‘“, freute sich Eberhard Lange.

Der Satz des Tages: Relativ gefasst, fast unbeeindruckt, nahm Michael Schäfer aus dem „Nobelhart & Schmutzig“ seine Kochjacke am Donnerstag von Michael Ellis entgegen. Manch ein Besucher erinnerte sich an das vergangene Jahr, als Sonja Frühsammer aus Schmargendorf mit dem Stern ausgezeichnet worden und unter Tränen auf die Bühne gelaufen war. „Doch, ich jubel auf jeden Fall“, beteuerte Schäfer. „Aber ich hab’ Kinder – und die sind enttäuscht, dass man den Stern nicht anfassen kann.“

Der Trend: Mit der Auszeichnung von Sebastian Frank, der im „Horváth“ klar auf Luxusprodukte verzichtet und Küche in legerem Ambiente präsentiert, sowie mit dem Stern für das „Nobelhart & Schmutzig“, welches „brutal lokale“ Küche bietet, will der Reise- und Gourmetführer ein Statement setzen. Ein Statement für den Trend des „Casual Fine Dining“ mit niveauvoller Küche und lockerer Atmosphäre. „Hummer und Kaviar waren nie Kriterien für uns“, sagt Chefredakteur Ralf Flinkenflügel. Das sei ein Klischee. Dass sowohl mit der Wahl des Veranstaltungsortes am Donnerstag als auch mit der vergleichsweise schnellen Auszeichnung von neuen, andersartigen Food-Konzepten eine Wandlung in der Geschichte des Michelin erfolgt ist, zeigt, dass das Haus daran arbeitet, sein Image als ein in die Jahre gekommener Betrieb aus Karlsruhe zu korrigieren.

Der Hintergrund: Seit 50 Jahren verleiht der Guide Michelin Sterne in Deutschland. Mit 66 Auszeichnungen wurden 1966 Restaurants geehrt, am Donnerstag waren es insgesamt 290 Betriebe, die für „eine Küche voller Finesse – einen Stopp wert“ (1 Stern), „eine Spitzenküche – einen Umweg wert“ (2 Sterne) und „eine einzigartige Küche – eine Reise wert“ prämiert wurden. In Berlin gibt es ab sofort sechs Zwei-Sterne- und 14 Ein-Sterne-Restaurants. Damit ist Berlin auch kulinarische Hauptstadt.

Die Hoffnungsvollen: Entgegen dem Trend, neue Konzepte mit lockerem Ambiente auszuzeichnen, hat der Michelin dieses Jahr jedoch auch Köche, die seit Jahren für den Stern arbeiten und für klassisches Fine Dining stehen, ausgezeichnet. Bei Markus Semmler aus Wilmersdorf hatte es im vergangenen Jahr geheißen, er wolle sein Restaurant schließen, sollte er keinen für ihn und die Betriebe wirtschaftlich bedeutenden Stern erhalten. Semmler hielt durch – und wurde belohnt.

Die Enttäuschung: Dass der Gourmetführer Berlin nach wie vor keinen dritten Stern verliehen hat, ist nicht nur für die Kandidaten eine große Enttäuschung. „Drei Sterne sind ein Zugpferd für die Stadt“, sagt Sebastian Frank. „Wir können nichts kreieren, von dem wir nicht 100 Prozent überzeugt sind“, sagt Flinkenflügel. Man sei sich auch dieses Jahr noch nicht sicher gewesen, ob ein Hendrik Otto aus dem „Lorenz Adlon Esszimmer“ oder ein Tim Raue aus seinem gleichnamigen Restaurant in Kreuzberg schon so weit seien. „Wir warten noch“, so Flinkenflügel, „und beobachten.“

Die Reaktionen: „Ich bin ziemlich entspannt, was den dritten Stern angeht“, sagte Tim Raue. „Natürlich wäre es schön gewesen, für Berlin, aber die Entscheidung muss man respektieren.“ Der dienstälteste Sternekoch der Stadt, Kolja Kleeberg, fand es „betrüblich, dass es immer noch kein Drei-Sterne-Restaurant in der Hauptstadt gibt. Mir würde mindestens ein Kandidat für diese Auszeichnung einfallen.“ Und Hendrik Otto selbst? „Ich freue mich für Sebastian Frank, das ist ein richtig Netter.“