Gesundheit

Notfallversorgung wird besser abgestimmt

Berliner und Brandenburger Rettungsstellen und Notfallambulanzen für minderschwere Fälle sollen räumlich zusammengelegt werden

Im Laufschritt sind Ärzte oft in Rettungsstellen unterwegs, wenn es um schwer erkrankte oder verletzte Patienten geht. Doch oft kommen auch Patienten, die als minder schwere Fälle in einer Notfallambulanz besser aufgehoben wären

Im Laufschritt sind Ärzte oft in Rettungsstellen unterwegs, wenn es um schwer erkrankte oder verletzte Patienten geht. Doch oft kommen auch Patienten, die als minder schwere Fälle in einer Notfallambulanz besser aufgehoben wären

Foto: dpa Picture-Alliance / Gregor Fischer / picture alliance / dpa

Die Länder Berlin und Brandenburg wollen in der medizinischen Notfallversorgung stärker kooperieren und ihre Strukturen abstimmen. Angesichts der geografischen und politischen Situation eines Stadtstaates inmitten eines Flächenstaates sicherlich eine sinnvolle Sache. Dabei sei es keine Selbstverständlichkeit, dass sich benachbarte Bundesländer auf diesem Sektor abstimmen, sagte Michael Zaske der Berliner Morgenpost anlässlich einer „Zukunftswerkstatt“ zum Thema am Mittwoch in Potsdam. Zaske ist Referatsleiter für gesundheitliche Versorgung im Brandenburger Gesundheitsministerium.

Grundsätzlich steht die Notfallversorgung auf drei Säulen: Boden- und Luftrettungsdienste für den Patiententransport, Rettungsstellen in den Notfallkliniken sowie, drittens, fahrende Bereitschaftsdienste und Notfallpraxen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) für minderschwere Fälle. Letztere sind bundesweit unter der Telefonnummer 116 117 erreichbar.

Engpässe in der Versorgung zwingen nun zu Veränderungen, sagte Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze bei dem Potsdamer Treffen: „Wir müssen alle Möglichkeiten prüfen, um für die Menschen eine aufeinander abgestimmte Versorgung vorhalten zu können. Darum sind auch in der Notfallversorgung neue Wege für die Zukunft gefragt.“

Der Patient soll eine Anlaufstelle haben, egal, wie groß sein Problem ist

Die Brandenburger Akteure sind beispielsweise schon dabei, ihre KV-Notfallpraxen für weniger gravierende Notfälle räumlich an Krankenhaus-Rettungsstellen anzugliedern, damit Patienten schnell und flexibel wechseln können. So werden die heute mit kleineren Gebrechen überlasteten Rettungsstellen entlastet und können sich auf echte Notfälle konzentrieren. Zugleich bekommen die Notfallpraxen die Möglichkeit, bei Bedarf Unterstützung von Fachärzten des Krankenhauses zu bekommen.

„Idealerweise bemerkt der Patient diesen Übergang von einem Sektor zum anderen gar nicht, er bekommt einfach die richtige Versorgung“, sagt Zaske. An fünf Brandenburger Krankenhäusern funktioniere das schon so, „und Berlin teilt dieses Ziel“.

In Berlin kommt der Bereitschaftsarzt zum Patienten, in Brandenburg ist es umgekehrt

Allerdings wäre diese Vorgehen in Berlin nach gegenwärtigem Stand nur sehr eingeschränkt möglich, denn die Hauptstadt funktioniert in diesem Punkt anders. „In Brandenburg stehen für die Patienten Notfallpraxen bereit, die Patienten müssen dorthin gehen. In Berlin ist der Bereitschaftsdienst weitgehend ‘aufsuchend’, der Arzt kommt meist zum Patienten“, sagte Uwe Kraffel, der stellvertretende Vorsitzende der KV Berlin der Morgenpost.

Der Berliner Patient kann sich zwar auch entscheiden, in eine von der KV beauftragte Notfallpraxis zu gehen, davon gibt es aber nur wenige. „Wir haben für Erwachsene und Kinder jeweils vier Kooperationspraxen, die aufgesucht werden können“, sagte Kraffel. Möglicherweise wird es in Berlin zukünftig mehr dieser Notfallpraxen geben, die an Klinik-Rettungsstellen angegliedert sind. Michael Zaske hatte auf der Potsdamer Tagung jedenfalls den Eindruck, man strebe eine Harmonisierung mit Brandenburg an.

Die gemeinsame Krankenhausplanung soll bis 2020 stehen

Bislang gibt es allenfalls eine inoffizielle Kooperation – in wenigen kuriosen Fällen, wie Kraffel sagte. „Es gibt die Situation, dass einige Brandenburger in stadtnahen Regionen die Berliner Telefonvorwahl haben. Rufen sie die KV-Nummer 116 117 an, landen sie beim Bereitschaftsdienst der Berliner KV und werden dann ganz pragmatisch von uns betreut. Die Abrechnung der Leistung erfolgt zwischen den beiden KVen.“

Aber ansonsten seien beide Bereitschaftsdienste getrennt, es fehle der gesetzliche Rahmen für eine enge Verzahnung. „Jedes Bundesland hat seine eigenen Kapazitäten“, sagt Kraffel, „und die Pflicht, die Versorgung sicherzustellen.“

Beide Bundesländer sind jedoch dabei, bis zum Jahr 2020 eine gemeinsame Krankenhausplanung zu etablieren, die Notfallversorgung ist ein Teil davon. Die Kooperation bei speziellen Formen der Notfallversorgung, etwa von Brandopfern, sei schon gut etabliert, so Zaske. Die „Patientensteuerung“ soll künftig aber reibungsloser ablaufen. „Dazu ist heute auch die Idee diskutiert worden, unsere Informationsverarbeitungssysteme in der Notfallversorgung (IVENA) zu harmonisieren. Das ist aber noch nicht beschlossen. In Brandenburg gibt es dieses System schon“, so Michael Zaske.

Die Honorierung deckt die Kosten bei Weitem nicht

Daneben wollen sich Berlin und Brandenburg abstimmen, welche Behandlungswege in der Notfallmedizin angewendet werden. In der ganzen Region sollen Patienten einen „vergleichbaren“ Zugang zu Leistungen erhalten. Das bedeutet: Die Patienten bekommen überall die Versorgung, die sie brauchen – das wird organisiert. Allerdings sei das keine „gleiche“ Versorgung, so Zaske. Denn im Flächenstaat Brandenburg kann nicht überall eine ortsnahe Behandlung garantiert werden.

Ein Problem der ambulanten Notfallversorgung ist für Zaske die nach wie vor die bei Weitem nicht kostendeckende Honorierung. „Derzeit werden laut einem Gutachten pro Notfall im Durchschnitt 30 Euro vergütet. Es entstehen aber Kosten in Höhe von 130 Euro. Die Krankenhausstrukturreform, die am Donnerstag vergangener Woche verabschiedet wurde, ist da nur ein erster Schritt.“

Die Zahl der Notfälle nimmt stark zu

Auf die besonderen Herausforderungen der Notfallversorgung hatte Berlins Gesundheits- und Sozialsenator Mario Czaja (CDU) schon im August 2014 hingewiesen, als er die Eckpunkte des Krankenhausplanes 2016 bis 2020 vorstellte. Zwar sei die Versorgung gut, aber große Probleme bereite die stark wachsende Zahl der Patienten. Demnach kamen 2012 1,2 Millionen Menschen in die Berliner Rettungsstellen, 19 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Das führt immer häufiger zu sehr langen Wartezeiten, besonders bei nicht akut bedrohlichen Notfällen, etwa Knochenbrüchen.

Eine zweite Schwierigkeit: Immer häufiger handelt es sich um ältere Patienten mit mehrfachen Vorerkrankungen und Demenz. Das stellt die Ärzte vor besondere Herausforderungen, denn diese Patienten brauchen mehr Diagnostik, und sie können oft nicht so eindeutig zur Klärung der Umstände beitragen. Die Fachärzte, die für solche Fälle benötigt würden, sind oft nicht verfügbar. Außerdem brauchen demente Patienten eine intensivere pflegerische Betreuung.

Der Notarzt soll künftig genauer wissen, welche Klinik die beste Therapie bietet

Festgelegt haben Senat und Abgeordnetenhaus bereits, dass alle Berliner Notfallstationen ab 2016 eine eigene ärztliche Leitung und eine Pflegeleitung haben. Dafür muss mehr Personal für die Rettungsstelle qualifiziert werden, die Berliner Ärztekammer hat eine Zusatzausbildung zum Notfallmediziner entwickelt.

Damit die Rettungskräfte ihre Patienten rasch in möglichst kompetente Hände geben können, soll zudem ein Bettenregister eingeführt werden. Der Rettungsarzt soll vor der Fahrt in die Rettungsstelle nicht nur wissen, welche Notaufnahme in der Nähe prinzipiell Kapazitäten frei hat, sondern auch, ob die richtigen Fachärzte im Dienst sind.