Rückblick

Helmut Schmidt und Berlin - eine besondere Beziehung

Helmut Schmidts Beziehung zu Berlin war keine innige, wohl aber mehrfach eine schicksalhafte - vor allem im Privatleben.

Helmut Schmidt am 11. Juni 1982 mit US-Präsident Ronald Reagan (M.) und dem Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker (l.) am Checkpoint Charlie in Berlin

Helmut Schmidt am 11. Juni 1982 mit US-Präsident Ronald Reagan (M.) und dem Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker (l.) am Checkpoint Charlie in Berlin

Foto: Uncredited / picture alliance / AP Photo

Hier versprachen sich Ende August 1941 während eines kurzen Urlaubs die frisch gebackene Lehrerin Loki Glaser und der Wehrmachtsoffizier Helmut Schmidt, der an der Lehrinspektion IV des Generals der Flakwaffen an der Knesebeckstraße Dienst tat, die Ehe. „Auf einer Bank in der Nähe des Berliner U- Bahnhofs Nollendorfplatz – zumindest ein kleines Stück Kästnersche Großstadtromantik war also dabei – fiel beider Beschluss zu heiraten, wenn Helmut gesund aus Russland zurückkommen würde“, schreibt der Historiker Hartmut Soell in seiner großen Schmidt-Biographie. Um dann Loki zu zitieren: „Als ich Helmut am 24. August zum Zug brachte, standen viele junge Frauen weinend auf dem Bahnsteig - wie ich. Wir fragten uns wohl alle, ob wir unsere Männer je wiedersehen würden.“ Loki hatte Glück. Im Januar 1942 kehrte Helmut auf Anforderung seiner alten Dienststelle nach Berlin zurück. Fünf Monate später waren sie verheiratet.

Die nächste Berliner schicksalhafte Begegnung wurde ihm aufgezwungen. Als Zuhörer war er zu einem der Schauprozesse gegen die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 kommandiert. Die Prozessführung des Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, schockierte und ekelte den jungen Offizier Helmut Schmidt derart an, dass er mit Erfolg seinen Vorgesetzten bat, ihn keinen weiteren Tag ins Gericht zu schicken. Später sagte Helmut Schmidt, das Entsetzen über den menschenverachtenden Umgang mit den angeklagten Generalen habe seine Zweifel an Hitler bestärkt und eine Rolle auch für seine spätere politische Biographie gespielt.

Privates Schicksal

Und ein drittes Mal schlug das Schicksal für Loki und Helmut Schmidt im Großraum Berlin zu. Nach der Zerstörung des Quartiers der Flakwaffe an der Knesebeckstraße wurde die Dienststelle 1943 nach Bernau verlegt. Das Ehepaar Schmidt fand nahe der Kleinstadt nördlich von Berlin auf Gut Schmetzdorf eine bescheidene Wohnung, Loki an einer Bernauer Schule eine Vertretungsstelle. Dann im ersten Halbjahr 1944 die Freude auf das erste Kind. Moritz sollte es heißen. Am 26. Juni 1944 kam er zur Welt. Doch das Glück währte nicht lang. „Moritzelchen“, wie Helmut Schmidt den Sohn zärtlich nannte, war behindert, erkrankte später an einer Gehirnhautentzündung und starb im Februar 1945.

Am 20. Februar erreichten Schmidt, der als Batteriechef an die Westfront versetzt worden war, zwei Briefe von Loki mit der traurigen Nachricht. Dank glücklicher Umstände und verständnisvoller Vorgesetzter konnten beide das Grab des Sohnes auf dem Friedhof in Schönow, einem Dorf in der Nähe des Gutes Schmetzdorf besuchen. Erst vierzig Jahre später konnte Loki an das Grab zurückkehren. Vermittelt hatten diesen Besuch im noch geteilten Deutschland der DDR Rechtsanwalt Wolfgang Vogel und der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner. Helmut Schmidt suchte das Grab, auf dem inzwischen ein Stein gesetzt worden war, erst später, aber auch noch vor der Wiedervereinigung auf.

Vom Krieg und von Adolf Nazi die Schnauze voll, wie Helmut Schmidt zu sagen beliebte, fand er nach dem Studium der Volkswirtschaft den Weg in die Politik. Über seine Heimatstadt Hamburg und Bonn bis nach ganz oben; von Schmidt Schnauze bis zum Kanzler und Weltökonom. Helmut Schmidt, ein Mann des Westens, der mit dem Osten nicht sehr viel anfangen konnte. Auch mit Berlin nicht. Ein Mann von großem Selbstbewusstsein, auch von Besserwisserei. Ein Charakterzug, der sich nicht erst in der Politik herauskristallisierte. „Infolge seiner Veranlagung und seiner Leistungen neigt er jedoch zu einer gewissen Überheblichkeit“ schrieb im Dezember 1939 sein damaliger Batteriechef anlässlich der Beförderung Helmut Schmidts zum Leutnant der Reserve.

Berlins Personal für mittelmäßig gehalten

Dass sein Verhältnis zu Berlin und damit zum damaligen West-Berlin ein allenfalls gedämpftes war, hängt auch damit zusammen, dass Helmut Schmidt das politische Personal der Stadt als allenfalls mittelmäßig einstufte. Hinzu kommt, dass, wie der einstiger Regierungssprecher, Vertrauter und in Potsdam geborene, in Berlin lebende Preuße Klaus Bölling einmal befand, Schmidt zu keinem der Regierenden Bürgermeister eine engere Beziehung entwickeln konnte. Für die großen Bürgermeister Ernst Reuter und Otto Suhr war er zu jung, zu unterschiedlich Herkunft, Temperament und im Laufe der Zeit immer größer auch die politische Konkurrenz zwischen Brandt (1957 bis 1966) und ihm. Klaus Schütz (1967 bis 1977) war ein Mann Brandts und damit nicht satisfaktionsfähig, Dietrich Stobbe (1977 bis 1981) versank erst im Mittelmaß, dann im Berliner Filz.

Als schließlich Hans Jochen Vogel (Januar 1981 bis Juni 1981 ) als (erfolgloser) Retter des Schöneberger Rathauses für die SPD aus Bonn nach Berlin geschickt wurde, passte das Schmidt auch nicht. Er hätte lieber seinen Vertrauten und Mogadischou Helden (Befreiung der entführten Lufthansa- Maschine) Hans-Jürgen Wischnewski als Nachfolger Stobbes nach Berlin beordert. Das hat die Berliner SPD verhindert und danach bis zur Jahrtausendwende das Amt des Regierenden an die CDU abtreten müssen. „Der Hanseat Helmut Schmidt hatte keinen Vertrauensmann in Berlin. Das hat ihn politisch während seiner aktiven Zeit bis zum Ende der Kanzlerschaft eigentlich immer mit der Stadt fremdeln lassen“, sagte Klaus Bölling kurz vor seinem Tod vor einem Jahr in einem Gespräch mit dem Autoren.

Wenn es allerdings um die große Politik, die internationale ging, dann hatte Schmidt Berlin zumindest im Blick, nahm Rücksicht auf die Stadt, auch wenn es ihm bisweilen schwer fiel.

Das wurde besonders deutlich, als der amerikanische Präsident Jimmy Carter, von dem Schmidt ohnehin nicht viel hielt, die westlichen Verbündeten aufforderte, die Olympischen Spiele 1980 in Moskau zu boykottieren; als Reaktion auf den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan im Dezember 1979. Der Kanzler (1974 bis 1982) lehnte das eigentlich ab, beugte sich am Ende aber widerwillig der Forderung Carters. Intern begründete er das damals so: Er habe sich Berlins wegen gefügt. Weil die Freiheit West- Berlins von der Bündnistreue Amerikas abhängig gewesen sei. Carter habe auch beim Boykott diese Karte gespielt. Schmidts Klage in kleinem Kreis: Jedes Mal, wenn die Amerikaner etwas wollten und wir das von der Sache her eigentlich nicht hätten akzeptieren dürfen, habe Washington starken Druck ausgeübt, und wir mussten Berlins wegen einlenken. Berlin als Druckmittel des wichtigsten Verbündeten, gegen das es letztlich keine Gegenwehr gab - das musste einem selbstbewussten Kanzler wie Helmut Schmidt äußerst schwer fallen; und ihn mit der ohnehin nicht besonders geschätzten Stadt noch mehr fremdeln lassen.

Bao Bao war ein Geschenk an Schmidt

Dass der Hanseat Schmidt dennoch bisweilen ein Herz für Berlin hatte, war Besuchern des Berliner Zoos bis 2012 unvergesslich. Bis zu seinem Tod nämlich war der Panda-Bär Bao Bao eine der ganz großen Attraktionen des Zoos. Zu verdanken Helmut Schmidt. Als der 1979 China besuchte, wurde ihm als Staatsgeschenk ein Panda- Bär versprochen. Den stiftete Schmidt nicht etwa dem Tierpark Hagenbeck in seiner hanseatischen Heimat, sondern ganz staatsmännisch dem Berliner Zoo am Hardenbergplatz. Dort traf Bao Bao 1980 als zweijähriger Jungbär ein und war bis zu seinem Tod Liebling der Berliner.

Nach dem Umzug von Regierung und Parlament von Bonn nach Berlin bezog Helmut Schmidt – neben seinem Büro bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ in Hamburg - ein allen ehemaligen Kanzlern zustehendes Büro in einem der Parlamentsgebäude an der Dorotheenstraße. Und meldete sich auch zur Lage der wiedervereinigten Stadt zu Wort. Meist mit skeptischem Unterton. Die Lage sei kritisch, weil der großen Stadt eine ausreichende ökonomische Basis fehle (2003). Und drei Jahre später konstatiert er: „Berlin ist die Hauptstadt der deutschen Arbeitslosigkeit und die Hauptstadt der deutschen Wohlfahrtsempfänger. Und das Schlimme ist, dass alles dafür spricht, dass es dabei bleibt.“

>>>Nachruf, Erinnerungen, Zitate, Bilder - unserer Sonderseite zum Tod von Helmut Schmidt

Dass Berlin wieder Hauptstadt geworden ist, war für Helmut Schmidt bei aller persönlichen und politischen Distanz der Stadt gegenüber eine Selbstverständlichkeit. Deshalb hat er in Reden und Beiträgen immer wieder auch dazu aufgerufen, der Stadt bei der Überwindung ihrer wirtschaftlichen Schwäche zu helfen. Und dazu aufgefordert, endlich eine Debatte über die Zukunft der wichtigsten deutschen Metropole und die Erwartung der Deutschen an ihre Hauptstadt zu beginnen. Eine Erwartung, die bis heute unerfüllt, aber dringlich bleibt.

Noch einmal hat das Schicksal für Helmut Schmidt in Berlin zugeschlagen. In der Stadt, in der er und Loki sich die Ehe versprachen, traf ihn 69 Jahre später die Nachricht vom Tod seiner Frau. Sie starb in den frühen Morgenstunden des 21. Oktober 2010 zu Hause am Neubergerweg in Hamburg-Langenhorn, während ihr Mann in Berlin war. Er hatte am Vorabend anlässlich des 25- jährigen Jubiläums des Japanisch-Deutschen Zentrums in Berlin den Festvortrag gehalten.