Bildung

Berlins Musikschullehrer rufen zum Protestkonzert auf

Chaos an Berlins Musikschulen: Schülerverträge können nicht bearbeitet werden, Lehrer bekommen ihr Gehalt zu spät und unvollständig.

Klavierspielen macht Spaß, doch viele Schüler müssen monatelang auf einen Platz an der Musikschule warten

Klavierspielen macht Spaß, doch viele Schüler müssen monatelang auf einen Platz an der Musikschule warten

Foto: picture alliance / Bildagentur-o

Musikschulen sind nicht immer Orte des Schönklangs. Die Mischung dessen, was aus den Überäumen dringt, klingt oft nach Katzenmusik. Das gehört zum Erlernen eines Instruments, passt aber in letzter Zeit auch zur Stimmung an den bezirklichen Musikschulen.

Seit Jahren protestieren die Musikschullehrer gegen eine kontinuierliche Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Es geht vor allem um die Honorarverträge, die vor zwei Jahren eingeführt wurden und fast alle betreffen, denn in Berlin sind mehr als 90 Prozent der Lehrkräfte Freiberufler. Mit den Verträgen sollte eine Scheinselbstständigkeit ausgeschlossen werden. Tatsächlich verkomplizierten die neuen Regelungen die bürokratischen Abläufe bis zur Handlungsunfähigkeit und bedeuteten für viele Lehrer Einkommenseinbußen.

Viele Honorare werden nicht rechtzeitig und unvollständig ausbezahlt

Eine Software, die die Honorarabrechnung an den Musikschulen erleichtern sollte, kann bis heute nicht das, was gedacht war. Verzögerungen und Probleme bei ihrer Einführung führten dazu, dass neue Schülerverträge nicht bearbeitet werden konnten. Überdies war Deutschlands größte Musikschule, die Leo-Borchard-Musikschule in Steglitz-Zehlendorf, monatelang von einer Haushaltssperre betroffen. Diese ist inzwischen zwar aufgehoben, aber der Rückstau der nicht bearbeiteten Neuverträge ist groß, und drei Viertel der Lehrer bekommen ihre Honorare verspätet, einige überdies unvollständig ausgezahlt. Das ergab eine interne Umfrage im Kollegium.

"Inzwischen kann man aus Sicht der Lehrkräfte von einem Zusammenbruch der Musikschulverwaltung sprechen", heißt es in einem offenen Brief an Bildungsstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) sowie an die Senatsbildungsverwaltung. Für den 13. November haben Lehrer der Schule daher ein Protestkonzert angekündigt und eine Internetseite geschaffen: www.musikschulprotest.de.

Landesmusikrat fordert weitere fünf Millionen Euro

Die 2,5 Millionen Euro, die im vergangenen und in diesem Jahr vom Abgeordnetenhaus den Bezirken zusätzlich für die Musikschulen zur Verfügung gestellt wurden, sollten vor allem den Versorgungsgrad erhöhen. Das Unterrichtsangebot sollte ausgeweitet, die Reichweite der Musikschulen erhöht werden. Grundlegendes verändert wurde nicht. Nun hat der Landesmusikrat Berlin für den Haushaltsplan 2016/17 weitere fünf Millionen Euro gefordert.

Diese Forderung unterstützt auch Helge Harding. Der Dirigent und Klarinettist ist für den Deutschen Tonkünstlerverband Berlin Mitglied des Musikschulbeirats, der die zuständige Senatsverwaltung in Fragen zu Musikschulen berät. Allerdings glaubt er nicht, dass man mit diesen Mitteln die strukturellen Probleme lösen könne, die der Misere zugrunde lägen.

Einrichtungen sollten eigene Akzente setzen können

Der wohl entscheidende Faktor sei die zweistufige Verwaltung des Landes Berlin. Die Senatsverwaltung trage die politische Verantwortung und weise den Bezirken, die für den Unterhalt der Musikschulen zuständig sind, die Mittel zu. Die Bezirke träten aber aufgrund der Kosten-Leistungs-Rechnung gegeneinander in den Wettbewerb, was eine gemeinsame Linie erschwere. "Damit hängt auch zusammen, dass die Musikschulen im gegenwärtigen System zu wenig Freiheiten und Anreize haben, um ihr Angebot zu verbessern, untereinander abzustimmen und gleichzeitig eigene Akzente zu setzen", sagt Harding.

Diese Akzente wären aber für ein langfristig besseres Angebot nötig. Die Frage, ob und wie viel zusätzliche Mittel für die Förderung musikalischer Bildung eingesetzt werden, werde sich in Zukunft über Qualität entscheiden. Diese qualitative Orientierung sollte vor allem in drei Bereichen stattfinden: in der Kooperation mit Schulen, dem Thema Inklusion und der besseren Koordinierung der Spitzenförderung. Kooperationen mit Schulen gibt es zwar heute schon. Sie wurden teilweise aber eingefroren, weil die Musikschullehrer, sind sie im Stundenplan der Schule eingebunden, auf Festanstellung klagen könnten. Dabei könnte die Zusammenarbeit eine Qualitätssteigerung im schulischen Musikunterricht bringen, die immer angemahnt wird.

Nicht alle Familien fördern das stete Üben des Instruments

Inklusion ist ein großes Thema, für das die Musikschulen aus Hardings Sicht erst noch Angebote entwickeln müssen. Musikschulen sollten sich außerdem sehr viel stärker sozial öffnen, "denn noch immer haftet ihnen der Nimbus des Elitären an". Dazu zählt nicht nur, Unterricht möglicherweise auch kostenfrei anbieten zu können, sondern auch, Familien zum Beispiel darin zu unterstützen, ihren Übealltag zu organisieren. All diese Aufgaben müssten den Lehrkräften aber auch attraktiv vergütet werden. Harding, der selbst an der Universität der Künste angehende Musikpädagogen ausbildet, findet es bezeichnend, dass es im Honorar bislang lediglich einen marginalen Unterschied macht, ob ein Musikschullehrer ein abgeschlossenes Studium hat oder nicht. "Dabei ist doch jeder, der überhaupt mit einem Musikstudium anfängt, hoch qualifiziert, schließlich hat er schon Tausende Stunden geübt."

Eine Konzentration bestimmter Aufgaben strebt das Musikschulbündnis an, das gerade erst als Verein eingetragen wurde. Diesem schwebt eine gemeinsame Personalstelle vor, um den Verwaltungsaufwand zu reduzieren. Als Vorbild könnten die Berliner Volkshochschulen dienen, die derzeit eine gemeinsame Servicezentrale planen. Daher will das Bündnis auch die Vernetzung der Musikschulen untereinander fördern.

Musikschulbündnis macht sich für stärkere Vernetzung der Schulen stark

Darüber hinaus geht es dem Bündnis um Imagepflege. "Wir wollen nicht nur über die Probleme reden, die es gibt, sondern vor allem die hohe Leistung der Musikschulen herausstellen", sagt Chris Berghäuser, Initiator des Bündnisses und Leiter der Musikschule Béla Bartók in Pankow. Das Engagement der meisten Musikschullehrer sei ja trotz der zermürbenden Arbeitsbedingungen nach wie vor sehr hoch. Doch klar ist für ihn auch: Neue Ideen gibt es viele. Umsetzen lassen sich die nur, wenn die Musikschulen verlässliche Strukturen bekommen – und mehr finanzielle Mittel.

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