Berliner Spaziergang

„Ich wollte immer fünf Sterne“

| Lesedauer: 14 Minuten
Uta Keseling
Stefan Athmann, Direktor des Regent Hotels am Gendarmenmarkt

Stefan Athmann, Direktor des Regent Hotels am Gendarmenmarkt

Foto: Reto Klar

Stefan Athmann ist Direktor des Luxushotels „Regent“. Warum der Niedersachse nie in der Hotellerie arbeiten wollte - und warum es doch tut.

Wenn Berlin in diesen Tagen ein Grundthema hat, ist es dies: Heimat. Überall geht es jetzt darum. Um verlorene Heimat, um die Hoffnung auf eine neue, ums Ankommen, Willkommenheißen und Sich-Zuhause-Fühlen.

Auch unser Spaziergang hat damit zu tun. Das Glockenspiel des Französischen Doms am Gendarmenmarkt erinnert daran, just in dem Moment, als Stefan Athmann aus der Hotellobby des „Regent Berlin“ ins strahlende Herbstlicht tritt. Athmann, 44, ist Direktor des Luxushotels, das als eins der besten Berlins gilt und vis-à-vis vom Französischen Dom steht.

Der Französische Dom wiederum und die Friedrichstadtkirche erinnern an die „Réfugiés“, die Berlin im 18. Jahrhundert zu Tausenden aufnahm. Hugenotten wurden in Frankreich wegen ihres protestantischen Glaubens verfolgt.

Die Glocken sind laut, und als sie verstummen, erzählt Athmann, dass er einmal von Gästen gebeten wurde, das Spiel abschalten zu lassen. Es war das Management einer Rockband, das darauf hinwies, dass die Künstler gern lange schliefen.

Die Fenster des „Regent“ sind mehrfach isoliert

„Natürlich haben wir uns damals erkundigt, aber es stellte sich heraus, dass das Glockenspiel nicht abzustellen war. Es gehört eben zum Platz.“ Zum Glück war es auch gar nicht nötig, denn die Fenster des „Regent“ sind mehrfach isoliert. „Drinnen hört man nichts.“

Es ist nur eine winzige Episode, und doch sagt sie viel darüber, was es bedeutet, ein Luxushotel zu führen. Einerseits kommen die Gäste, weil sie Berlin erleben möchten – so, wie es ist, hautnah, direkt vor der Tür. Andererseits sollen sie sich im Hotel auch wohlfühlen.

Rockgrößen ebenso wie Weltpolitiker, Fußballer und Berlinale-Stars ebenso wie Hochzeitspaare, die hier den Tag und die Nacht ihres Lebens verbringen, samt Jawort beim Standesbeamten im Hotel. Der Job eines Direktors im Luxushotel, lerne ich als erstes, bedeutet, ebenso aufmerksam wie diskret zu vermitteln zwischen den Wünschen des Gastes und dem, was Berlin bietet.

Bei wichtigen Gästen hat er immer noch Lampenfieber

Was für ein Mensch muss man dafür sein? Gibt es einen Typus Hoteldirektor, und wenn ja: Verkörpert ihn Athmann, ein höflicher Herr im blauen Anzug, der mich jetzt fast fürsorglich über die Straße geleitet? Um uns herum wimmeln Touristen, Büromenschen, Schulklassen, Autos, Busse und abgedunkelte Limousinen, Athmann bleibt gelassen.

An diesem Morgen hat er bereits einen Premierminister samt Delegation willkommen geheißen, es wird der ukrainische Außenminister erwartet, eine weitere osteuropäische Delegation und Stammgäste wie einen Herrn, „dem es extrem wichtig ist, dass er abends ein bestimmtes Fußballspiel auf dem richtigen Kanal verfolgen kann“.

Athmann sagt, er habe trotz seiner Berufsjahre bei wichtigen Gästen immer noch Lampenfieber. Kein Wunder: Ein Hoteldirektor ist schließlich auch so etwas wie ein Regisseur, wenn auch ohne Publikum. Seine Bühne ist die private Seite von Menschen, die ein öffentliches Leben führen.

Viele Gäste im „Regent“ wollen unerkannt bleiben

Manche Gäste ziehen gleich für mehrere Monate ins „Regent“ ein, etwa während Dreharbeiten. Manche bringen sogar eigene Möbel mit. Dann wird im Hotel umgeräumt – auch dabei packt Athmann mit an. Etwa, als im Gepäck von Tom Cruise und seiner damaligen Ehefrau Katie Holmes das Reisebett der kleine Tochter Suri fehlte.

„Wir haben ihnen kurzerhand das Bettchen unseres ersten Sohnes Louis ausgeliehen.“ Suri lernte sogar im „Regent“ laufen, erinnert sich Athmann, der inzwischen Vater von drei Söhnen ist. Sie tragen alle Namen mit denselben Anfangs- und Endbuchstaben, wie er stolz aufzählt: Louis (8), Lucas (3,5) und Linus (1,5).

Im „Regent“ steigen oft Gäste ab, die gern unerkannt bleiben wollen. Das gelingt hier leichter als am Potsdamer Platz oder im „Adlon“. Eine Seiteneinfahrt führt direkt ins Untergeschoss des Hotels. Das Gebäude an der Ecke Charlotten- und Französische Straße ist ein eher strenger Bau aus den 90er-Jahren. Kein Stuck, keine Neonreklame, Wiedererkennungswert hat vor allem das Restaurant „Fischers Fritz“ mit Zwei-Sterne-Koch Christian Lohse als Küchenchef.

Athmann ist seit sechs Jahren Direktor des „Regent“

Der prunkvolle Teil des Hotels verbirgt sich innen. Die Lobby mit ihrem roten Marmor, den Kristalllüstern und dem Kaminzimmer hat etwas von einem Schloss. „Klassisch“ nennt Athmann die Atmosphäre. „Gerade die Amerikaner mögen das sehr.“ Aus ihrer Sicht passt das klassische Ambiente sicher gut zum alten Europa. Zumal am Gendarmenmarkt, einst Bühne des preußischen Lebens mit dem Königlichen Schauspielhaus als Zentrum. Dort, am heutigen Konzerthaus, will er mir etwas zeigen.

Zunächst machen wir Halt am Französischen Dom, wo die Sonne in dicken Strahlen zwischen den Säulen hindurchfällt. Als der Fotograf ihn bittet, das Jackett für eine Aufnahme zu öffnen, verweigert sich Athmann gut gelaunt: „Nö, das Jackett bleibt zu.“ Er kann sich das leisten, von der Figur her und überhaupt.

Athmann ist seit sechs Jahren Direktor des „Regent“. Gerade hat er in der Regent-Hotelgruppe zusätzlich die Aufgabe des Area General Manager für Europa übernommen und kümmert sich außerdem um die strategische Orientierung des Hotels „Regent Porto Montenegro“. Er muss ehrgeizig sein, denke ich, aber er verbirgt es gut.

Gerade im Oktober liebe er Berlin ganz besonders

Er deutet auf die Bänke vor dem Konzerthaus. „Manchmal, wenn ich mal durchatmen will, hole ich mir im ,Einstein’ einen Kaffee und setze mich hier her. Hier hat man alles im Blick, die Menschen, die Architektur, wunderbar.“ Gerade im Oktober liebe er Berlin ganz besonders. „Das hat auch etwas mit meiner Vergangenheit zu tun.“

Aufgewachsen ist er im ländlichen Niedersachsen, als jüngster von drei Brüdern, der Vater war Arzt. „Im Herbst besuchte ich oft meine Großmutter in Frohnau. Deswegen hat der Oktober für mich immer etwas mit Kindheit zu tun – und mit Berlin.“ Er erinnert sich ans Kastaniensuchen auf dem Poloplatz und an aufregende Fahrten mit der S-Bahn zum Bahnhof Zoo. Man musste damals am Bahnhof Friedrichstraße umsteigen, der ja auf Ost-Berliner Gebiet lag. Ab und zu ging die Fahrt auch Richtung Ost-Berlin und Neuruppin zu einer Tante. Athmann kennt die geteilte Stadt noch und die strengen Kontrollen.

Im Weiterlaufen pickt er mit geschultem Blick zwischen zwei Pflastersteinen eine winzige, silberne Gabel auf und legt sie auf den Tresen eines Verkaufsstandes. Warum wählt man als Arztsohn das Hotelfach? „Als Kind wollte ich tatsächlich Arzt werden. Mein ältester Bruder ist es auch geworden, bei mir verlor sich das.“ Sein Start in die Gastronomie begann mit einem traumatischen Erlebnis. „In der achten Klasse machte ich ein Schülerpraktikum in einem Hotel, ich arbeitete als Kellner, saugte den Frühstücksraum, zapfte Bier.“

Gelernt hat Athmann im Hotel „Atlantic“ in Hamburg

In der Küche passierte es dann. „Ich werde nie vergessen, wie der Küchenchef mich anbrüllte, als ich beim Abräumen einmal Geschirr auf den Küchenpass gestellt hatte, wo die Gerichte zum Servieren bereitgestellt werden: ,Athmann, nimm dein Zeug hier weg!’“ Danach schwor er sich, niemals in der Hotellerie zu arbeiten.

Es kam anders. Ein paar Jahre später jobbte er in den Sommerferien auf Wangerooge in einem gehobenen Hotel. „Ich arbeitete als richtiger Kellner, da habe ich sozusagen Blut geleckt.“ Danach schreckten ihn auch Schichtdienste und Küchenchefs nicht mehr. Und, als hätte ich nach dem Ehrgeiz schon gefragt, sagt er noch: „Für mich war aber von Beginn an klar, dass ich in die Luxushotellerie wollte. Ich wollte immer fünf Sterne.“

Gelernt hat Athmann im Hotel „Atlantic“ in Hamburg, danach wechselte er das erste Mal nach Berlin, zum „Kempinski“ an den Kudamm. Auch im „Regent“ war er schon einmal, 2005 bis 2008 als Direktor für den Verkauf. Weitere Stationen waren Taschkent, Athen und Belfast. Nach fast 25 Jahren im Geschäft – hat man da Netzwerke um die ganze Welt? Oder steht die Konkurrenz im Vordergrund?

Es wird immer schwerer, gute Azubis zu finden

Wir stehen jetzt vor dem „Hilton Berlin“ auf der Südseite des Platzes. „Haben Sie mal ’nen Euro?“, unterbricht uns ein Mann. Athmann schaut auf – dann brechen beide in Gelächter aus. Der Mann ist einer der Kollegen, um die es gerade ging: „Bardia Torabi, heute stellvertretender Hotelchef des ,Vier Jahreszeiten’ in München, zuletzt Verkaufsdirektor im ,Adlon’, ein guter Freund.“ Frage beantwortet.

Als wir das Gewimmel vor dem Schokoladenhaus „Fassbender & Rausch“ Ecke Mohrenstraße durchqueren, frage ich ihn: Braucht Berlin wirklich noch mehr Touristen? Berlin, sagt Athmann, „muss noch mehr vermitteln, dass es nicht nur ein attraktives Reiseziel mit tollen Hotels ist, sondern auch, dass es sich lohnt, hier Geld auszugeben“.

Er steuert nun in das Schokoladenhaus. „Wenn ich mir einen Kaffee hole, gehe ich hier oft durch.“ Um uns bestaunen Kinder und Erwachsene Schokolade in allen Darreichungsformen. Ich frage mich, wie viel Disziplin es braucht, hier einfach so durchzugehen. Dann fällt mir der Satz wieder ein: „Das Jackett bleibt zu.“

An der Friedrichstraße tauchen wir ab in die Shoppingwelt der Friedrichstadt-Passagen. Athmann spricht über die Ausbildung, die ihm wichtig ist. Es werde immer schwerer, gute Azubis zu finden. Als er selbst begann, sagt er, sei für ihn klar gewesen, „dass man in der Hotellerie nicht mittags um zwölf und abends um sechs zum Essen Zuhause sein kann.“ Heute sei das nicht mehr so zu vermitteln. „Der Freizeitwert ist wichtiger als früher.“ Aber ist das nicht auch gut? Gerade, wenn es um Familie geht?

Sie pendelten um die halbe Welt, um sich zu sehen

Ich frage, wie er und seine Frau das handhaben. Er selbst hat keine Elternzeit genommen, sagt er offen. „Ich habe es dreimal überlegt und wieder verworfen. Ich glaube, als Hoteldirektor ist das nicht möglich.“ Seine Frau Carola stammt aus Erlangen. Sie haben sich bei der Ausbildung im Hotelmanagement in den USA kennengelernt. Zwei Jahre pendelten sie jeweils um die halbe Welt, um sich zu sehen. Inzwischen leben sie in Berlin.

Athmann erzählt, dass seine Frau ihm viel Verständnis entgegenbringt, „auch wenn ich am Samstag um sechs Uhr früh noch mal eben ins Hotel muss, um mit einem wichtigen Gast einen Kaffee zu trinken“. Und dass sie ihn gern auf Empfänge begleitet. Es klingt nach einem traditionellen Lebensmodell. Und sehr glücklich. Inzwischen sind wir in der Gourmet-Etage der „Galeries Lafayette“ gelandet.

Dann wird geschwärmt vom Familienleben

Dort ist es sympathischerweise mit der Disziplin des Herrn im zugeknöpften Jackett vorbei. „Möchten Sie einen Kaffee?“, fragt er noch, schon stehen wir an der Törtchenvitrine. Er bestellt auf Französisch. Birne? Zitrone? Karamell? „Wir nehmen zwei verschiedene und teilen“, legt er gut gelaunt fest.

Dann wird geschwärmt vom Familienleben, das offensichtlich trotz Zwölfstundentag funktioniert. Die Familie lebt am Roseneck. Morgens bringt er die Kinder zur Schule. „Samstags, wenn wir die Kinder mal anderweitig untergebracht haben, gehen wir gern am Kudamm shoppen.“ Eigentlich spiele er auch Golf, sagt Athmann, doch momentan sei der Fußballplatz angesagt, seit der Älteste von einer Karriere als Torwart träumt. Athmann zeigt Handyfotos: Ein stolzer Achtjähriger im schlammbespritzten Trikot. Und drei Blondschöpfe am Strand. „Süß, oder? Wir waren gerade alle auf Sylt.“

Er checkt auch gern in anderen Hotels in Berlin ein

Wo checkt ein Hoteldirektor ein? „Im Hotel natürlich!“ Und zwar gern auch in Berlin. „Wir verbringen unseren Hochzeitstag traditionell in einem Hotel in Berlin, immer in einem anderen.“ Er will das nicht als Test für die Konkurrenz verstanden wissen. „Aber so lässt sich die Stadt wunderbar kennenlernen.“

Die Törtchen sind mittlerweile ebenso verschwunden wie die Zeit. Athmann schaut auf die SMS im Handy und lächelt zufrieden. „Reservierungen von Stammgästen“, ich merke, er würde mir die Namen gern sagen. Letzte Frage: Würde er nach sechs Jahren Berlin gern weiterziehen in die Welt? Er schüttelt den Kopf. Zum einen nicht wegen der Kinder. „Aber auch deswegen“, er deutet auf sein Handy. „Je länger Sie Direktor eines Hotels sind, desto mehr Bindungen gewinnen Sie zu den Gästen.“ Es ist eben auch für Gastgeber schön, in Berlin zu Hause zu sein.