AfD-Demo und Gegenprotest

Reportage: Warum die AfD die Menschen auf die Straße zieht

5000 Demonstranten protestierten gegen Merkels Asylpolitik, 1100 hielten dagegen. Es kam zu Übergriffen.

Ganz sicher waren die Organisatoren wohl zu Beginn selbst nicht, was für Demonstranten zu ihrer Kundgebung kommen würden. Bevor der Demonstrationszug der „Alternative für Deutschland“, kurz AfD, am Sonnabendnachmittag starten konnte, wurden die Teilnehmer zunächst auf Gewaltlosigkeit eingeschworen. Symbolisch wurden dafür Sonnenblumen und Astern verteilt, so dass es kurzfristig aussah, als seien die Grünen hier unterwegs. Doch dann wurden im Sprechchor die Parolen geübt, die sich die AfD sich auf die Fahnen geschrieben hat: „Merkel muss weg“ und „Wir sind das Volk“.

Unter dem Motto „Asyl braucht Grenzen – Rote Karte für Merkel“ hatte die AfD mobilisiert. In Berlin waren es nach Polizeiangaben rund 5000 Menschen, die gegen die weitere Aufnahme von Flüchtlingen demonstrierten. Am Rand der Strecke versammelten sich rund 1100 Gegendemonstranten, die ein linksgerichtetes Bündnis aus Parteien und Gewerkschaften aufgerufen hatte. Auseinandergehalten wurden die Demonstranten von 1100 Polizeibeamten.

Die Stimmung war angespannt. Zwar hatte die AfD nicht zum ersten Mal zum Marsch durch Berlin aufgerufen. Doch diesmal wurden deutlich mehr Anhänger erwartet als an den vorangegangen Sonnabenden – bis zu 10.000 sollten es werden, so die AfD. Das gelang nicht.

Die Demonstration im Minutenprotokoll

Bereits vor Beginn des Protests hatte es Aufregung gegeben, weil AfD-Parteisprecher Christian Lüth an der Berliner Schaubühne das Stück „Fear“ gefilmt hatte, in den es um Rechtspopulismus, Pegida und auch die AfD ging. Das Stück sei beleidigend und geschmacklos, hatte Lüth befunden, und die Kamera erst auf mehrfache Aufforderung der Schauspieler ausgestellt.

Anspannung hatte es auch vor Beginn der Demonstration gegeben, als Gegendemonstranten versuchten, zur Strecke der AfD-Demonstration durchzubrechen. Die Beamten setzten Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Ein Polizist wurde leicht verletzt, konnte seinen Dienst aber fortsetzen. Immer wieder schritten Beamte am Rand der Demonstrationsstrecke vom Roten Rathaus zum Hauptbahnhof ein. Es gab mehr als 40 Festnahmen.

Wer jedoch befürchtet hatte, die AfD könne die offen rechtsradikale Szene anlocken wie etwa Pegida in Dresden, hatte sich getäuscht. Auch wenn im Zug rund 40 klar erkennbare Neonazis mitmarschierten – der Großteil der AfD-Demonstranten entstammte zumindest äußerlich der Mittelschicht. Menschen zwischen 30 und 70, viele Ehepaare, viele in Funktionsjacken und Wanderstiefeln, neben Deutschland- und AfD-Fahnen wurden allenfalls Landesflaggen geschwenkt.

„Es gibt keine Meinungsfreiheit“

Gekommen waren Menschen wie ein Mann aus Charlottenburg-Wilmersdorf, der von sich selbst sagt: 30 Jahre sei er Mitglied der CDU gewesen, dann ausgetreten, „wegen der Flüchtlingspolitik“ und weil er sich in seiner damaligen Partei wegen seiner kritischen Ansichten gemobbt gefühlt habe. Ein Familienvater aus Schmargendorf hatte seinen achtjährigen Sohn mitgebracht. „Ich bin hier, weil ich mich um seine Zukunft sorge. Wenn es so weitergeht, haben wir bald einen Bürgerkrieg. Dies ist kein Rechtsstaat mehr, es gibt keine Meinungsfreiheit.“

Auf der Auftaktkundgebung in der Nähe des Roten Rathauses riefen die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch und der stellvertretende Parteivorsitzende Alexander Gauland dazu auf, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) abzuwählen. Beide betonten, die AfD sei eine bürgerliche Partei – und rechneten dann vor, welche Bedrohungen Deutschland entgegensehe. Von Storch sprach von „eineinhalb Millionen Migranten“, Gauland verwies auf die Zeit der Völkerwanderung, „als das weströmische Reich von Barbaren überrannt wurde“.

Scharfe Töne gegen Politik, „Lügenpresse“ und Demonstranten

Während Pegida und andere „-gida“-Bewegungen gezielt auf Fremdenangst und rechtsradikale Inhalte setzen, betonten die Sprecher auf der AfD-Bühne zumindest zu Beginn der Demonstration, sie richteten sich nicht gegen Flüchtlinge als solche, deren Motive, nach Deutschland zu kommen, nachvollziehbar seien. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe jedoch „jedem auf der ganzen Welt versprochen, dass er herkommen kann“. Deswegen sei Merkel „schuld an der Misere“. Bei der Schlusskundgebung am Hauptbahnhof gab es dann noch einmal schärfere Töne. Gegen die „Lügenpresse“, Gegendemonstranten und „die Politik“.

Diese war ebenfalls entlang der Strecke vertreten. Während sich an den Absperrungen AfD-Anhänger und Gegner gegenseitig anschrien, hatten die Berliner Landesverbände von SPD, CDU, Grünen und Linken am Brandenburger Tor zu einer Gegenkundgebung aufgerufen. Auch Mitglieder der Piratenfraktion demonstrierten.

Nach Polizeiangaben blieb es insgesamt weitgehend friedlich. Die AfD habe ihre Demonstration wie geplant durchführen können, Blockaden konnten verhindert werden, sagte ein Polizeisprecher. Auch Gegendemonstranten hätten entlang der Strecke ihre Meinung kundtun können, sagte ein Sprecher.