Korruption

Wie Schulfotografen am Rande der Legalität Geschäfte machen

In einer Schule mit 500 Schülern kann ein Fotograf bis zu 13.000 Euro verdienen. Es ist aber ein Geschäft an der Grenze des Legalen.

Einmal pro Jahr werden an vielen Schulen Klassenfotos gemacht. Ein Geschäft, bei dem sich viel Geld verdienen lässt für Fotografen

Einmal pro Jahr werden an vielen Schulen Klassenfotos gemacht. Ein Geschäft, bei dem sich viel Geld verdienen lässt für Fotografen

Foto: Gymnasium Oldenfelde

Die Eltern von Schul- und Kitakindern kennen es zu Genüge. Einmal im Jahr kommt ein Fotograf, lichtet die ganze Klasse ab und macht zusätzlich von jedem Kind Porträtaufnahmen. Ein lukratives Geschäft. In einer Schule mit 500 Schülern kann ein Fotograf so an ein, zwei Tagen zwischen 10.000 und 13.000 Euro verdienen, wie Insider berichten. Es scheint aber auch ein Geschäft hart an der Grenze des Legalen zu sein.

So spricht das Bundeskriminalamt in seinem „Bundeslagebericht Korruption 2014“ von 10.480 Verdachtsfällen, in denen Fotografen mit Kita- und Schulleitern gekungelt haben sollen, damit sie den lukrativen Auftrag exklusiv bekommen. Da gehe dann schon mal ein iPad oder auch andere Dinge für den Schulalltag über den Tisch.

Auslöser der neuerdings scharfen Gangart der Strafverfolgungsbehörden ist ein Urteil des Bundesgerichtshofes von Mai 2011. Danach liegt bei solchen Geschäften grundsätzlich der Verdacht der Bestechlichkeit nahe. Im Urteil heißt es: Es mache sich „bereits derjenige wegen Bestechung strafbar, der einem Amtsträger einen Vorteil anbietet und versucht, diesen hinsichtlich einer Handlung, die in dessen Ermessen steht, bei der Ermessensausübung zu beeinflussen. Die Beauftragung eines Schulfotografen ist eine derartige Ermessenshandlung“. (Bundesgerichtshof, AZ.: 3 StR 492/10)

Angebote mehrerer Fotografen einholen

Die Berliner Bildungsverwaltung verwies auf Anfrage der Berliner Morgenpost auf ein Schreiben, das sie bereits im Jahre 2008 an alle Berliner Schulen verschickt hat. Darin heißt es unter anderem: „Es empfiehlt sich, vor der Entscheidung für einen Fotografen mehrere Angebote einzuholen und diese in der Schulkonferenz zu besprechen. Zudem sollte auch der Schulträger in eine solche Entscheidung miteinbezogen werden.“

Eine Zuwendung des Fotografen an die Schule, heißt es im Schreiben weiter, müsse in einem angemessenen Verhältnis zur Gegenleistung der Schule stehen und dürfe – weder dem Grunde noch der Höhe nach – vom Absatz der verkauften Fotos abhängig gemacht werden, heißt es weiter. Schließlich müsse es eine klare schriftliche Vereinbarung zwischen der Schule und dem Schulfotografen geben, in der alle Verpflichtungen der Schule und alle Verpflichtungen des Fotografen benannt werden.

In der Praxis sieht es oft so aus, dass Schulen jahrelang mit demselben Fotografen zusammenarbeiten, wenn sich dessen Arbeit bewährt hat. Die Schulleiterin einer Neuköllner Grundschule sagte der Berliner Morgenpost, dass sie zwar mehrmals in der Woche Anrufe von Fotografen bekomme, die die Schulkinder gern fotografieren wollen und ihr dafür Geschenke in Aussicht stellen würden. Ihre Schule würde aber seit Jahren mit ein und demselben Fotografen zusammenarbeiten. Der komme einmal im Jahr und fotografiere alle Klassen und jedes Kind.

Zehn Prozent für die Klassenkasse

„Auf diese Weise haben wir gleich auch Fotos für die Schülerausweise“, so die Schulleiterin. Pro Klasse würden zehn Prozent des Geldes, das der Fotograf für seine Leistung in Rechnung stellt, in die Klassenkasse gehen, berichtet sie weiter. Davon hätten dann alle Kinder etwas.

Eine Kreuzberger Schulleiterin sagte der Berliner Morgenpost, dass auch an ihrer Schule seit Jahren derselbe Fotograf komme, um Fotos von den Schülern zu machen. „Die Eltern sind zufrieden mit ihm.“ Die Gesamtelternvertretung beschließe allerdings jedes Jahr aufs Neue, ob überhaupt Fotos gemacht werden sollen. In Nordrhein-Westfalen geht das Landeskriminalamt solchen Fällen nach. Es bestehe der Verdacht, dass „Aufwandsentschädigungen“ für die Fotoaufträge an Schulleiter gezahlt worden seien, sagte eine Sprecherin des LKA. Ihre Behörde habe schon früh vor dem Geschäftsmodell der Schulfotografie mit Geldzahlungen gewarnt.

In Bayern ist inzwischen Schulleitern und Lehrern vom Kultusministerium generell verboten worden, bei Schulfotoaktionen Zuwendungen entgegenzunehmen. Vorsorglich wurde daraufhingewiesen, dass im Bestechungsfall Paragraf 332 Strafgesetzbuch eine sechsmonatige Haft als Mindeststrafe vorsieht. Und an die Fotografen erging der Rat: billigere Preise statt Geschenke, die den Korruptionsverdacht nähren.

Berliner Fälle sind nicht bekannt

Ob auch das Berliner Landeskriminalamt gegen Fotografen und Schulleiter ermittelt, war am Freitag nicht in Erfahrung zu bringen. Ein Sprecher der Polizei sagte auf Anfrage der Berliner Morgenpost, Statistiken zu Korruption würden nicht so detailscharf geführt, dass man daraus ableiten könne ob es sich um einen Fall an einer Schule oder Kita handele. Die Berliner Fotografeninnung war für eine Stellungnahme am Freitag nicht zu erreichen.

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