Berlin

Forschung ohne Tierversuche: Haut ersetzt Labormäuse

An der Freien Universität werden Alternativen zu Tierversuchen entwickelt. Der Senat finanziert Berlins erste Professorenstelle dafür.

Heller Hautkrebs gilt mittlerweile als Volkskrankheit, mindestens 1,7 Millionen Patienten sind in Deutschland davon betroffen. Um die Wirksamkeit von Medikamenten dagegen zu prüfen, werden in der Regel Mäuse einer starken UV-Strahlung ausgesetzt. So entsteht bei ihnen Hautkrebs. Auch in anderen Bereichen der medizinischen Forschung dienen gezüchtete Nager, Fische oder Kaninchen als Testobjekte. Allein in Berlin wurden im vergangenen Jahr an fast 260.000 Tieren Versuche durchgeführt. Politiker und Wissenschaftler wollen diese Zahl reduzieren. Ein Forscherverbund in Berlin und Brandenburg arbeitet bereits an Ersatzmethoden. Nun soll an der Freien Universität Berlin (FU) eine erste Professur zur Erforschung von Alternativen für Tierversuche eingerichtet werden.

>>>Kommentar: Mehr als nur Tierschutz

Ziel ist es, Krankheitsmodelle auf der Basis menschlicher Gewebezellen zu entwickeln. In einem zweiten Schritt können aus den Zellen menschliche Organe wie Niere oder Leber rekonstruiert werden. Diese Modelle können in der Grundlagen- und Pharmaforschung eingesetzt werden, etwa um die Wirksamkeit von Arzneimitteln oder die Auswirkungen von Umweltgiften auf den menschlichen Organismus zu testen. Die Senatsverwaltung für Verbraucherschutz fördert die neue Professur mit einer Anschubfinanzierung von 400.000 Euro. Sie soll im kommenden Jahr besetzt werden, das Berufungsverfahren wird derzeit vorbereitet.

Bei Hautkrankheiten ist die Forschung bereits fortgeschritten

An der FU forschen Wissenschaftler schon intensiv zu diesem Thema. Eine wichtige Rolle spielen Ersatzmethoden für Tierversuche bereits bei Hautkrankheiten. Ein Team um Monika Schäfer-Korting, Pharmakologieprofessorin und erste Vizepräsidentin der FU, hat Krankheitsmodelle aus rekonstruiertem menschlichen Hautgewebe entwickelt. Dabei werden Hautzellen zunächst stark vermehrt und zu einem Zellverband aufgebaut. Bei Kontakt mit der Luft bildet dieser eine Hornschicht aus, die der Oberfläche der menschlichen Haut ähnelt. An diesem Hautgewebe kann zum Beispiel getestet werden, ob eine Substanz die Haut zerstört oder reizt, das Erbgut schädigt oder Allergien auslöst.

Durch das Ausschalten eines Gens und das bewusste Hervorrufen einer Entzündung ist es den Wissenschaftlern darüber hinaus gelungen, ein Modell für einen Gendefekt zu entwickeln, der Neurodermitis oder Schuppenflechte auslösen kann. Und schließlich konnten sie im Labor an rekonstruierter Haut ein Krankheitsmodell für den hellen Hautkrebs schaffen. Christian Zoschke gehört als Doktorand zu diesem Team. Ausgangspunkt für die Zellkulturen seien Hautstücke, die bei Operationen anfallen und von den Patienten gespendet werden, erklärte er am Mittwoch. Dafür kämen Schönheits-OPs in Frage oder Eingriffe gegen Vorhautverengung bei Jungen. Diese Häute werden in einer sterilen Werkbank zerkleinert, dann die Zellen isoliert. In einem Brutschrank, der von außen einem handelsüblichen Haushaltskühlschrank ähnelt, werden die Zellen bei einer konstanten Temperatur von 37 Grad Celsius gezüchtet. Vom Beginn der Zellkultur bis zum ausdifferenzierten Hautmodell vergehen drei bis vier Wochen.

Es geht nicht nur darum, das Leid von Tieren zu vermindern

Untersuchungen an Zellkulturen sowie Simulationen von Zellvorgängen am Computer ergänzen oder ersetzen schon heute vielfach Tierversuche. Derzeit werden rund 46 Prozent aller Versuchstiere, meist Mäuse und Ratten, in der Grundlagenforschung und weitere 18 Prozent in der Entwicklung von Arzneistoffen eingesetzt. Es handelt sich dabei häufig um Tiere, in deren Erbgut ein menschliches Gen eingeschleust wurde, das eine bestimmte Erkrankung auslöst, oder in deren Erbgut ein Gen ausgeschaltet wird, um auf diese Weise eine Erkrankung hervorzurufen.

Genetische Veränderungen und krankmachende Umwelteinflüsse lassen sich aber auch in isolierten menschlichen Zellen erzeugen. Die vom Land Berlin eingerichtete Professur soll die Entwicklung solcher Krankheitsmodelle vorantreiben und helfen, die Zahl der Tierversuche zu verringern. Die Professur ist eingebettet in den Berlin-Brandenburger Forschungsverbund „BB3R“. Die 3R stehen für die englischen Begriffe Reduction, Refinement und Replacement und umfassen Forschungen, mit denen Tierversuche reduziert, schonender gestaltet oder sogar ganz ersetzt werden sollen. Der Verbund wird seit April 2014 aus Fördermitteln des Bundesforschungsministeriums finanziert. Neben der FU sind auch die Charité, die Technische Universität Berlin und die Universität Potsdam beteiligt.

Mit den Alternativen zu Tierversuchen soll aber nicht nur das Leiden und Sterben von Tieren vermieden werden. Sie brächten auch neue Erkenntnisse in der pharmaklogischen Grundlagenforschung, erklärte Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU) am Mittwoch. Denn die Frage, ob die Versuchsergebnisse auf den Menschen übertragen werden können, stelle sich hier nicht.