Beisetzung

Flüchtlingsjunge Mohamed findet letzte Ruhe in Berlin

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Matthias Steubeund Hans H. Nibbrig
Berlin trauert: Kondolenzbücher für die ermordeten Kinder Elias (Foto rechts) und Mohamed

Berlin trauert: Kondolenzbücher für die ermordeten Kinder Elias (Foto rechts) und Mohamed

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Nach muslimischem Ritus wird Mohamed am Vormittag in Gatow beigesetzt. Seiner Familie droht die Abschiebung, die Duldung läuft aus.

Sie wird an diesem Donnerstag ihren Sohn beerdigen. Nach muslimischem Ritus. Aldiana J. hat sich für den Landschaftsfriedhof Gatow als letzte Ruhestätte für Mohamed entschieden. Der Vierjährige war am 1. Oktober von dem 32 Jahre alten Silvio S. vom Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Moabit entführt worden. Anschließend, so hatte Silvio S. gestanden, hat er ihn in seiner Wohnung in Kaltenborn im Süden Brandenburgs sexuell missbraucht und dann getötet. Der Wachmann ist auch der mutmaßliche Mörder des sechsjährigen Elias aus Potsdam.

Bosnische Familie von Abschiebung bedroht

Zur Beerdigung um 10 Uhr erwartet Mohameds Mutter Angehörige aus Schweden. Gemeinsam mit ihnen und den beiden Kindern Melina, 9, und Kevin (fünf Monate) wird sie Abschied nehmen von ihrem Sohn, der auf so grausame Weise sterben musste.

Zeit für Trauer wird der 28-Jährigen wohl aber nicht bleiben. Denn ihr droht die Abschiebung. Weil sie aus Bosnien kommt, das als sicheres Herkunftsland gilt, wurde ihr Asylantrag abgelehnt. Die Duldung läuft am Ende dieses Monats aus.

Eine Chance, mit ihren Kindern in Berlin zu bleiben, hat sie möglicherweise, weil sie als Nebenklägerin im Prozess gegen den mutmaßlichen Doppelmörder auftreten wird. „Sie muss hierbleiben“, sagt der SPD-Abgeordnete Ilkin Özisik, „denn sie ist ja auch Zeugin im Prozess.“ Özisik betreut Mohameds Familie. Er hat auch dafür gesorgt, dass sich einige Islamische Gemeinden um die Bestattung des kleinen Mohamed kümmern und die nicht unerheblichen Kosten dafür tragen. Ob es aber zwingend ist, dass die Mutter Aldiana J. für einen Auftritt als Nebenklägerin in dem Prozess in Berlin bleiben und die Duldung verlängert werden muss, war am Mittwoch noch nicht klar.

Özisik glaubt zwar, dass die Chancen gut stehen. Falls es aber nicht gelinge, will er eine zweite Karte ziehen. Das ist ein Antrag an die Härtefallkommission. Diese entscheidet darüber, ob bei abgelehnten Asylbewerbern Gründe vorliegen, sie nicht in ihr Herkunftsland abzuschieben. In dieser Kommission sitzen unter anderem Vertreter der Kirchen, der Liga der Wohlfahrtsverbände, des Flüchtlingsrats, des Integrationsbeauftragten von Berlin und der Senatsverwaltung für Frauen. Findet sich in der Kommission eine Zweidrittelmehrheit, die sich für den Verbleib ausspricht, richtet sie ein Er­suchen an den Innensenator. Frank Henkel (CDU) ist in seiner Entscheidung frei und nicht an die Empfehlung der Härtefallkommission gebunden.

Für den SPD-Abgeordneten Özisik ist dagegen jetzt schon klar, dass Mohameds Mutter bleiben muss. „Wir haben alle gesagt, der Fall muss vollständig aufgeklärt werden, und da gehört die Mutter auf jeden Fall dazu, deshalb werden wir auch mit Innensenator Henkel verhandeln“, sagte Özisik der Berliner Morgenpost. Auch die Grünen sind für ein Bleiberecht. „Die rechtlichen Voraussetzungen für die Aufenthaltserteilung liegen vor; es ist ein Gebot der Menschlichkeit, Mohameds Familie den Aufenthalt zu erlauben“, sagte der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux. „Sollte der Innensenator nicht den Anstand dafür besitzen, könnten wir der SPD zu der erforderlichen Mehrheit, etwa im Petitionsausschuss verhelfen, damit Mohameds Familie hierbleiben kann.“

Isolierung soll Übergriffe von Mithäftlingen verhindern

Mohameds mutmaßlicher Mörder Silvio S. soll noch in dieser Woche von Moabit in die JVA Brandenburg/Havel überstellt werden. Der genaue Termin sei aber noch unklar, sagte Alexander Kitterer, stellvertretender Sprecher des Brandenburger Justizministeriums, am Mittwoch. Die Anstalt sei auf die Ankunft des neuen Häftlinge vorbereitet, welche Maßnahmen im Einzelnen getroffen würden, sei noch offen. „In einer Sondersituation stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung“, erklärte der Justizsprecher weiter.

Dabei geht es vor allem darum, sowohl die Gefahr eines Suizids wie auch die Möglichkeit von Übergriffen anderer Häftlinge auf den Neuzugang auszuschließen. Direkt nach seiner Ankunft wird Silvio S. einem Arzt vorgestellt, der auch eine mögliche Suizidgefahr prüft. Sollte die vorliegen, wird S. in einem gesonderten kameraüberwachten Haftraum untergebracht. Dabei handelt es sich um einen kargen, nur mit einer Liege ausgestatteten Raum, in dem es nichts gibt, was der Insasse als Waffe oder gefährlichen Gegenstand nutzen könnte.

Um der Gefahr eines Übergriffs zu begegnen, kann der Gefangene vollständig isoliert werden. Den täglichen Hofgang absolviert er allein. Und beim sogenannten Umschluss, den Stunden, in denen sich die Häftlinge im abgeschlossenen Bereich ihres Zellentraktes frei bewegen können, bleibt sein Haftraum geschlossen, bis die Freizeit für die Mithäftlinge beendet ist. „Solche Maßnahmen sind schon mit einem erheblichen Aufwand verbunden, wir werden aber gerade auch im Fall S. jedes Risiko ausschließen“, sagte Kitterer dazu. Langfristiges Ziel sei es allerdings, S. in den normalen Vollzug einzugliedern.

Zu den weiteren Vorbereitungsmaßnahmen gehören auch Rücksprachen und ein intensiver Erfahrungsaustausch mit der JVA Moabit. Dort war S. am vergangenen Sonntag von einem Mithäftling niedergeschlagen worden.