Online-Akquise

Senat bittet Berliner um Wohnungen für Flüchtlinge

Wer eine leerstehende Immobilie hat, möge sich melden: Bei der Unterbringung der Flüchtlinge greift Berlin zu neuen Mitteln.

Rund 30.000 Berliner Flüchtlinge leben in Gemeinschafts- oder Notunterkünften

Rund 30.000 Berliner Flüchtlinge leben in Gemeinschafts- oder Notunterkünften

Foto: Britta Pedersen / dpa

Jetzt sollen es mal wieder die Berliner richten. „Wir suchen dringend leerstehende Wohnungen, für einen kürzeren oder längerem Zeitraum“, sagte Sozialsenator Mario Czaja (CDU) am Mittwoch. Von den 53.900 Flüchtlingen, die in diesem Jahr nach Berlin gekommen sind, leben erst 10.000 in einer eigenen Wohnung. Czaja fordert Eigentümer deshalb auf, nicht genutzte Objekte zur Verfügung zu stellen. Gefragt sind „einfache Wohnungen im unteren Segment“.

Flüchtlinge, die aus einer Unterkunft ausziehen, dürfen eine um 20 Prozent höhere Miete übernehmen als sonst laut Hartz-IV-Regelung erlaubt – was auch für Wohnungslose gilt. So wird trotzdem gespart: Flüchtlinge in Not- oder Gemeinschaftsunterkünften, für die der Senat einen Tagessatz entrichten muss, kosten das Land mehr Geld als die mit eigener Wohnung.

Eine Online-Plattform soll es nun richten. Einzelne Wohnungen zur dauerhaften Miete werden dort über das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) vermittelt. Die Organisation konnte seit 2014 rund 2700 Flüchtlingen eine eigene Wohnung verschaffen. Die meisten konnten dieses Jahr in Mitte (68), Spandau und Lichtenberg (je 41), die wenigsten in Friedrichshain-Kreuzberg (13) akquiriert werden.

Für Gemeinschafts- und Notunterkünfte sucht Czaja Immobilien mit mindestens 2000 Quadratmetern Nutzfläche. Und verweist zudem auf die Seite des Start-ups „Willkommen Flüchtlinge“, welches WG-Zimmer vermittelt.

Standards werden gesenkt

Allein am Dienstag kamen 1900 unregistrierte Flüchtlinge aus Bayern in Berlin an, sie mussten provisorisch in einer Neuköllner Turnhalle unterkommen. Zudem wurden die Sporthallen der Oberstufenzentren an der Malmöer Straße in Prenzlauer Berg und der Prinzregentenstraße in Wilmersdorf kurzfristig zu Notunterkünften umfunktioniert.

Die Not ist offenbar so groß, dass Czaja auf der Suche nach Unterkünften inzwischen auch Immobilien in Betracht zieht, die vor einem Jahr nicht den Standards entsprochen hätten. Wenn etwa sanitäre Einrichtungen fehlen, sollen erstmal Duschcontainer aushelfen. „Es sollen sich auch die Eigentümer melden, deren Objekte wir schon mal abgelehnt haben“, so Czaja.

Die Kritik folgt prompt. „Wo sollen diese Wohnungen sein, die Herr Czaja meint?“, fragt Dieter Blümmel vom Eigentümerverband Haus & Grund. „Solche Wohnungen suchen auch Studenten, Senioren und Arbeitslose. Dieser Aufruf wird ins Leere laufen.“

Als „nicht ausreichend“ bezeichnet die Abgeordnete Katrin Schmidberger (Grüne) den Vorstoß. Ihre Partei hat einen Gesetzesentwurf vorbereitet, der vorsieht, dass die Bezirke leerstehende Wohnungen für Flüchtlinge und Wohnungslose beschlagnahmen können.

Der größte Teil der Flüchtlinge beschafft sich seine Bleibe in Eigenregie, mit der Hilfe von Ehrenamtlichen und Sozialarbeitern. Laut Czaja gibt es immer noch 2500 Menschen, die ein abgeschlosseses Asylverfahren haben, aber immer noch in den Unterkünften wohnen.