Freiheit

Nach Unfall: Keine schärferen Regeln auf Tempelhofer Feld

Nach dem Unfall auf dem Tempelhofer Feld wird mehr Rücksicht gefordert – und keine neuen Regeln.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Plötzlich passiert ein Unfall – an einem Ort, an dem bislang alles so harmonisch verlief. Dort, wo sich niemand in die Quere zu kommen schien und das bei rund 12.600 Besuchern am Tag. Selbst die schnellen Radfahrer, Skater und Kiter machen neben den Müßiggängern auf dem Tempelhofer Feld einen sehr entspannten Eindruck. Alle zusammen und doch jeder für sich. Auf der Fläche fühlt es sich in manchen Momenten ohnehin an, als wäre man außerhalb der laufenden Zeitzone. Kein Druck, kein Alltag. Endlich mal ein Ort der Freiheit im sonst so reglementierten Stadtbild.

Aber genau das ist es nun, was einen seit dem Unfall zwischen Kiter und Radfahrer am vergangenen Sonnabend kurz zum Grübeln bringen könnte. Sollte es auf einer Freifläche wie dem Tempelhofer Feld doch gewisse Regeln geben, um solche Zusammenstöße zukünftig zu vermeiden? Immerhin besuchen pro Jahr rund zwei Millionen Menschen die Freifläche, jeder mit einem anderen Gerät mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten oder zu Fuß. Und wo gibt es überhaupt noch Gegenden, die ganz ohne offizielle Absprachen so reibungslos funktionieren? Spätestens jetzt könnte man über feste Nutzungsgebiete für die unterschiedlichen Teilnehmer nachdenken. Eine Spur für Fußgänger, eine für Radfahrer, eine Freifläche für Kiter zum Beispiel. Ähnlich wie es das Planungsziel im Gleisdreieckpark war und seit Eröffnung auch tatsächlich optisch signalisiert ist.

„Rücksichtnahme der Nutzer ist enorm groß“

Aber ob ein Reglement wie dieses tatsächlich präventiv Unfälle verhindern kann, bleibt dennoch die Frage. War der Unfall am Wochenende doch nur ein Versehen und dem Tathergang zufolge ein unvorhersehbares Ereignis? So sieht zumindest Bettina Riese, Sprecherin der landeseigenen Grün Berlin GmbH, die das Tempelhofer Feld als Parkanlage betreibt. „Die Rücksichtnahme der verschiedenen Nutzer der Freifläche ist enorm groß – Vorfälle wie diese sind zum Glück bislang nur selten“, sagt sie. Beschwerden von Besuchers über andere gebe es im Jahr ein bis zwei Mal. Die Tatsache aber bleibt trotzdem bestehen: Ein 64-jähriger Fahrradfahrer wurde lebensgefährlich verletzt, weil ihn das Segel eines 26-jährigen Kitesurfers erfasst hatte.

Tilman Heuser ist Koordinator der Umgestaltung. Er leitet auch die Dialoge über das Tempelhofer Feld. Auch er sagt: „Primäres Ziel sollte keine feste Regulierung sein sondern weiterhin die gegenseitige Rücksichtnahme.“ Und die sei gegeben. Die Daueraufgabe der Gespräche durch Heuser bestehe eher darin, auf lange Sicht einen Entwicklungs- und Pflegeplan zu erstellen. Also die langfristige Nutzung der Fläche zu klären. Bis zum 15. Dezember soll nun der erste Entwurf dieser Gespräche mit einem Querschnitt befragter Berliner dem Abgeordnetenhaus vorgelegt werden. Aufgefordert war jeder Interessierte, online Ideen zur künftigen Gestaltung beizutragen. Der Tenor sei laut Heuser: „Der Charakter des Felds soll so wenig wie möglich verändert werden.“

Punktuelle Plätze für Gastronomie, Toiletten, Bänke

Im Gespräch seien Zusätze wie punktuelle Plätze für Gastronomie, Toiletten, Bänke. Vielleicht ein Verleih für Sport- und Spielgeräte und Infopunkte zur Geschichte des Tempelhofer Felds. Immerhin ist das Feld geschichtsträchtiger Ort. Zusätzlich zu den zwei mobilen Parkaufsichten, die täglich im Auto und auf dem Fahrrad über das Feld patroullieren, wird derzeit niemand gefordert. Heuser zumindest appelliert nach wie vor schlichtweg an den gesunden Menschenverstand. Aber vielleicht werde der vergangene Unfall nun doch noch mal das Thema einer festgelegten Nutzung ins Rennen werfen.

„In der Hausordnung, die man an den Eingängen findet, wird immer wieder auf Umsichtigkeit hingewiesen“, sagt Grün-Berlin-Sprecherin Riese. Eigentlich sei klar, dass Kiter nicht unbedingt dort sporteln sollten, wo sich viele Menschen aufhalten. „Man sieht, wer auf einen zukommt, aber nach hinten kann man eben nicht immer schauen – daher müssen Geschwindigkeiten je nach dem angepasst werden.“ Bislang habe das auch ohne Probleme geklappt.

200 Berliner beteiligten sich am Entwicklungsplan

Grundlage für die laufenden Dialoge ist das Gesetz zum Tempelhofer Feld, das am 14. Juni 2014 nach dem erfolgreichen Volksentscheid gegen eine Bebauung in Kraft getreten ist. Die Mehrheit der Berliner lehnte die Bebauungspläne des Senates ab. Laut Gesetz dürfen keine Bauten entstehen, die den Charakter des freien Feldes beeinträchtigen. Etwa 200 Interessierte haben sich laut Heuser im letzten halben Jahr aktiv in den Entwicklungsplan eingebracht.

Das freie Feld also nach wie vor zur Entspannung und um die unvergleichbare Weite zu nutzen. Oder wo sonst in Berlin kann man noch so freidrehen? „Die Drachen am Horizont über dem Feld gehören mittlerweile schon richtig zum Stadtbild dazu“, sagt Riese. Vielleicht sind sie sogar eine Art Symbol der Freiheit, die hier auf dem Feld herrscht. Immerhin wurde der mehrheitliche Wunsch der Berliner erhört. Zusätzlich dürfen sie aktiv mitentscheiden. Das ist ein gutes Signal. Und zusammen zeigen sie, dass sie auch ohne Regeln gut zurecht kommen.