Computer

„League of Legends“: Unbeholfene Jungs als coole Superstars

In der Mercedes-Benz Arena feiern 17.500 Zuschauer das WM-Finale des Online-Games „League of Legends“. Koreas Superstars messen sich.

Elena hat sich schick gemacht. Die 20-Jährige hat sich eine knallblaue Perücke über ihren Kopf gezogen, eine große Patrone baumelt an einer Kette um ihren Hals, sie trägt ein bauchfreies Top. „Das macht richtig Spaß hier, es herrscht eine Atmosphäre wie auf einem Rockkonzert“, sagt sie und nippt an ihrem Bier. In der anderen Hand balanciert sie eine Zigarette. Hinter ihr erhebt sich eine fünf Meter hohe Statue eines lilablauen Drachens. Vor ihr erhebt sich die Mercedes-Benz Arena. Hier in Berlin steigt der Tag des Weltmeisterschaftsfinales – in „League of Legends“, das ist das populärste Online-Videospiel der Welt.

Mädchen posieren als Magierinnen und Fabelwesen

17.500 Menschen strömen am Sonnabend in die Arena, die bereits im Juli, 90 Sekunden nach Start des Ticketings ausverkauft war. Und die Mischung der Leute ist bunt. In für die herbstlichen Temperaturen recht knapp gehaltenen Kostümen gekleidete Mädchen posieren als Magierinnen und Fabelwesen. Ein Teenager raunt seinem Kumpel staunend zu: „Man, die sind so sweet.“ Nebenan schleppt ein kleiner Junge seinen Vater mit zielsicherem Schritt in Richtung Eingang. Ein Mittdreißiger im Kuhkostüm beißt in sein Bratwurstbrötchen.

Sie alle sind gekommen, um zehn jungen Männern beim Computerspielen zuzuschauen. Die KOO Tigers und SK Telecom treffen im Finale aufeinander, zwei koreanische Teams, die besten der Welt. Die große Bühne ist bereitet: Ein Moderatorenquartett, wie man es aus Sportübertragungen in den USA kennt, analysiert das Aufeinandertreffen im Vorfeld: Die Taktik, die Statistik, die Stars der Mannschaften. Pathetische Einspieler flimmern über die gigantische, acht mal vierzehn Meter messende Videowand, die über der Bühne hängt, auf der zehn einsame Computer auf die Meister der Mäuse warten. Der Sound ballert mit voller Lautstärke aus den Boxen, die Lichtshow erhellt den Raum, aus den Ecken der Arena wabert Nebel auf.

Schüchterne Jungs werden zu Helden

Aus diesem Nebel kommen – zehn schüchterne Jungs. Jungs, die schwach lächelnd ins Publikum winken und von dem Trubel, der in der Arena gemacht wird, fast erschlagen wirken. Sang-hyeok „Faker“ Lee gilt als bester Spieler der Welt und Superstar der Szene. Der Cristiano Ronaldo des E-Sports betritt unter großem Jubel die Bühne – und schlägt einen Purzelbaum. Was nach großer Geste aussehen soll, wirkt eher unbeholfen. Und das Publikum? Tobt. Vom Einlaufen der Spieler bis zum allerletzten Klick.

Kaum, dass die Spiele, die im Best-of-Five-Modus ausgetragen werden, begonnen haben, recken sich 17.500 Hälse in Richtung Videowand. Wenn eine der virtuellen Helden von einem gegnerischen Zauber niedergestreckt wird, brandet Getöse auf – übertönt nur von den sich überschlagenden Stimmen des Kommentatoren-Duos. Mittelalterliche Helden hetzen über die Monitore, Drachen werden niedergestreckt, Wachtürme eingerissen, Basen zerstört. Ein Raunen geht durchs Rund, wenn einer der Protagonisten dem Videospiel-Exitus nur knapp entkommt.

Stimmungsvolles Flackern

Blaue und rote Leuchtdioden, die die Gaming-Fans mit sich tragen, tauchen den abgedunkelten Innenraum in ein stimmungsvolles Flackern. Als die KOO Tigers, als Underdog in den Tag gestartet, im dritten Spiel aufdrehen und die favorisierten und bis dahin auch überlegenen Gegner im Eiltempo auseinandernehmen, schwappen Laola und Sprechgesänge durch die Halle. Die Masse erhebt sich von den Sitzen. Das Publikum will mehr Spektakel. Die Atmosphäre entspricht einem Spitzenspiel in der Fußball-Bundesliga.

Auch, was den Alkoholkonsum angeht: Ein Angestellter, der im dritten Obergeschoss der Arena am Ausschank arbeitet, wuchtet begeistert Kisten mit Rum und Cola in den Lift. „Das macht richtig Spaß heute“, sagt er ächzend: „Das Bier geht heute besonders gut. Die trinken wie beim Eishockey.“ Nach einer kurzen Pause lächelt er in sich hinein und korrigiert sich: „Naja, zumindest fast wie beim Eishockey.“

2000 Euro für ein Ticket von Peking zum Berliner Finale

Letztendlich entscheiden SK Telecom um Superstar „Faker“ das Finale mit 3:1 für sich. Rund vier Stunden sind seit dem ersten Klick vergangen. Unter Funkenregen und Knallen des Feuerwerks umarmt sich das Siegerteam etwas unbeholfen, steht im Kreis um den Weltmeisterpokal herum. Die geschlagenen Tigers sitzen noch auf ihren Sitzen – fassungslos. Von den Rängen: Sprechchöre, Zugabe-Forderungen. Die Spieler feuern Caps in die Menge, bedanken sich im Interview mit einer attraktiven Moderatorin bei ihren Fans in einem Englisch, das bestenfalls als gebrochen zu bezeichnen ist. Die Antworten sind nicht der Rede Wert. Doch das ist egal. „Hi Fans“, sagt der bebrillte „Faker“ mit gedämpfter Stimme. Ohrenbetäubender Applaus. „Yeah, Faker“, grölt eine Reibeisenstimme aus der ersten Reihe zurück.

In ihrem Heimatland Korea sind „Faker“ und seine Kollegen Superstars. Das Finale wurde dort live im Fernsehen übertragen und von weiteren Millionen via Stream im Internet verfolgt. Bei ihrer Rückkehr in die Heimat werden SK Telecom als Helden gefeiert werden. Der digitale E-Sportler steht in Asien schon jetzt auf einer Stufe mit dem „normalen“, analogen Sportler. Alleine der Sieg in Berlin garantiert dem Quintett über eine Million Dollar Preisgeld.

Ein letztes Selfie

Doch wer gewonnen hat, ist dabei zumindest für die Zuschauer zur Nebensache verkommen, das wird spätestens jetzt klar. Eine Masse an jungen Menschen feiert. Feiert sich selbst und ihr Hobby, das früher als Randgruppenphänomen für Nerds verschrien war. Elena, die Englisch auf Lehramt studiert, sagt: „Bei uns in der Uni werde ich gerade als Mädchen manchmal immer noch schräg angeschaut, weil ich Videospiele zocke. Aber hier sind wir alle gleich.“ Nach Ende der Veranstaltung fährt sie mit ihren Freunden mit dem Bus zurück nach Essen, das kostet 20 Euro.

Song Song hat für seinen Trip zu den „Worlds“, wie die Weltmeisterschaft in „League of Legends“ genannt wird, 2000 Euro gelassen. Er ist mit vier Kumpels aus der chinesischen Hauptstadt Peking angereist, ist zum ersten Mal in seinem Leben in Berlin. „Es war ein anstrengender Trip. Aber es hat sich gelohnt“, sagt er. Und ergänzt: „So viele tolle Leute, so eine aufregende Stimmung. Es ist großartig.“ Breit grinsend schießt er ein letztes Selfie vor der Arena. Als er in der Nacht verschwindet, hält er sein Ticket noch immer stolz in der Hand.