Berliner Geheimnisse

9. Geheimnis: Behindertengerechtes Bauen schon 1748

Das Invalidenhaus von 1748 in der Scharnhorststraße war Berlins erster behindertengerechter Bau – für die Versehrten der preußischen Kriege.

Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR, kennt sich mit Berlins Baudenkmälern aus. Er ist heute Vorsitzender der Stiftung Denkmalschutz Berlin

Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR, kennt sich mit Berlins Baudenkmälern aus. Er ist heute Vorsitzender der Stiftung Denkmalschutz Berlin

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Friedrich der Große (1712–1786) war nicht nur Schöngeist, der mit Voltaire philosophierte und sich am Flötenspiel erfreute. Er scheute auch keine militärische Schlacht. Gleich drei große Kriege hat er geführt: die beiden schlesischen (1740 der eine, 1744–1745 der andere) und den Siebenjährigen Krieg (1756–1763 gegen Österreich, Frankreich und Russland).

Er, der keine Skrupel hatte, Hunderttausende Soldaten für das Großmachtstreben Preußens in Tod und Verwundung zu schicken, kümmerte sich aber auch um das Schicksal derer, die als Krüppel aus den Feldzügen zurückkehrten. Davon künden die Reste des einstigen Invalidenhauses an der Scharnhorststraße 36/37 in Mitte, seit 2000 Teil des Bundeswirtschaftsministeriums.

Ungewöhnlich sind die tief ansetzenden Fenster zu Straße und Innenhof

Über das heute noch zu erkennende Besondere weiß Lothar de Maizière zu erzählen. Der ist nicht nur Preuße mit hugenottischen Wurzeln und letzter wie einziger frei gewählter Ministerpräsident der DDR, sondern im Ehrenamt auch Vorsitzender der Stiftung Denkmalschutz Berlin. „Schauen Sie auf die Fenster, wie tief zur Straße und zum Innenhof hin die runtergezogen sind ...“

Nachgemessen beträgt der Abstand zwischen Bürgersteig und Unterkante Fenstersims genau 70 Zentimeter. Dabei handelt es sich keineswegs etwa um Ein- beziehungsweise Ausblicke eines Kellergewölbes oder Souterrains. Es sind hohe, lichte Fenster. An der Stirnseite des rechten Flügels des Invalidenhauses sind es zwei, die freie Sicht auf die Straße eröffnen. Die Fenster an der Längsseite der einst dreiflügeligen Anlage sind zum Innenhof ausgerichtet.

Der Park ist gestaltet, wie Gartenkünstler Lenné ihn angelegt hatte

Der ist heute wieder als kleiner Park gestaltet, so wie ihn Preußens großer Garten- und Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné (1789–1866) 1820 als Ehrenhof angelegt hatte. Auch die beiden langgestreckten, schlicht grau verputzten Fassaden der original erhaltenen Seitenflügel – der Zentralbau in der Mitte wurde im Krieg zerstört – sind 1999/2000 als Teil des Wirtschaftsministeriums denkmalgerecht saniert worden.

„Die Fenster sind so tief heruntergezogen, damit auch bein- und fußamputierte Kriegsinvaliden in ihrem Rollstuhl aus dem Fenster gucken konnten“, erzählt Lothar de Maizière. Alle drei Häuser waren ebenerdig zugänglich. „Barrierefrei würde man heute sagen. Es ist also der erste wirklich behindertenfreundliche Bau Berlins“, sagt der sich um Berlins Denkmale sorgende Jurist, Musiker und Kurzzeitpolitiker.

Wo „der Blick auf auf die Landschaft Leib und Seele regenerierte“

Die Idee für eine Unterkunft für kriegsinvalide Soldaten hatte schon Friedrichs Vater, Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig. Der allerdings sammelte lieber „Lange Kerls“ für sein Königsregiment, als große Kriege zu führen. So blieb es Friedrich vorbehalten, 1747 den Grundstein für das Invalidenhaus zu legen. Außerhalb der Stadtmauer, dort „wo der Blick auf die Landschaft Leib und Seele regenerierte“, wie der König befand.

Entworfen hat die ursprünglich um drei Höfe jeweils in U-Form angelegte Anlage der Ingenieur und preußische Offizier Isaak Jakob Petri. Als der König am 15. November 1748 zur feierlichen Eröffnung erschien, hatten 631 Invalide aus den beiden Schlesischen Kriegen und deren Familienangehörige eine neue Heimstatt. Neben Unterkunft fanden sie Verpflegung, Kleidung und ärztliche Betreuung. Außerdem gab es eine evangelische und eine katholische Kapelle, dazu verschiedene Wirtschaftsgebäude für Viehzucht, Bierbrauerei und Branntweinbrennerei.

Heute arbeiten im Invalidenhaus Beamte des Bundeswirtschaftsministeriums

Bis 1939 diente das Invalidenhaus seinem ursprünglichen Zweck. Als die Wehrmacht für die Erweiterung ihrer benachbarten militärärztlichen Akademie mehr Platz brauchte, wurde das Kriegsopferheim erneut an den Stadtrand verlegt. Diesmal in den Norden, an die Stadtgrenze nach Frohnau. In der neuen Invalidensiedlung mit ihren 51 Häusern aus rotem Backstein und angelehnt an holländische Architektur lebten ursprünglich 180 Familien. Sie steht seit 1991 unter Denkmalsschutz.

Als Legende übrigens erweist sich diese Vermutung: Wehrmacht und Nazis hätten die Kriegsversehrten ganz bewusst aus Berlins Mitte in die Abgeschiedenheit des Nordens abgeschoben, damit sie aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwinden. Realität ist dagegen: Die heute im ehemaligen Invalidenhaus an der Scharnhorststraße arbeitenden Beamten des Wirtschaftsministeriums schauen nicht den ganzen Tag aus dem Fenster, sondern arbeiten fleißig am Schreibtisch und Computer.

Und so geht’s zum Invalidenhaus: Vom Hauptbahnhof rechts in die Invalidenstraße, nach etwa 300 Metern links in die Scharnhorststraße. Am letzten Gebäude vor dem Invalidenfriedhof ist das Ziel erreicht.


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