Bildung

Was sich an Berlins Schulsystem jetzt ändern soll

Die SPD möchte Kunst- und Verkehrsschulen stärken, die CDU die gymnasiale Oberstufe reformieren. Das Parlament muss zügig entscheiden.

SPD-Fraktionschef Raed Saleh besucht die Jugendkunstschule in Spandau, die elfjährige Schülerin Karina diskutiert mit dem Politiker über ihre Stadtansicht mit Havel

SPD-Fraktionschef Raed Saleh besucht die Jugendkunstschule in Spandau, die elfjährige Schülerin Karina diskutiert mit dem Politiker über ihre Stadtansicht mit Havel

Foto: Massimo Rodari

Konzentriert rührt Karina ihre Acrylfarbe an, ein kräftiges Blau. Die Elfjährige will eine Stadtansicht malen. „Das da ist die Havel. Diesen Blick habe ich, wenn ich zu Hause bin“, erklärt sie. Für zwei Tage nimmt sie an der Herbstakademie der Spandauer Jugendkunstschule auf der Zitadelle teil. „Lichter der Großstadt“ heißt das Thema des Kurses, den die Künstlerin Karoline Zech leitet. Behutsam gibt sie den Kindern Tipps, ohne sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Valeria arbeitet schon an ihrem zweiten Bild. Das erste, eine Abendstimmung mit vielen beleuchteten Fenstern in hohen Mietshäusern, zeigt die Zwölfjährige mit gebührendem Stolz.

„Wir müssen den Begriff der Bildung neu denken“

Jugendkunstschulen gelten ebenso wie Gartenarbeits- und Jugendverkehrsschulen als außerschulische Lernorte. Dass Kinder dort viel Nützliches lernen, neue Erfahrungen machen, ihre Kreativität und ihr Naturverständnis entwickeln können, ist unbestritten.

Zudem sind die Angebote des Landes und der Bezirke für die Eltern kostenlos. Die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus möchte diese außerschulischen Lernorte deshalb im Schulgesetz verankern, um sie besser gegen mögliche Schließungsabsichten zu schützen.

Initiator des Antrags ist Fraktionschef Raed Saleh. „Wir müssen den Begriff der Bildung neu denken und mutiger diskutieren als bisher“, sagte Saleh dazu der Berliner Morgenpost. Bildung sei mehr als nur Schulunterricht. Auch Jugendkunst-, Verkehrs- und Gartenarbeitsschulen seien Orte der Bildung, daher sei es nur konsequent, ihnen denselben Status zu geben wie etwa den Musikschulen. Diese sind, wie auch die Volkshochschulen, im Schulgesetz institutionalisiert.

Damit hätten die außerschulischen Lernorte finanzielle Sicherheit und könnten besser ihre Angebote planen. Ihr privilegierter Status würde eben gerade ermöglichen, die Angebote weiter allen Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen.

Die Bildungssenatorin ist offen für Kunst-, Verkehrs- und Gartenschulen

Die Senatsbildungsverwaltung prüfe nun, welche finanziellen Auswirkungen das hätte, so Saleh. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) signalisierte bereits, dass sie dem Vorschlag „sehr offen“ gegenüberstehe. „Das könnte zu einer Stärkung dieser wichtigen Einrichtungen führen“, sagte sie der Berliner Morgenpost. Allerdings müsse man dann auch über deren Ausstattung mit Personal- und Sachmitteln reden.

Der Antrag liegt nun zur Prüfung bei der CDU-Fraktion. In der rot-schwarzen Koalition werden nur gemeinsam getragene Anträge ins Parlament eingebracht. Die Union hat sich noch kein abschließendes Urteil gebildet, CDU-Bildungsstadträtinnen reagierten aber zunächst skeptisch. Vor einer Aufnahme ins Gesetz müssten Finanzierungsfragen geklärt werden“, sagte Jutta Kaddatz aus Tempelhof-Schöneberg.

Das Einschulungsalter wird um drei Monate heraufgesetzt

Zudem sei nicht in allen Gartenarbeits- und Jugendverkehrsschulen ausschließlich qualifiziertes Personal tätig. „Die SPD sollte lieber die Finanzierung für besondere außerschulische Lernorte im Haushalt einstellen, damit wäre mehr geholfen“, sagte Katrin Schultze-Berndt aus Reinickendorf. Das Schulgesetz muss ohnehin in Kürze geändert werden. Wie berichtet, hatte die Koalition die Erhöhung des Einschulungsalters um drei Monate beschlossen (siehe Info-Text unten). Saleh hofft nun, in diesem Zusammenhang sein Ansinnen im Landesparlament miterörtern zu können.

Aber auch die CDU möchte eine Änderung durchsetzen. Sie fordert im Schulterschluss mit der Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren, die gymnasiale Oberstufe auf drei Jahre auszudehnen. Das müsse auch in einem zwölfjährigen Bildungsgang bis zum Abitur gewahrt bleiben. Dazu sei die Einführungsphase in die Oberstufe auch an den Berliner Gymnasien in der Jahrgangsstufe zehn auszugestalten.

Bildungssenatorin Scheeres lehnt Forderung der Union ab

Eine Veränderung bei der gymnasialen Oberstufe sei zwar in einem Referentenentwurf der Bildungsverwaltung zur Novellierung des Schulgesetzes enthalten gewesen, später aber von Senatorin Scheeres gestrichen worden, kritisierte Hildegard Bentele, CDU-Schulexpertin.

Das Parlament sei der Gesetzgeber, Änderungen am Entwurf des Senats müssten dort entschieden werden, sagte Scheeres dazu. „Wichtig ist allerdings, dass der Zeitplan eingehalten wird, sonst schaffen wir zeitlich die geplante Änderung des Einschulungsalters nicht.“

Die Forderung der CDU lehnt die Senatorin indes ab. Bei einem Anhörungsverfahren habe sich gezeigt, dass die entsprechende Gesetzesänderung weitere Änderungen nach sich ziehen würde, die genauer geprüft werden müssten. Um das aktuell laufende Gesetzgebungsverfahren zeitlich nicht zu gefährden, sei entschieden, worden, die gesetzliche Reform zur gymnasialen Oberstufe zu verschieben. „Perspektivisch“ werde es sie aber geben.