Berliner Geheimnisse

8. Berliner Geheimnis: Ein Loch aus dem Krieg in der Brücke

Es gibt sie noch immer, einige Spuren der Schlacht um Berlin. Eine davon ist ein Loch im Brückenträger an der Leibnizstraße.

Für Wolfgang Stollorcz ist das Loch im Brückenpfeiler eine wichtige Mahnung gegen den Krieg. Er erinnert sich noch an das zerstörte Berlin

Für Wolfgang Stollorcz ist das Loch im Brückenpfeiler eine wichtige Mahnung gegen den Krieg. Er erinnert sich noch an das zerstörte Berlin

Foto: Eva-Maria Bast

Menschen schlendern vorüber, Autos brausen vorbei, Radler fahren unter der Brücke durch. Keiner bemerkt das etwa tassengroße Loch in den Brückenträgern an der Charlottenburger Leibnizstraße. Doch – einer stoppt. Das ist Wolfgang Stollorcz. Man schreibt das Jahr 2001, und der Berliner ist mit dem Rad auf dem Weg zu einem Freund. Ihm ist gleich klar, dass es sich um ein Überbleibsel aus der Schlacht um Berlin handeln muss. Zumal irgendjemand mit dem Pinsel neben das Loch geschrieben hat: „Vergesst es nie“. Im Zuge der Sanierung sei der Schriftzug später leider verschwunden, bedauert Wolfgang Stollorcz. Aber das Loch ist geblieben und ein so eindrucksvolles wie beängstigendes Relikt aus der Schlacht um Berlin.

„Ich wurde 21 Jahre nach dem Krieg geboren, und da sahen manche Häuser noch aus wie ein Schweizer Käse“, erzählt er. Das ist längst vorbei. „Es ist natürlich gut, dass die Stadt wieder saniert wurde. Aber ich hoffe doch, dass dieses Loch niemals verschwindet. Es ist ja doch ein Mahnmal, auch wenn es kaum jemand bemerkt“, sagt Wolfgang Stollorcz.

Vor allem könne man an dem Loch wunderbar erkennen, dass so eine Stahlbrücke den Geschossen nicht im Geringsten Widerstand bieten konnte. „Das ging hier durch wie Butter“, kommentiert Stollorcz. Der Durchschuss ist ganz glatt, und am Pfeiler dahinter fehlt ein kleines Stückchen, das hat das Geschoss auch erwischt. Auch in der Brückenwand kann man die Einschüsse sehen – hier sind sogar noch mehr Löcher zu erkennen, die augenscheinlich auch von anderen Geschossen stammen.

Die Schlacht um Berlin ist vielen in Erinnerung

Die allermeisten Berliner werden wohl wissen, was in der Schlacht um Berlin geschehen ist, oder zumindest schon mal davon gehört haben. Der Vollständigkeit halber seien die Ereignisse trotzdem in aller Kürze wiedergegeben: Die Schlacht um Berlin ereignet sich am Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen dem 16. April und dem 2. Mai 1945. Nazideutschland liegt am Boden, kaum jemand glaubt noch an die von Hitler ausgegebenen Durchhalteparolen – und schon gar nicht an den Endsieg! Mit was und mit wem hätte man den auch gewinnen sollen?

Die Rote Armee der Sowjetunion und die Truppen der Westalliierten rücken an der Ost- und an der Westfront immer weiter vor, gewinnen eine Schlacht nach der anderen, und auf deutscher Seite mangelt es quasi an allem. An Waffen. An Panzern. An Nahrung. Und auch an „Menschenmaterial“, wie man Soldaten gerne nannte. 16-jährige Jungen und 60-jährige Männer werden als „Volkssturm“ an die Front geschickt oder sollen ihre Heimatorte als „Festung“ verteidigen. Doch es nützt alles nichts, am 25. April treffen sich erstmals sowjetische und US-Einheiten in Torgau an der Elbe.

Zuvor hat jedoch der US-Oberbefehlshaber General Eisenhower am 31. März entschieden, die Eroberung Berlins der Roten Armee zu überlassen. Am 16. April rückt diese mit einem Zangenangriff auf die Hauptstadt vor, am 24. April ist Berlin von der Roten Armee eingeschlossen. Am 1. Mai besetzen sowjetische Truppen die Neue Reichskanzlei, Adolf Hitler und seine Lebensgefährtin Eva Braun, die er kurz zuvor noch geheiratet hat, haben am Vortag im Bunker Selbstmord begangen. Berlin ist besetzt, mit der Kapitulation der Wehrmachtstruppen am 2. Mai enden die Kämpfe: Geschätzt 170.000 Soldaten haben in der Schlacht um Berlin ihr Leben gelassen, 500.000 wurden verwundet.

Zehntausenden Zivilisten müssen ihr Leben lassen

Die Schlacht um Berlin wird später als besonders sinnlos bezeichnet, eben weil der Krieg ohnehin schon verloren ist: Auch Zehntausende Zivilisten müssen ihr Leben lassen. Wer sich noch in der Hauptstadt befindet – rund zwei Millionen zermürbte Berliner –, sucht in Bunkern und in Kellern Schutz, getrieben von nur einem Wunsch: überleben.

An die Angst, sagt eine Zeitzeugin, an die konnte man sich niemals gewöhnen. Die Angst flog mit den Geschossen durch die gebeutelte Stadt. Unzählige pfiffen durch Berlin. Eines durchbrach den Brückenpfeiler. Wie Butter.


So geht’s zum Durchschuss: Das Loch befindet sich in den Pfeilern unter der Brücke Leibnizstraße, von der Kantstraße kommend auf der rechten Seite.

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