Interview

Eltern lieferten Silvio S. der Polizei - „Ungeheuer mutig“

Die eigenen Eltern haben Sexualmörder Silvio S. der Polizei gemeldet. Psychiaterin Isabella Heuser erklärt deren Rolle.

 Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité

Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité

Foto: Charite / dpa

Ein Täterhinweis von der eigenen Mutter – wie im Fall des vierjährigen Mohamed – ist aus Sicht von Experten etwas Besonderes. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagte die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, Isabella Heuser, am Freitag in Berlin. Die Berliner Polizei hatte den 32-jährigen Mann mit Fahndungsfotos gesucht.

Silvio S., der am Donnerstag festgenommen worden war, lebte bei seiner Mutter und deren Lebensgefährten in Brandenburg. Er soll den Vierjährigen und auch den verschwundenen Potsdamer Jungen Elias getötet haben. Der entscheidende Hinweis auf den mutmaßlichen Täter nach der Veröffentlichung der Fahndungsfotos kam von der Mutter des Mannes. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erklärt Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, vor welchen Problemen Eltern von Straftätern stehen können.

Im Fall des entführten vierjährigen Mohamed gab die Mutter des Täters den entscheidenden Hinweis. Wie schwierig ist es für Eltern, das eigene Kind der Polizei auszuliefern?

Isabella Heuser: Das ist nicht selbstverständlich – auch wenn es das nach unserem Rechtsempfinden sein sollte. Was sie getan hat, war ungeheuer mutig und ethisch richtig. Wir wissen allerdings nicht, was die Mutter veranlasst hat, ihren Sohn der Polizei preiszugeben.

Inwiefern geben sich Eltern von Straftätern möglicherweise auch eine Mitschuld an dessen Taten?

Die allererste Frage, die sich Eltern in so einem Fall stellen, ist: „Was habe ich falsch gemacht?“ Die Eltern zermartern sich in der Regel, wenn so etwas passiert. Es gibt immer noch die Vorstellung, dass alles, was aus dem Kind wird, formbar ist von Eltern und Gesellschaft. Das stimmt so aber nicht. Erst mal ist jeder für sein eigenes Verhalten verantwortlich, auch ein Täter, dem möglicherweise beim Heranwachsen emotional und/oder körperlich Schlimmes zugefügt wurde.

Wie lange ringen Eltern Ihrer Erfahrung nach generell mit sich, bis sie ihr Kind bei der Polizei melden?

Ob und wann Eltern ihre Kinder an die Polizei ausliefern, ist persönlichkeitsabhängig und auch kulturell geprägt.

Im aktuellen Fall hat die Mutter ihren Sohn ja zunächst einmal selbst auf die Tat angesprochen.

Mit Sicherheit hat die Mutter nicht das Fahndungsfoto gesehen und sofort zum Hörer gegriffen. Sie hat ja erst mal ihren Sohn damit konfrontiert. Das kann auch schiefgehen und damit enden, dass die Eltern selbst angegriffen werden. Es gibt auch Eltern, die heimlich zur Polizei gehen – aus Angst vor den eigenen Kindern.

Isabella Heuser ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Charité in Berlin. Ihre Schwerpunkte sind neben der psychischen Betreuung von Opfern auch Täterprofile und die psychischen Folgen von Misshandlungen.