Berliner Geheimnisse

5. Geheimnis: Die Spur der roten Farbe

Berliner Details, die schnell übersehen werden: In der Zionskirche in Mitte finden sich die letzten Spuren des DDR-Widerstandes.

Marita Filipowsky weist auuf doe roten Farbspuren auf der Empore der der Zionskirche

Marita Filipowsky weist auuf doe roten Farbspuren auf der Empore der der Zionskirche

Foto: Eva-Maria Bast

Es ist einfach überwältigend. Wer die Zionskirche betritt, wird sofort von ihrem Zauber gefangen genommen. Der Geist derer, die hier wirkten, scheint noch aus jeder Ritze dieses Gemäuers zu atmen: der von Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), dem großen Vertreter der Bekennenden Kirche, der hier 13 Jahre, bevor er von den Nazis ermordet wurde, arbeitete. Der von der Roten Kapelle. Und der von den Mitgliedern der Umweltbibliothek.

Letztere haben ein ganz besonderes Erinnerungsstück in der Kirche hinterlassen, wenn auch sicher ungewollt: Auf dem Holzfußboden der Empore finden sich rote Farbkleckse. Wenn man ganz genau hinsieht, kann man – in roter Farbe – sogar das Wort „Freiheit“ erkennen. Denn streng genommen sind es gar keine Farbkleckse, sondern Farbe, die sich durchdrückte, als die Mitglieder der Umweltbibliothek hier ihre Transparente malten.

„Das war während des Widerstands, vor dem Mauerfall“, erzählt Marita Filipowsky, die vor einem Jahrzehnt nach Berlin gezogen ist und ihre neue Heimat gleich zu erkunden begann, indem sie in Hinterhöfe ging, jeden Winkel erforschte, neugierig war. So hat sie auch die roten Farbüberreste entdeckt.

Im Keller des Gemeindehauses der Zionskirchengemeinde

Die Mitglieder der am 2. September 1986 gegründeten Umweltbibliothek nutzten in den Jahren 1986 bis 1990 Räumlichkeiten im Keller des Gemeindehauses der Zionskirchengemeinde, die ihnen der Pfarrer zur Verfügung gestellt hatte. Das war die einzige Möglichkeit für sie, denn nur die Kirchen konnten in der DDR Oppositionellen Räumlichkeiten überlassen.

Die Umweltgruppe sammelte Bücher und Zeitschriften, die sich mit den Themen Umwelt und Menschenrecht befassten, aber in der DDR meist verboten waren. Außerdem trafen sich hier Oppositionelle, es gab Diskussionsrunden, Vorträge, Konzerte und Filmveranstaltungen. Die Umweltbibliothek gab die „Umweltblätter“ und ab Herbst 1989 die Nachfolgezeitschrift „telegraph“ heraus.

Die Blätter widmeten sich Themen, die in den staatlich gesteuerten Medien keinen Niederschlag fanden: Umweltschutz, Bürgerrechte, Menschenrechte, Friedensbewegung. Wer Mitglied der Umweltbibliothek war, setzte sich für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit ein, kämpfte gegen Ausbeutung und Unterdrückung.

Aktivisten gegen die Nutzung der Atomkraft

Besonders, daher der Name, machten sich die Aktivisten auch für den Umweltschutz stark und waren gegen die Nutzung der Atomkraft. „Ihr Hauptanliegen bestand darin, Öffentlichkeit herzustellen, ‚verbotene‘ oder in der DDR nicht zugängliche Literatur zur Verfügung zu stellen, Untergrundpublikationen zu drucken und zu verbreiten, Veranstaltungen zu Themen durchzuführen, die in der offiziellen Öffentlichkeit tabuisiert waren, sowie eine Art Vernetzungsfunktion für die Opposition in der DDR wahrzunehmen“, heißt es auf der Homepage des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik.

„Die Stasi bespitzelte sie zwar, aber es blieb lange ruhig“, sagt Marita Filipowsky. Bis zum 25. November 1987. Da veranlasste das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) die „Aktion Falle“, eine groß angelegte Razzia. Der Grund: Das MfS hatte die Information erhalten, dass in jener Nacht das illegale Blatt „Grenzfall“ gedruckt werden sollte.

Als die Mitglieder des MfS in die Räume der Kirchengemeinde eindrangen, fanden sie die Mitarbeiter der Umweltbibliothek auch tatsächlich beim Druck vor, aber sie vervielfältigten keineswegs den „Grenzfall“, sondern die „Umweltblätter“, und die waren halbwegs geduldet. Dennoch kam es zu Verhaftungen.

Diese Ereignisse machten die Umweltbibliothek mit einem Schlag bekannt – auch im Westen. Und die Menschen in der DDR standen auf und bekundeten ihre Solidarität mit den Inhaftierten, die bald darauf wieder freigelassen wurden. Die Bewegung bekam nun unglaublichen Zulauf, 1989, im Jahr des Mauerfalls, waren es zahlreiche Aktivisten der Umweltbibliothek, die auf die Straße gingen, ihren Protest kundtaten, Mahnwachen hielten.

Unter den Dielen lagen die Pinsel

Wann genau die Mitglieder der Umweltbibliothek auf die Empore der Kirche auswichen, um dort ihre Transparente zu malen, kann Marita Filipowsky nicht mit Bestimmtheit sagen. „Irgendwann wurde es wahrscheinlich zu gefährlich, Farben und Transparente im Gemeindehaus zu lagern beziehungsweise sie dort herzustellen“, sagt sie. „Deswegen ist man in die Kirche ausgewichen.“

Aber hätte da nicht auch die Stasi kommen können? Hätte sie, aber es gibt noch ein Geheimnis: „Ein loses Brett in den Dielen“, erklärt die Wahl-Berlinerin: „Dort wurden Farben und Pinsel aufbewahrt.“ Und es gab einen großen Teppich, der den Boden der Empore normalerweise bedeckte. „Man hätte den Teppich im Notfall schnell ausrollen und die Plakate und Transparente damit bedecken können.“

Heute liegt kein Teppich mehr auf der Empore. Zum Glück, denn so kann man sie noch erkennen, die schwachen roten, an manchen Stellen auch schwarzen Farbabdrücke von den Transparenten, die die Aktivisten damals im Wunsch nach dem einen gemalt hatten: Freiheit!

Und so kommen Sie zu den roten Spuren: Die Farbenreste sind auf der Empore der Zionskirche zu finden. Die Kirche steht in der Zionskirchstrasse in Mitte.

Das Buch kostet 14,90 Euro. Sie können es auch am Empfang der Berliner Morgenpost, Kurfürstendamm 22, 10719 Berlin, erwerben.

Ebenso ist der Band über die Homepage der Autorin bestellbar oder über die Telefonnummer 07551/63320.

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