Reinickendorf

Wenn ein Berliner Wohngebiet langsam absteigt

Der Kiez zwischen Scharnweberstraße und Auguste-Viktoria-Allee in Reinickendorf soll durch ein Quartiersmanagement aufgewertet werden.

Sie wollen bald wieder weg aus Reinickendorf: Isabel und Timo Diesing mit ihrem Sohn Mika

Sie wollen bald wieder weg aus Reinickendorf: Isabel und Timo Diesing mit ihrem Sohn Mika

Foto: Massimo Rodari

Timo Diesing und seine kleine Familie wohnen noch nicht lange in dem Reinickendorfer Kiez zwischen Scharnweberstraße und Auguste-Viktoria-Allee. Die jungen Eltern schieben den Kinderwagen entlang der breiten Straße, die auf die Autobahn führt. Ihr Wohngebiet soll künftig durch ein Quartiersmanagement (QM) aufgewertet werden, doch darauf will die junge Familie nicht warten. „Wir sind hier bald wieder weg“, sagt Timo Diesing.

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Vor einem Jahr seien sie aus der Region Bremerhaven mit dem inzwischen zweijährigen Sohn Mika hierhergezogen. „Die Autobahn ist so laut, dass man nicht einmal das Fenster öffnen kann, und der einzige Spielplatz in der Gegend ist von Dealern besetzt“, sagt der Vater. Auch sonst gebe es kaum Angebote für Kinder. Dabei hatten sie sich zuerst gefreut, in Reinickendorf so schnell eine vergleichsweise kostengünstige Wohnung gefunden zu haben. Für 70 Quadratmeter zahlt die kleine Familie 600 Euro warm. Doch mehr könne man hier auch nicht verlangen, sagt das Paar.

Günstige Mieten, leerstehende Geschäfte

Das größte Problem für Timo Diesing ist, dass er in Berlin kaum eine Chance hat, eine gut bezahlte Arbeit zu finden. Als gelernter Dachdecker habe er in Bremen 14 Euro pro Stunde verdient, hier laufe vieles über Zeitarbeitsfirmen und die würden oft lediglich den Mindestlohn von 8,50 Euro zahlen. In der Hauptstadt sehe er deshalb keine Zukunft für seine Familie. Die schönen Wohnviertel seien angesichts dieser Niedriglöhne unbezahlbar.

Der Kiez, der jetzt zum QM-Gebiet wird, ist eigentlich eine gepflegte Wohngegend mit Altbauten und Wohnsiedlungen aus der Nachkriegszeit mit großen grünen Höfen. Einige Häuser sind bereits saniert, andere warten noch auf neuen Putz. Die Seitenstraßen sind häufig angenehm still, nur auf dem Eichborndamm donnern Lastwagen und Autos auf zwei Spuren Richtung Märkisches Viertel.

Die Straße war einmal eine belebte Einkaufsstraße. Doch jetzt stehen viele Geschäfte leer. Stephan Köpke verkauft seit 20 Jahren Schreibwaren am Eichborndamm. „Vor sechs Jahren ist der Laden in derselben Straße umgezogen. Die ehemaligen Ladenräume ein paar Meter weiter oben sind bis heute nicht neu vermietet“, sagt Köpke.

Auch die Bewohnerstruktur hat sich geändert

Viele Geschäfte hätten dicht gemacht. Der Optiker zum Beispiel und der Plus-Lebensmittelmarkt. Auch die Bewohnerstruktur im Kiez hätte sich geändert. Die Menschen seien sichtlich ärmer. In den vergangenen Jahren seien vor allem Migranten hierher gezogen. Doch diejenigen, die hier schon lange wohnen, würden dem Viertel treu bleiben. „Viele von denen, die heute selber Kinder haben, habe ich hier aufwachsen sehen“, sagt der Schreibwarenhändler.

Einer der Alteingesessenen ist Horst Schmidt. Der Rentner wohnt seit 25 Jahren in einer kleinen Eigentumswohnung in einem 50er-Jahre-Bau. Sorgfältig sammelt er das Laub von der von ihm bepflanzten Baumscheibe unter einer Birke. Manchmal ärgert er sich, dass die Blumen achtlos herausgerissen werden, doch davon lässt sich der Senior nicht entmutigen. Horst Schmidt gibt seinen Kiez nicht auf.

Das Viertel habe sich sehr geändert in den letzten zehn Jahren, sagt jedoch auch er. Früher sei das eine sichere Wohngegend gewesen. Die Bewohner hätten oft auf dem Hof zusammengesessen und gegrillt oder Feste gefeiert. Jetzt mache jeder hinter sich die Tür zu, und sicher fühle er sich auf der Straße auch nicht mehr. Das kroatische Restaurant, in das er bisher so gern zum Essen gegangen ist, sei erst kürzlich am helllichten Tag überfallen worden. „Das wäre hier früher unvorstellbar gewesen“, sagt Schmidt.

Max-Beckmann-Oberschule ist begehrt

Nur ein paar Schritte von Schmidts Wohnung entfernt steht die Max-Beckmann-Oberschule an der Auguste-Viktoria-Allee. Ein heller freundlicher Bau mit großen Fenstern. Die Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe ist begehrt. Jedes Jahr gibt es hier für die siebenten Klassen doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze. Gleich neben der Schule gibt es eine große Stadtbücherei. Ein kleiner Coffeeshop an der Ecke gegenüber hatte darauf gesetzt, dass die Oberschüler hier in den Pausen vorbeikommen, einen Kaffee trinken und eine Brezel essen. Die Preise waren moderat. Dennoch blieb die erwartete Kundschaft aus. Jetzt ist der Laden geschlossen. Gut laufen in dieser Gegend offensichtlich vor allem Dönerimbisse, Spätverkaufsläden und Läden für Telefon- zubehör.

Inmitten dieser Nachbarschaft mutet das Tattoostudio 4-Life geradezu exotisch an. Die Kundschaft komme aus ganz Berlin, vor allem wegen der kunstvollen Motive, sagt der Tätowierer. Deshalb sei er weniger abhängig von der Entwicklung im Kiez. Die Mieten seien günstig, weil die Häuser in der Einflugschneise des Flughafens Tegel liegen. Doch das werde sich schnell ändern, wenn der Flughafen erst geschlossen ist, vermutet er. Viele Bewohner würden schon jetzt diesen Tag fürchten. Man erzählt sich im Kiez, dass schon 2012 – kurz vor der geplanten Eröffnungsfeier des BER – die ersten Mieterhöhungen verschickt worden waren, die dann allerdings wieder zurückgenommen werden mussten. Vorerst.