Nazi-Symbole

Der Streit ums Kino Babylon in Berlin-Mitte nimmt kein Ende

Der Konflikt um das Kino in Mitte eskaliert, der Betreiber beschmierte sein Haus mit Nazi-Symbolen. Ein Besuch bei Timothy Grossman.

Foto: David Heerde

Der Stoff hat das Zeug zum Film: Es gibt die Guten und die Bösen, Intrigen, Boykottaufrufe, Nazischmierereien und einen unbefristeten Streik. Die Auseinandersetzung zwischen Mitarbeitern und der Geschäftsleitung des Kinos Babylon in Mitte erreichte vorvergangene Woche eine neue Eskalationsstufe, als Babylon-Chef Timothy Grossman mit Warnweste bekleidet zur Spraydose griff und Davidsterne auf die Scheiben im Eingangsbereich des Lichtspielhauses sprühte. Außerdem brachte er ein Transparent an mit einer an die Nazizeit erinnernden Aufschrift: "Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht im Babylon!"

Barbara Löblein, Assistentin des Geschäftsführers und Pressesprecherin in Personalunion, bezeichnete die Maßnahme als "Kunstaktion", mit der sich der jüdische Babylon-Betreiber Grossman gegen eine Diffamierungskampagne von Mitarbeitern zur Wehr setze. Grossman sprach von einem "Hilferuf". Die Bilder verbreiteten sich schnell über soziale Netzwerke und Medien, Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) nannte die Aktion "hochgradig geschmacklos" und "illegitim".

Die Mitarbeiter kämpfen um höhere Löhne

Worum gehts eigentlich im Lichtspielhaus am Rosa-Luxemburg-Platz? Nachmittags um 16.30 Uhr ist von den Streikenden vor dem Kino noch nichts zu sehen. Timothy Grossman isst noch schnell etwas im benachbarten Lokal, bevor wir gemeinsam mit seiner Assistentin zum Gespräch in einen großen Raum im ersten Obergeschoss des Kinos gehen.

Barbara Löblein hat Material vorbereitet: "Sachliche Informationen zum Verdi-Tarifstreit". Und auf sieben Seiten Statements von Unterstützern des Babylon. Vorab hätte sie gern die Interviewfragen gehabt. Die Nerven liegen offenbar blank. Es geht auch um die Deutungshoheit in dieser Auseinandersetzung zwischen der Geschäftsleitung und den Mitarbeitern, die für höhere Stundenlöhne kämpfen.

Wenig schmeichelhafte Urteile über die streikenden Mitarbeiter

Grossman spricht von einem "Kulturkampf", einer "Kampagne" gegen ihn, davon, dass die Streikenden das Filmkunsthaus kaputt machen wollen. Für die sei er der "schlimmste Ausbeuter, den es in Berlin gibt". Er äußert sich wenig schmeichelhaft über die streikenden Mitarbeiter, attestiert ihnen auch ein fehlendes Faible für Kunst. Die beiden am Ausstand beteiligten Filmvorführer würden besser in ein Multiplexkino passen, aber da gebe es ja in Zeiten der Digitalisierung kaum noch Filmvorführer. Und überhaupt würden lediglich vier von 15 Mitarbeitern streiken – und einer, der "aufgrund eines arbeitsrechtlichen Verfahrens beurlaubt ist".

Grossman sagt, dass "der Laden läuft", trotz des Ausstandes. Er räumt aber ein, dass die Streikwachen vor dem Haus Cineasten vom Besuch des Babylon abhalten könnten. Und Kooperationspartner seien verunsichert und würden die Zusammenarbeit infrage stellen. Erst vor ein paar Tagen hatte Autor und Sänger Thees Uhlmann seinen Auftritt im Babylon abgesagt und an einen anderen Ort verlegt. Für Grossman steht fest, dass die Streikenden den Veranstalter von einem Engagement im Babylon abgehalten haben.

Die "Kunstaktion" ist eine Steilvorlage für Grossmans Gegner

"Wenn das noch lange so weitergeht, ist das Haus am Ende", sagt Grossman. Vor dem Kino wird derweil das Verdi-Transparent ("Dieser Betrieb wird bestreikt") aufgestellt und Handzettel verteilt. Dargelegt werden die Gründe für den Arbeitskampf. Babylon-Besucher werden aufgefordert, "von einem Kinobesuch Abstand zu nehmen und damit die berechtigten Forderungen der Beschäftigten nicht zu unterlaufen und so zum Erfolg des Arbeitskampfes beizutragen". Wer schon eine Karte habe, könne die Streikenden unterstützen, indem er im Kino kein Popcorn und keine Getränke kaufe.

Auf dem Bürgersteig liegt ein Plakat, eine Reaktion auf Grossmans "Kunstaktion". Die haben die Streikenden als Steilvorlage genutzt: "Abgesehen von der Obszönität, sich als Opfer eines menschenverachtenden Konzepts, des Antisemitismus, selbst zu konstruieren, ist diese Aktion auch ein Schlag ins Gesicht all derer, die nach 1933 Opfer des Nationalsozialismus wurde", steht auf dem Plakat.

Ein Filmvorführer ist beurlaubt – er soll der "Rädelsführer" sein

Eine Woche lang waren die Davidsterne an den Scheiben des Lichtspielhauses zu sehen, dann entfernte Grossman sie. Eine Kunstaktion müsse "temporär sein", sagt seine Assistentin. Auch das in Frakturschrift beschriebene Plakat hängt nur noch als verkleinerte Fotokopie an einer der Eingangstüren. Grossman nutzt die Homepage des Kinos für seine Sicht. Dort ist auch ein ausführlicher "offener Brief an den langjährigen, geringfügig beschäftigten Filmvorführer des Babylon" zu lesen, der mit "Lieber A. H.!" beginnt. Dahinter verbirgt sich der beurlaubte Filmvorführer Andreas Heinze. Ihn sieht Grossman als eine Art Rädelsführer.

Der Brief ist auch so etwas wie die Chronik des Konflikts, der 2008 öffentlich wurde. Es geht ums Betriebsklima, um Arbeitsbedingungen, Kündigungen und Klagen. Um antisemitische Verunstaltungen eines Plakats, das einen jüdischen Künstler zeigte. Um Arbeitsverweigerung und Gewaltausbrüche. Könnte ein Mediator den Konflikt entschärfen? Grossman findet die Idee gut, vorausgesetzt, das Babylon müsse den nicht bezahlen. Die Senatskulturverwaltung, die das Lichtspielhaus als kommunales Kino mit rund 360.000 Euro im Jahr bezuschusst, winkt ab. Das Babylon sei ein privat geführtes Unternehmen.

Verdi beklagt das Fehlen eines verhandlungsfähigen Gehaltsangebots

Aus Sicht der Gewerkschaft ist Timothy Grossman am Zug. "Der unbefristete Arbeitskampf der Beschäftigten ist notwendig, weil die Geschäftsleitung sich weigert, in Tarifverhandlungen ein verhandlungsfähiges Angebot vorzulegen", sagt Verdi-Verhandlungsführer Andreas Köhn. Die Gewerkschaft setze sich dafür ein, dass im Babylon der maßgebende Tarifvertrag angewendet wird, denn es könne nicht sein, dass Steuern in ein Privatkino fließen, das Dumpinglöhne zahle.

8,50 Euro für "ungelernte Servicekräfte" hält Grossman nicht für einen Dumpinglohn, sondern für angemessen. Die Senatskulturverwaltung hatte 2014 den Zuschuss fürs Babylon leicht erhöht, damit – wie in anderen subventionierten Kultureinrichtungen – zumindest der Mindestlohn gezahlt werden kann. Mehr könne er nicht zahlen, sagt Grossman am Ende des Gesprächs. Um das Gesagte zu demonstrieren, springt der Babylon-Chef auf, greift sich in die Tasche – und holt nichts heraus.

Sieht nicht danach aus, dass der Streik bald vorbei ist.

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