Mobilität

Orientierungshilfen für Blinde sorgen für Konfusion

Der ÖPNV stellt Blinde vor große Hürden. Sicherheitstrainings wie das der BVG können helfen, lösen aber nicht alle Probleme.

Peng! Scheppernd knallt der Langstock gegen etwas Metallisches. Erstaunlich, wie heftig der Schreck durch die Glieder fährt, dabei waren doch bereits alle Sinne geschärft. „Ja, da sind jetzt die Schließfächer“, sagt Sonja Binder. Keine Panik, signalisiert ihr betont ruhiger Ton. Hier kann gar nichts passieren.

Ihre Ruhe tut gut. Selbst in dieser komfortablen Lage, wo die Orientierung mit dem weißen Stock nur der Selbsterfahrung dient. Ein Griff zur schwarzen Augenbinde, und die Bahnhofshalle nähme Gestalt an. Aus Dunkelheit, Geräuschwirrwarr, Verunsicherung würde wieder vertrauter Raum. Noch aber ist der Selbstversuch nicht zu Ende, für den Rehabilitationslehrerin Sonja Binder den S-Bahnhof Südkreuz gewählt hat.

Einmal ins Gleisbett steigen

Einmal spüren, wie das ist, nichts zu sehen, sich aber im öffentlichen Raum – sogar im Verkehr – orientieren zu müssen: Wessen Sehvermögen stark eingeschränkt ist, für den sind solche Erfahrungen lebensnotwendig. Alle zwei Jahre veranstalten deshalb die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) ein Sicherheitstraining. Auch an diesem 15. Oktober, seit 50 Jahren der „Internationale Tag des weißen Stockes“, können Betroffene vormittags im Bahnhof Alexanderplatz Schwellenängste gegenüber der U-Bahn abbauen.

Die BVG stellt das nicht genutzte Gleis auf dem Ankunfts-Bahnsteig der U 5 zur Verfügung. Interessierte können den Notruf ausprobieren, können das Einsteigen und Zurechtfinden in der Bahn üben, sogar ein Hinabsteigen aufs Gleis ist möglich.

Training an geschützten Orten

Geschätzt etwa 25.000 Berliner sind sehbehindert, bis zu 6000 von ihnen vollblind. „Viele wissen gar nicht, wie tief ein Gleisbett eigentlich ist“, sagt die Behindertenbeauftragte der BVG, Christine Albrecht. 40 bis 50 Interessierte nutzten jedes Mal das Sicherheitstraining. „Eine von ihnen“, sagt Albrecht, „hat danach gemeint, ihre wichtigste Erkenntnis sei, dass sie eben auf keinen Fall ins Gleisbett fallen dürfe, weil sie sich nie wieder hochziehen könnte. Und das ist auch ein Ergebnis, schließlich passieren viele Unfälle, wenn man leichtsinnig wird.“

Bei der ersten Begegnung mit dem Langstock scheint Leichtsinn undenkbar, so präsent ist die eigene Hilflosigkeit. Große Stationen wie der Bahnhof Alexanderplatz, hatte Sonja Binder gesagt, seien anfangs zu schwierig. Normalerweise beginnt die staatlich geprüfte Fachkraft der Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation ihr Training an geschützten Orten wie Rathäusern.

DIN-Norm gibt nur Empfehlungen

„Orientieren Sie sich mal, aus welcher Richtung Sie die Rolltreppe hören“, sagt Binder jetzt vor den Schließfächern. Nach einer Wendung geht es zurück, und da ist er endlich, der geriffelte Leitstreifen im Boden, den der Langstock durch hüpfendes Hinüberrollen anzeigt. Ihn nicht zu verlieren, erfordert volle Konzentration. Ewig scheint die Strecke, bis ein Aufmerksamkeitsfeld – eine quadratische Metallbodenplatte mit Noppen – zum Richtungswechsel auffordert. „Immer im rechten Winkel, laut DIN-Norm“, sagt Sonja Binder.

Mit der Norm ist das aber so eine Sache. Weil nur empfohlen, nicht vorgeschrieben wird, ist die Vielfalt an Orientierungshilfen immens. Am unübersichtlichsten sei das, was Sicherheit durch Gewöhnung geben soll, am Potsdamer Platz, sagt Binder: „Leitstreifen mit schmalen und mit breiteren Rillen, Aufmerksamkeitsfelder aus Metall oder Noppenpflaster, manche haben Rillen statt Noppen.“ Zwar werden Behindertenvertreter bei öffentlichen Bauvorhaben gehört. Die „AG Bauen und Verkehr barrierefrei“ bei der Senatsverwaltung diskutiert Mängel und Möglichkeiten der Infrastruktur. Nicht immer aber finden Organisationen wie der ABSV Gehör, mancher Rat wird schon aus ästhetischen Gründen verworfen.

Auch am Südkreuz. Als nach wieder einer Ewigkeit die Ausgangstür erreicht und vorsichtig tastend passiert ist, ist draußen wegen des rauen Pflasters der Leitstreifen kaum zu finden. Auf seitlich begleitende glatte Steine, die ein Erkennen erleichtern und durch dunkle Farbe im Kontrast zum hellen Leitstreifen Menschen mit Restsehvermögen einen Anhaltspunkt geben, wurde – anders als laut DIN-Norm vorgesehen – verzichtet. Ein eigenes Leitsystem weist auch der Hauptbahnhof auf, an anderen Stationen können Abdeckungen von Versorgungsschächten mit Aufmerksamkeitsfeldern verwechselt werden, wegen ihrer metallenen Oberflächenstruktur.

Sprechende Straßenbahnen sagen die Linie an

Mit seinen Unzulänglichkeiten steht Berlin nicht allein da. Und es gab für Binder, als die Würzburgerin vor eineinhalb Jahren hierher zum ABSV kam, auch positive Entdeckungen. So zeigt das geriffelte Pflaster vor Straßenübergängen die Gehrichtung an. Dafür sind die 1375 Blindenampeln, die an 66 Prozent aller Fußgängerampeln die Grünphase begleiten, nicht selten beschädigt. Der ABSV fordert solche taktilen und akustischen Hilfen ohnehin an allen Ampeln, ebenso wie das Warnsystem AVAS für sonst geräuschlose Elektrofahrzeuge. Seit Langem wird außerdem mit der BVG über Außenansagen an Straßenbahnen und Bussen diskutiert, damit Blinde wissen, welche Linie vorfährt. Eine sprechende Haltestelle sei getestet worden, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz, gelte aber wegen der Lärmbelastung als problematisch. Präferiert wird bei der BVG eine Software auf den Fahrzeugen, die blinden Fahrgästen die nötigen Infos aufs Handy schickt, wenn diese ihr Mobilgerät ans Fahrzeug halten. Investitionen im einstelligen Millionenbereich wären nötig. Weil die meisten Sehbehinderten Senioren sind, gibt es auch gegen diese technische Lösung allerdings noch Vorbehalte.