Polizei

Amoklauf im Keller

Dreimal im Jahr trainieren Beamte das Vorgehen gegen bewaffnete Straftäter. Simuliert wird auch ein Amoklauf und die Verkehrskontrolle

Foto: Reto Klar

Spinnweben hängen an den Wänden. Heizungsrohre verlaufen unter den Decken. Lange, spärlich beleuchtete Gänge, von denen viele Räume abgehen. Überall stehen leere Stapel von Bananenkisten. Plötzlich fallen Schüsse. Ein maskierter Mann flüchtet durch die Gänge, drei Polizeibeamte machen sich auf die Suche nach dem Amokschützen. Sichern sich gegenseitig mit gezogenen Waffen ab, halten Körperkontakt zueinander. Das Szenario war eine Polizeiübung für Amok-Einsätze am Montagvormittag in der Direktion 3 an der Kruppstraße in Moabit.

Seit den Amokläufen von Erfurt und Winnenden müssen Berliner Polizeibeamte ihre Reaktionen auf Amokläufe regelmäßig trainieren. „Um bei Amokläufen keine wertvolle Zeit zu verlieren, müssen Streifenpolizisten bereits vor dem Eintreffen eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) eingreifen können“, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich. „Aus diesem Grund wird seit einigen Jahren das Vorgehen gegen bewaffnete Straftäter geübt und trainiert.“ Das werde auch in anderen Bundesländern so trainiert.

Einen Überblick über dieses Einsatztraining verschafften sich am Montagvormittag auch Innensenator Frank Henkel (CDU) und Polizeipräsident Klaus Kandt. „Wir haben bei bestimmten Einsatzlagen nicht immer die Zeit, auf das SEK zu warten“, sagte Henkel im Anschluss an die Übungen. „Daher ist es richtig, das neue Konzept zu trainieren. Das ist wie im richtigen Leben: Was man nicht übt, verkümmert.“ Beim Training haben die aus jeweils drei Beamten bestehenden Teams gemeinsam das Absichern eines Gebäudes simuliert und einen Amokläufer überwältigt.

Bei einem Amoklauf muss schnell reagiert werden

Der „Philosophiewechsel“ wie ihn die Polizei nennt, hat 2009 begonnen. Bei einer Geiselnahme werden die Polizeibeamten das Gebäude absperren und draußen auf das SEK warten. Bei einer solchen Straftat hätte man die Zeit, da ein Geiselnehmer Forderungen stellen würde, um diese erfüllt zu bekommen. Bei einem Amoklauf hingegen ist die Zeit ein wichtiger Faktor. Ein Amokläufer würde jede Minuten nutzen, um möglichst viele Menschen zu verletzen oder umzubringen. Die Strategie sieht demnach vor, dass die Beamten der ersten beiden Funkstreifen am Tatort eingreifen. Von den ersten vier Beamten würden drei in ein Gebäude hineingehen, um den Täter zu stellen. Der vierte Beamte bleibt als „Melder“ vor dem Objekt, um den Kontakt zu halten.

Die Übung war eine von drei jährlich stattfindenden Trainingstagen. Funkstreifenbesatzungen und Zivilfahnder, die regelmäßig ihren Dienst auf der Straße versehen, müssten dreimal im Jahr dieses achtstündige Einsatztraining absolvieren. Polizeibeamte die überwiegend im Innendienst tätig sind und nur selten bei Einsätzen draußen sind, müssen einmal im Jahr trainieren. Nach Angaben des Polizeisprechers wird das Training regelmäßig angepasst. Das geschehe nach der Auswertung der aktuellen Gefahrensituationen, denen gegenüber die Beamten im täglichen Einsatz ausgesetzt sind.

Aus dem Karnickelgriff der Polizei gibt es kein Entkommen

Karnickelgriff, Schwanenhals und Armhebel – was sich verhältnismäßig harmlos anhört, dient der Sicherheit und dem Eigenschutz von Polizeibeamten. Und natürlich der Festnahme von Straftätern. Neben der Amokübung gehörten auch zwei weitere Übungseinheiten zum Einsatztraining. In der Sporthalle trainierten die Beamten auch Selbstverteidigung und verschiedene Formen der Festnahme. Behaupten mussten sich die Polizisten gegen vermeintliche Straftäter mit und ohne Waffen. Dabei setzten sie ihren Schusswaffen ein, überzeugten mit Worten oder versprühten Reizgas. Lag der Täter erst einmal auf dem Bauch, kniete sich ein Beamter vor den Kopf des Festgenommenen und fixierte den Kopf zwischen den Oberschenkeln und Knien. Mit einer Hand wurde der Täter im Nacken gepackt (Karnickelgriff) und nach unten gedrückt. Ein zweiter Beamter verdrehte ein Handgelenk des Täters nach oben (Schwanenhals). Derart bewegungsunfähig konnten dann die Handfesseln angelegt werden.

Diese Übungen wandten die Polizisten auch bei verschiedenen simulierten Verkehrskontrollen an. Dabei ging es beispielsweise um Autofahrer, die nach einem gemeldeten Einbruch in ihrem Fahrzeug angehalten wurden und festgenommen werden sollten. Die Beamten übten aber auch die „normale“ Überprüfung eines Autofahrers und die richtigen Vorgehensweisen. Beispielsweise die richtige Position des Funkwagens zum angehaltenen Fahrzeug. Eine Trainerin erklärte, wie das Einsatzfahrzeug zu stehen hat, damit Raum entsteht, um die Festnahme vollziehen zu können, ohne, dass die Beamten durch den fließenden Verkehr gefährdet werden.

Die richtige Position des Polizeifahrzeugs

Auch wurden die Vorteile erklärt, warum das Polizeifahrzeug hinter dem zu kontrollierenden Pkw stehen soll. Viele Funkwagen seien mit Kameras ausgerüstet, um die Kontrolle zu filmen, hieß es. Außerdem könnten die Beamten von hinten besser beobachten, ob möglicherweise illegale Gegenstände aus dem Fahrzeug geworfen werden. Die Szenarien reichten von anhalten und kontrollieren bis anhalten, kontrollieren, den Fahrer aus dem Auto bitten, abtasten und festnehmen.

Die letzte Übung war das Aufreißen der Fahrertür und die Festnahme eines Verdächtigen unter Anwendung von Gewalt. „Für jeden Polizeibeamten ist es wichtig, sich und seine Leistungen beim Training selber zu überprüfen“, sagte der Landeseinsatztrainer Polizeioberrat Daniel Eberhardt. „Dazu gehört auch das Feedback von den Ausbildern.“