60.000 Lebensmittel

In Moabit entsteht ein riesiger Supermarkt für Berlins Köche

Der Münchner Gastrohändler Hamberger eröffnet in Moabit den nach eigenen Angaben größten Frischemarkt Deutschlands.

Waren in 2,5 Kilometer Großregalen bieten die Hamberger-Geschäftsführer Oliver Titius (l.) und Ralf Decker demnächst in Berlin an

Waren in 2,5 Kilometer Großregalen bieten die Hamberger-Geschäftsführer Oliver Titius (l.) und Ralf Decker demnächst in Berlin an

Foto: Massimo Rodari

Berlin.  60.000 verschiedene Lebensmittel auf einer Fläche so groß wie zwei Fußballfelder – der Münchner Gastronomiegroßhändler Hamberger steht in Berlin kurz vor der Eröffnung des nach eigenen Angaben größten Frischemarkts in Deutschland. Anders als der um ein Vielfaches größere benachbarte Großmarkt will Hamberger alle Produkte unter einem Dach anbieten – eine Art Lebensmittelsupermarkt für die Berliner Gastronomie.

Der anhaltende Touristik-Boom in Berlin ist für Geschäftsführer Oliver Titius einer der Gründe für den Schritt nach Berlin. Im ersten Halbjahr 2015 kamen 5,8 Millionen Gäste in die Stadt, 2,2 Millionen von ihnen aus dem Ausland. Das waren fast fünf Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Zahl der Übernachtungen aller Berlin-Gäste stieg in den ersten sechs Monaten auf 13,8 Millionen (ein Plus von 4,8 Prozent). Für Gäste aus dem Ausland wurden in den Hotels und Pensionen 6,1 Millionen Übernachtungen (ein Plus von 8,5 Prozent) erfasst – also deutlich mehr als im ersten Halbjahr 2014.

Frische Lebensmittel aus aller Welt in riesigen Hochregalen

Diese Touristen plus die 3,5 Millionen Berliner (davon knapp 500.000 mit einem ausländischen Pass) wollen in den 17.000 gastronomischen Betrieben der Stadt mit Essen und Trinken versorgt sein. Egal ob Pommesbude oder Sternekoch – Hamberger will die Branche mit frischen Lebensmitteln aus aller Welt versorgen. Die Auslagen auf dem 1,5 Kilometer langen Parcours durch 40 Meter Frischetheken, 235 Meter Kühltruhen und 2,5 Kilometer Hochregale will der Geschäftsführer als Inspiration für Köche verstanden wissen, die Speisen für ihre internationale Klientel zubereiten. Hamberger hat in Berliner Restaurants 53 unterschiedliche Küchenrichtungen von Afghanisch über Koscher bis Vegan und Vietnamesisch ausgemacht.

„Unsere Sortimentsvielfalt wird das kulinarische Angebot in Berlin weiter nach vorn treiben und dem Gastronomen das Leben erleichtern“, ist sich Titius sicher. Darin sieht er den Vorteil seines Unternehmens gegenüber den Konkurrenten. „Wir haben viele Wettbewerber, die sich auf dem Markt tummeln“, räumt er ein. Dazu gehöre sicherlich die Metro, sagt er. Der Handelskonzern betreibt im Raum Berlin (Friedrichshain, Marienfelde, Schönefeld und Spandau) vier Großmärkte für den Lebensmitteleinzelhandel und die Gastronomie mit insgesamt 61.000 Quadratmetern Verkaufsfläche.

„Aber es gibt auch andere“, sagt Titius. Damit dürfte vor allem der traditionelle Berliner Großmarkt am Westhafen (Beusselstraße) gemeint sein. Dort handeln 300 Firmen mit Lebensmitteln, schlagen jährlich 580.000 Tonnen Waren um (davon ein Drittel Obst und Gemüse) und machen eine Milliarde Euro Umsatz. Der Berliner Großmarkt – ein landeseigenes Unternehmen und einst Betreibergesellschaft der Berliner Markthallen – versorgt seit mehr als 120 Jahren Märkte, Geschäfte und Restaurants mit Lebensmitteln aller Art.

„Eine Art Metro ohne Textilien“

Großmarktgeschäftsführer Andreas Foidl sieht den neuen Mitbewerber mit einer Mischung aus Spannung und Gelassenheit. Positiv bewertet er, dass der Markt für Gastronomie und Großküchen in Berlin wächst und deshalb die Nachfrage steigt. „Aber wir fischen alle im gleichen Teich“, sagt er. Insofern sei Hamberger („eine Art Metro ohne Textilien“) eine Konkurrenz. Auch in der Wertigkeit des Angebots spiele das Münchner Unternehmen vorne mit. „Doch unser Alleinstellungsmerkmal ist die Vielfalt. Wir bieten alles: Im Berliner Großmarkt gibt es zum Beispiel 50 Obst- und Gemüsehändler, die sich alle spezialisiert haben.“

Hamberger-Chef Titius, dessen Markt an der Erna-Samuel-Straße in Moabit entsteht, sieht eher Synergieeffekte durch die Nähe zur Konkurrenz. „Prämisse Nummer eins war für uns die Nähe zur Stadt, weil da eine hohe Gastronomiedichte ist“, erläutert er die Wahl des Standorts. „Wir sehen auch Vorteile durch den benachbarten Großmarkt. Deshalb kennen Gastronomen den Bereich und fahren ohnehin hier her und können bei uns mitnehmen, was sie dort nicht bekommen.“

1000 Käsevarianten und 690 Sorten Wurst

Doch in Wirklichkeit hofft er wohl, dass die Berliner Gastronomie nur wegen seines großen Angebots kommen wird: Das liest sich ungefähr so wie ein Guinness-Buch des Lebensmittelhandels: rund 20 Sorten Tomaten, 1000 Käsevarianten, 20 laufende Regalmeter Oliven, saisonal über 270 verschiedene Fischarten, 690 Sorten Wurst und Schinken. Ob es nun Parmesankäse von den seltenen roten Kühen ist, Steinbeißer aus isländischen Gewässern oder eine exotische Fleischsorte, der Markt tritt mit dem Anspruch an, alles vorrätig zu haben.

Dabei greifen die Münchner auf ein ausgeklügeltes Logistiksystem zurück, das zu 85 Prozent über die Straße abgewickelt wird, wie Titius sagt. Italienische Produkte kommen vom Großmarkt in Verona, französische aus Paris. Aus Kostengründen wird nur das Notwendigste per Luftfracht herangeschafft. Hamberger versucht auch, auf Zwischenhändler möglichst zu verzichten. „Das spart Zeit und Geld“, sagt der Geschäftsführer.

Zutritt nur für Gewerbekunden

Hamberger ist ein Familienunternehmen in der fünften Generation. Der Urahn der Handelsfamilie fing 1890 im bayerischen Rosenheim mit der Fabrikation von Zündhölzern an. Später wurde mit Salz gehandelt, 1945 ein Kolonialwarengroßhandel aufgebaut. In den 70er-Jahren richtete sich der Fokus auf den Gastronomiegroßhandel.

Welche Summe das Münchner Unternehmen in Berlin investiert hat, will Geschäftsführer Titius nicht verraten. Das Familienunternehmen machte 2014 einen Jahresumsatz von 180 Millionen Euro, hatte 35.000 Kunden und 500 Mitarbeiter. Im Berliner Markt sollen nach Titius‘ Angaben 400 Arbeitsplätze entstehen. Wie der Geschäftsführer sagt, wohnt der Großteil von ihnen in der unmittelbaren Nähe.

Endverbraucher dürfen übrigens genauso wenig in dem neuen Markt einkaufen wie in der Metro oder dem Berliner Großmarkt. Zutritt haben dort nur Gewerbekunden aus der Gastronomie, Großküchen und Einzelhandel.

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