Gewalt beim Fußball

Schiedsrichter, der Buhmann auf dem Rasen

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Annette Kuhn
Jedes Wochenende steht Christopher Daniels als Unparteiischer auf dem Platz. Er wünscht sich mehr Anerkennung für seine Arbeit. Denn für das Geld macht der diesen Job nicht

Jedes Wochenende steht Christopher Daniels als Unparteiischer auf dem Platz. Er wünscht sich mehr Anerkennung für seine Arbeit. Denn für das Geld macht der diesen Job nicht

Foto: Krauthoefer

79 Spiele wurden in der vergangenen Saison in Berlin abgebrochen. Ein Schiedsrichter erzählt, wie er die 90 Minuten auf dem Platz erlebt.

Seit fünf Jahren ist Christopher Daniels Schiedsrichter im Amateurfußball. „Fußball ist meine Leidenschaft“, sagt der 18-Jährige, ein Leben ohne kann er sich nicht vorstellen. Doch an einem Punkt wäre für ihn Schluss. Wenn er so etwas erleben würde wie ein Freund von ihm, auch er Schiedsrichter.

Gerade hatte er das Spiel abgepfiffen, als ein Fan der unterlegenen Mannschaft auf ihn zulief. „Ich bring dich um“, hat er gebrüllt. Jemand vom Verein hat ihn dann zur Bushaltestelle begleitet, als Schutz, aber dort haben sie ihn allein gelassen. Noch bevor der Bus kam, waren sie wieder da, haben ihn so zusammengeschlagen, bis er bewusstlos war.

Auch die neue Saison hat mit einer Massenschlägerei begonnen

Immer wieder eskaliert ein Fußballspiel. In der vergangenen Saison verzeichnete der Berliner Fußballverband 79 Spielabbrüche im Jugend- und Amateurfußball, weil es zu Gewaltausbrüchen kam. Bei einer Massenschlägerei mit 50 Beteiligten wurden einem Spieler sogar Augenhöhle, Kiefer und Nase gebrochen. Auch die neue Saison hat mit einem Abbruch begonnen. Beim Spiel zwischen den dritten Herren des Tus Makkabi, Berlins einzigem jüdischen Fußballclub, und der dritten Mannschaft des Weddinger BFC Meteor, gingen Zuschauer und Spieler aufeinander los, auch rassistische Beschimpfungen soll es gegeben haben. Die Polizei musste einschreiten.

Christopher Daniels musste bislang noch kein Spiel abbrechen. Dennoch ist das, was er auf dem Platz erlebt, oft frustrierend. „Schiiiriii, Mensch, siehste denn jar nüscht?“, „Ey, Schiri, jetzt pennste aber!“, schallt es immer wieder über den Kunstrasenplatz des Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions in Prenzlauer Berg, als Christopher Daniels ein Spiel der Berliner Bezirksliga pfeift. Es ist eines von etwa 1500 Fußballspielen, die an jedem Wochenende in Berlin stattfinden. Von der G-Jugend mit den Fünf- und Sechsjährigen bis zur Bundesliga.

Viele Schiedsrichter hören auf, weil sie die Schimpferei nicht mehr aushalten

Schenkt man der lautstarken Kritik vom Spielfeldrand Glauben, macht der Unparteiische hier so ziemlich alles falsch. Doch Christopher Daniels zeigt sich unbeirrt. Das muss er auch, und das ist wohl die größte Herausforderung, der er sich auf dem Platz stellen muss. „Man braucht schon Nerven aus Stahl, um den Druck auszuhalten“, sagt er.

Viele halten die Schimpferei irgendwann nicht mehr aus. In Berlin hören jedes Jahr etwa 150 Schiedsrichter auf. In der Stadt gibt es zurzeit 1170 Schiedsrichter. Selbst wenn jeder von ihnen an einem Wochenende im Einsatz wäre, wären nicht alle 1500 Spiele besetzt. „Im Jugendbereich wird erst ab den E-Junioren mit Schiedsrichter gespielt, im Herrenbereich versuchen wir alle Spiele zu besetzen“, so Jörg Wehling vom Schiedsrichterausschuss im Berliner Fußball-Verband (BFV). Bei den unteren Kreisligen gelingt das allerdings nicht immer.

Für das Geld stellt sich kein Unparteiischer auf den Platz

Es sei nicht leicht, Nachwuchs für den Job des Schiedsrichters zu gewinnen, erklärt Wehling. Der Posten sei nicht nur positiv besetzt und die Erwartungen an ihn groß. Man müsse schon ein guter Psychologe sein, sagt Daniels, man müsse wissen, wie man mit welchem Spieler umgeht, spüren, wenn sich Spannung hochschaukelt und bei all dem immer die Ruhe bewahren und versuchen, es nicht persönlich zu nehmen, wenn man als Vollidiot beschimpft wird. „Meistens gelingt es mir, auf Durchzug zu schalten. Denken kann ich ja, was ich will“, sagt er für einen 18-jährigen erstaunlich weise.

Christopher Daniels hat erst Fußball gespielt, bei seinem Verein, dem BFC Südring in Kreuzberg. Als er 13 Jahre alt war, hat sein Trainer ihn für einen Schiedsrichter-Lehrgang angemeldet. Jahrelang hat er im Jugendbereich gepfiffen. Jetzt ist er volljährig und macht seine ersten Erfahrungen im Herrenbereich. In der Woche absolviert er im dritten Lehrjahr eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. Am Wochenende steht er mit seiner Pfeife auf dem Platz. Mindestens einmal, manchmal zweimal. Quer durch Berlin fährt er. Spielzeit plus Vorbereitung plus An- und Abfahrt muss er vier bis fünf Stunden einplanen. Anfangs bekam er dafür zwölf Euro, beim Bezirksligaspiel sind es jetzt 25 Euro. Nein, wegen des Geldes macht man das nicht. Aber wieso sonst? Kurz muss der 18-Jährige nachdenken. „Beim Schulsport war ich immer gern Schiedsrichter“, erklärt er, „man hat da den Überblick, man lernt sich durchzusetzen, man muss schnell Entscheidungen treffen. Das nimmt man mit fürs Leben.“

Eine Situation kann innerhalb von Sekunden eskalieren

Christopher Daniels ist 1,71 Meter, ein schmaler junger Mann. Die Haare etwas nach oben frisiert, die Haltung sehr aufrecht. Die meisten Schiedsrichter sind größer und können sich allein kraft ihrer Statur Respekt verschaffen. Wenn Christopher neben einem Spieler steht, der fast einen Kopf größer und doppelt so breit ist, kommt es umso mehr auf sein Auftreten an. Wie er eine gelbe Karte aus seiner Trikottasche zückt, hat er anfangs vor dem Spiegel geübt, um zu sehen, wie das wirkt. „Wenn du Nervosität zeigst und die Spieler merken, dass du unsicher bist, hast du verloren.“ Dann kann die Situation innerhalb von Sekunden eskalieren.

Dass es insgesamt rauer geworden sei auf dem Fußballplatz und für Schiedsrichter gefährlicher, kann Wehling nicht bestätigen. „Die Zahl der Vorfälle ist nicht signifikant gestiegen“, sagt er, „aber wenn etwas passiert, gelangt das schneller an die Öffentlichkeit und dadurch entsteht dieser Eindruck“. Was er aber sieht, ist, dass vor allem im Jugendbereich die Hemmschwelle bei den Zuschauern gesunken ist: „Da rennen Eltern schon mal auf den Platz, wenn ihr Kind gefoult wurde, um es zu trösten und den Verursacher oder den Schiedsrichter zur Rede zu stellen.“ Um so ein Eingreifen in den Spielverlauf zu verhindern, wurde vor zwei Jahren die Fanzone eingeführt, bei der Eltern mindestens drei Meter Abstand vom Spielfeld halten müssen. Wehling sagt, das habe sich bewährt, aber nicht jeder hält sich daran.

Fehlerfreie Schiedsrichter gibt es nicht

Eigentlich dürfte es gar nicht dazu kommen, dass Zuschauer aufs Spielfeld rennen und Spieler oder Schiedsrichter angreifen. Denn Ordner sollten solche Situationen verhindern. Laut Spielordnung muss der gastgebende Verein immer einen Ordner stellen, zu erkennen an der entsprechenden Weste. Tatsächlich finden aber viele Spiele ohne Ordner statt.

Der Schiedsrichter bleibt also meist schutzlos und hat ohnehin einen einsamen Posten. Er ist für alle der Buhmann. „Eine Seite fühlt sich immer benachteiligt“, sagt Christopher Daniels, „man kann ein Spiel gar nicht so pfeifen, dass alle zufrieden sind.“ Und fehlerfreie Schiedsrichter gibt es natürlich auch nicht. Dennoch wünscht er sich mehr Respekt. Schließlich sei er nicht schuld, wenn eine Mannschaft verliert. Ganz selten kommt es vor, dass er gelobt wird. Dass sogar der Trainer der unterlegenen Mannschaft nach dem Spiel zu ihm sagt: Das hast du gut gemacht. Er kann diese Male an einer Hand abzählen. Gepfiffen hat er schon Hunderte Spiele.