Prozess in Berlin

Maria P. lebendig verbrannt - Die Angeklagten schweigen

Warum wurde die hochschwangere Maria (19) lebendig verbrannt – ein Strafprozess versucht das zu klären. Doch die Angeklagten schweigen.

Sie sitzen so weit auseinander, wie es die Anklagebank im Saal B129 im Kriminalgericht Moabit zulässt: Eren T. und Daniel M., beide 20 Jahre alt, beide angeklagt wegen gemeinschaftlichen Mordes. Am 22. Januar 2015 sollen sie zwischen 21 und 22.30 Uhr „die im achten Monat schwangere Geschädigte Maria P. in der Absicht, sie zu töten, unter Ausnutzung ihrer Arglosigkeit in das Waldgebiet Köllnische Heide“ gelockt haben, heißt es in der von Staatsanwalt Martin Glage verlesenen Anklageschrift. „Während einer der Angeschuldigten Maria P. absprachegemäß festhielt, schüttete der andere Benzin auf das Opfer und entzündete es mit einem mitgeführten Feuerzeug. Was zur Folge hatte, dass die Geschädigte, wie von den Angeschuldigten beabsichtigt, bei vollem Bewusstsein qualvoll verbrannte“. Glage zählt gleich drei Mordmerkmale auf: Heimtücke, Grausamkeit und niedrige Beweggründe.

Frauen tragen T-Shirts mit der Aufschrift: „Wir sind Maria“

Es ist ein Fall, der bundesweit für Entsetzen gesorgt hatte. Das öffentliche Interesse ist entsprechend groß und die Zuschauerbänke sind dicht gefüllt. Drei Frauen im Saal tragen schwarze T-Shirts mit der weißen Aufschrift „Wir sind Maria“. Vor diesen Frauen sitzt aufgeregt die Mutter des Angeklagten Daniel M. Sie macht als unmittelbare Angehörige von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch – wird als Zeugin also nicht infrage kommen.

Zum Prozess erschienen ist auch der ältere Bruder der ermordeten Maria P. Christian P. ist der einzige Nebenkläger in diesem Prozess, er vertritt quasi seine ganze Familie. Der kräftige Mann trägt eine getönte Brille und blickt immer wieder in Richtung der Angeklagten. Den pausbäckigen, über und über tätowierten Daniel M. sieht er vermutlich zum ersten Mal.

Daniel M. wagt sich kaum aufzublicken, als er dieses Fixieren bemerkt. Den Angeklagten Eren T. kennt Christian P. Er ist ihm schon in der Wohnung in Hohenschönhausen begegnet, in der Maria P. mit ihre Eltern wohnte. Christian P. weiß, dass die kleine Schwester den schmalen jungen Mann mit den lockigen schwarzen Haaren geliebt und sich schützend vor ihn gestellt hat, wenn Eren T. kritisiert wurde. Und Christian P. hat inzwischen auch begreifen müssen, dass Maria diesem Eren T. bis zum Schluss vertraute – vermutlich sogar noch bei dem Treffen in dem menschenleeren Park im Stadtteil Adlershof, wo sie so grauenvoll ermordet wurde.

Wer an diesem ersten Prozesstag hoffte, Antwort auf die Frage nach dem Motiv zu bekommen, hat sich getäuscht. Beide Angeklagten lassen über ihre Verteidiger verkünden, dass sie zu den Vorwürfen schweigen werden. Bei einigen Zuschauern sorgt das für Irritationen: Wenn beide Angeklagten vor Gericht nichts sagen und sich bei der Polizei gegenseitig der Tat beschuldigt haben – können sie dann überhaupt wegen Mordes verurteilt werden? Das wird auch Gerichtssprecher Tobias Kaehne gefragt. „Es ist auch in dieser Konstellation möglich, sie wegen gemeinschaftlichen Mordes zu verurteilen“, antwortet Kaehne. Aber den Verdächtigen müsse natürlich die jeweilige Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Und das wird sicher nicht leicht.

Das Schweigen der Angeklagten ist auch keineswegs eine überraschende Verteidigungsstrategie. Hatten sich doch Eren T. und Daniel M., nur wenige Stunden nach der Tat bei der Polizei gegenseitig beschuldigt. Eren T. hatte damals zu Protokoll gegeben, sein Bekannter Daniel M. sei mit Maria P. in einem Kleintransporter weggefahren. Er befürchte, dass Daniel M. der hochschwangeren Freundin etwas angetan haben könnte.

Daniel M. wiederum erklärte wenige Stunden später im selben Polizeirevier an der Neuköllner Rollbergstraße, dass er gesehen habe will, wie Eren T. in der Köllnischen Heide auf die schwangere Maria P. mit einem Messer eingestochen und sie danach mit Benzin übergossen habe. Er selber sei aus Angst davon gerannt.

Vor Gericht wird am Donnerstag auch eine andere Aussageversion des Angeklagten Daniel M. verlesen, die er bei der Polizei gemacht hat. Es gibt bislang insgesamt fünf. Auch sie klingt wenig glaubhaft: Eren T. habe Maria P. in den Wald locken und ihr dort Angst einjagen wollen. Er soll gesagt haben: Mein Vater und ich wollen das Kind nicht.

Daniel M. will Maria P. mit Messer versehentlich verletzt haben

Geplant sei demnach gewesen, dass Eren T. in der Köllnischen Heide mit Benzin ihren Namen auf den Waldboden schreibt – eine Art flammende Schrift, die sie einschüchtern sollte. Hernach habe er Maria schlagen und so das Kind gewaltsam abtreiben wollen. Daniel M. sollte sie dazu festhalten. Er, Daniel M., habe jedoch mal austreten müssen, heißt es in der Erklärung. Und plötzlich habe er Maria P. schreien gehört und gesehen, wie Eren T. sie attackierte. Er sei dazwischen gegangen und habe mit einem Küchenmesser, dass er bei sich trug, Eren T. von diesen Handlungen abhalten wollen. Dabei habe er jedoch versehentlich Maria P. getroffen. Als sie zu Fall kamen, seien sie von Eren T. mit Benzin übergossen worden. Er sei aufgesprungen, so Daniel M., habe noch gesehen, wie Eren T. die Schwangere in Brand setzte, und sei dann selbst aus Angst geflohen.

Welchen Wert diese polizeiliche Aussage für das Gericht hat, bleibt abzuwarten. Interessanter ist da wohl eher die Aussage des ersten Zeugen. Der 52-jährige Zvanko Pe. war ein Freund der Familie M., er hatte Daniel M. am 22. Januar einen Kleintransporter geliehen, mit dem dieser angeblich einen Umzug machen wollte. Es war der Kleintransporter, in dem die Angeklagten Maria P. in die Köllnische Heide gebracht haben sollen. Er habe die beiden gegen Mitternacht – also nach dem Mord – noch einmal gesehen, so Zvanko Pe. Beide hätten sehr eingeschüchtert gewirkt. Später, so der Zeuge, habe er in seinem Kleintransporter eine CD gefunden, die nur den Angeklagten gehören konnte. Es soll sich um Hass-Rap handeln. In einem der Songs soll es um das Töten und Verbrennen eines Menschen gehen.

Es wird ein langes Verfahren. Mehr als 70 mögliche Zeugen stehen auf einer Liste, 40 sind für die nächsten zehn Verhandlungstage bis Ende November schon geladen. Auch mehrere Gutachter sollen gehört werden. Die Jugendkammer hat vorsorglich zwei Ersatzschöffen nominiert. Nächster Verhandlungstag ist der 13. Oktober.