Vermisster Junge

Rätsel um verschwundenen Flüchtlingsjungen

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Isabell Jürgens; Matthias Steube
Ein Suchaufruf hängt am 05.10.2015 in Berlin an einem Fenster des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGESO)

Ein Suchaufruf hängt am 05.10.2015 in Berlin an einem Fenster des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGESO)

Foto: Michael Kappeler / dpa

Die Suche nach dem vermissten Flüchtlingsjungen hat noch immer keine heiße Spur gebracht. Das hat auch Konsequenzen für das LaGeSo.

Kinder im Vorschulalter spielen am Dienstagnachmittag unbeaufsichtigt auf der Wiese neben dem Zelt der Essensausgabe Fangen, eine weitere Gruppe Jungen und Mädchen streift neugierig und fernab elterlicher Aufsicht durchs Gebüsch. Ein paar Meter weiter hängt an einem Baum ein weißer Zettel mit dem Bild eines kleinen Jungen und informiert auf Englisch: „Missing Child – 4-Year old Mohammed“.

Ähnliche Aushänge, auch in arabischer Schrift, sind auf dem gesamten Gelände des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso), der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Moabit, verteilt. Doch offenbar hat sich noch nicht bei allen Eltern herumgesprochen, dass der kleine Mohammed zuletzt am Donnerstagmittag auf dem Gelände gesehen wurde – und seitdem jede Spur von ihm fehlt.

Auch eine am Montagnachmittag im Fritz-Schloß-Park an der Rathenowstraße in Moabit von der Polizei durchgeführte Suchaktion blieb ohne Erfolg. Rund 30 Beamte waren im Park unterwegs, hatten Besucher des Parks befragt und einen Grünbereich durchsucht. Doch der vierjährige Junge aus Bosnien-Herzegowina, den ein Zeuge noch am Tag seines Verschwindens in dem Park gesehen haben will, wurde nicht gefunden.

Roter Pulli, blaue Jeans, weiße Schuhe und eine grüne Tasche

„Die Beschreibung des Jungen durch den Zeugen, die Angaben zu seiner Kleidung stimmten mit unseren Erkenntnissen überein“, sagt Stefan Redlich, Sprecher der Berliner Polizei. Mohammed Januzi, so steht es auf den Fahndungsplakaten der Polizei, war zum Zeitpunkt seines Verschwindens mit rotem Pulli, blauer Jeans und weißen Schuhen bekleidet und hatte eine grüne Tasche bei sich. Der Junge ist etwa einen Meter groß, schlank und hat kurze dunkle Haare. Außerdem spricht und versteht er kein Deutsch.

Am Dienstagvormittag machte schließlich unter den Helfern und Sicherheitsmitarbeitern auf dem Lageso-Areal die Nachricht die Runde, dass der Junge wieder aufgetaucht sei – und zwar in der hessischen Stadt Gießen, wohin ihn angeblich der getrennt von der Mutter lebende Vater gebracht haben soll. „Wir haben auch von dem Gerücht gehört und sind ihm nachgegangen“, sagte Polizeisprecher Redlich. Leider habe sich jedoch die Information als falsch erweisen.

Auch eine von der Polizei nach der erfolglosen Suche im Park durchgeführte Befragung in einer Traglufthalle, in der sich zahlreiche Flüchtlinge aufhalten, brachte keine neuen Erkenntnisse zum Verbleib des Kindes. Spürhunde der Polizei sind bei der Suche bislang nicht zum Einsatz gekommen. „Damit ein Spürhund eine Fährte aufnehmen kann, muss es einen Ausgangspunkt geben. Die Möglichkeit dafür ist auf dem Gelände an der Turmstraße sowie im Park nicht gegeben“, sagte ein Ermittler.

Lage auf dem Gelände chaotisch

„Trotz der Aufstockung des Sicherheitspersonals ist die Lage auf dem Gelände weiter chaotisch“, sagte Laszlo Hubert von der Initiative „Moabit hilft“, die die Betreuung der Flüchtlinge durch ehrenamtliche Helfer auf dem Gelände organisiert. Zwar gebe es sowohl von der Caritas als auch von der Initiative selbst Betreuungsangebote für Kinder, beispielsweise auch ein Spielzimmer und das Mutter-Kind-Zentrum in einem der Häuser. „Doch das Angebot ist nicht mit einer geregelten Betreuung wie etwa in einer Kita zu vergleichen“, so Hubert.

Das würden die Eltern, die ja auch stets in Bewegung seien, auch gar nicht nachfragen. „Die meisten wollen, dass ihre Kinder ganz in ihrer Nähe sind“, sagte der Helfer. Allerdings komme es so immer wieder dazu, dass die Kinder nicht wirklich beaufsichtigt seien, weil die Eltern beispielsweise in der Warteschlange vor der Essensausgabe oder der Registrierungsstelle stehen.

„Wir werden jetzt prüfen, ob aus dem Fall Konsequenzen für den Ablauf der Registrierung gezogen werden müssen“, sagte die Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung, Regina Kneiding. Mohammeds Mutter hatte angegeben, mit ihren drei Kindern zu einem Termin zum Lageso gekommen zu sein, als sie Mohammed im Gedränge aus den Augen verloren habe.

Kneiding verwies auf die neue Erstaufnahmestelle an der Bundesallee, die am 15. Oktober ihren Betrieb aufnehmen soll. Dann, so ihre Hoffnung, werde sich die Situation am Lageso in Moabit, wo täglich immer noch rund 3000 Menschen auf die Bearbeitung ihres Falles sowie die Zuweisung von Sozialleistungen warten, entspannen.