Mord an Maria P.

„Das ist in seiner Grausamkeit ein einzigartiger Fall“

Die mutmaßlichen Mörder der schwangeren Maria P. stehen ab Donnerstag vor Gericht. Berlins Opferbeauftragter Roland Weber zu dem Fall.

Trauer um Maria P.: An dieser Stelle hatten Spaziergänger die Leiche der Hochschwangeren aufgefunden

Trauer um Maria P.: An dieser Stelle hatten Spaziergänger die Leiche der Hochschwangeren aufgefunden

Foto: pdz tmk / picture alliance / dpa

Roland Weber ist Berlins Opferbeauftragter. Für den Fachanwalt für Strafrecht, der seit 15 Jahren Opfer von Straftaten oder deren Hinterbliebene vor Gericht vertritt, ist das anstehende Verfahren ein ganz besonderer Prozess.

Berliner Morgenpost: Herr Weber, wie ist aus ihrer Sicht der Prozess um die ermordete Maria P. einzuordnen?

Roland Weber: Ich habe im Laufe der Jahre schon zahlreiche Familien vertreten, die Hinterbliebene von Tötungsdelikten sind. Aber dieser Fall ist schon außergewöhnlich, weil das Opfer den Ermittlungen zufolge noch gelebt haben soll, als es mit Benzin übergossen und angezündet wurde. Stimmt das so, dann ist das in seiner Grausamkeit ein einzigartiger Fall.

Lässt sich eine derartige Grausamkeit anhand anderer Prozesse erklären?

Nein, das ist für mich bisher ein nicht erklärbares Geschehen. Das Opfer war im achten Monat schwanger und damit wehrlos. Ich kann kein Motiv erkennen. Selbst wenn jemand mit einer Schwangerschaft total überfordert sein sollte, ist weder diese Tat und noch viel weniger diese grenzenlose Gewalt erklärbar.

Beide Angeklagten waren zur Tatzeit 19 Jahre alt. Verhandelt wird vor einer Jugendkammer; werden sie automatisch auch nach Jugendstrafrecht bestraft?

In Berlin ist zu beobachten, dass Heranwachsende, und darum handelt es sich ja bei den Angeklagten, nicht grundsätzlich nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. Nach meiner Wahrnehmung ist zu unterscheiden, um welche Delikte es sich handelt. Bei kleineren Taten kommen die Richter eher zu der Erkenntnis, dass Erwachsenenrecht angewendet werden kann. Doch je schwerwiegender die Vorwürfe sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Heranwachsende von den Gerichten nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. Ich habe persönlich noch keinen einzigen Fall erlebt, bei dem einem Heranwachsenden schwerste Straftaten wie Mord oder Totschlag vorgeworfen und ihm dabei nicht auch gleichzeitig eine Reifeverzögerung bescheinigt wurde.

Also können die beiden Angeklagten mit zehn Jahren davonkommen?

Seit 2012 gibt es eine Neuregelung, nach der das Höchstmaß der Jugendstrafe 15 Jahre betragen kann, wenn dies wegen besonderer Schwere der Schuld erforderlich ist. Das könnte in dem aktuellen Verfahren der Fall sein, denn hier sollen ja laut Anklage gleich drei Mordmerkmale erfüllt worden sein: Grausamkeit, niedrige Beweggründe und Heimtücke.

Sie vertreten in dem Prozess einen Bruder der Ermordeten, der aber auch selber unbedingt am Prozess teilnehmen will. Wäre es nicht besser, wenn ein Angehöriger einem Strafprozess bei einer derart grausamen Tat fern bleibt?

Das lässt nicht verallgemeinern. Ich spreche vorher immer sehr ausführlich mit meinen Mandanten und bereite sie darauf vor, was in einem Strafprozess besprochen werden muss. Das Gericht kann ja nicht möglichst nebenklägerschonend vorgehen; das Ziel ist ja, den Sachverhalt möglichst umfassend aufzuklären. Da bleibt nicht aus, dass Gerichtsmediziner referieren, Fotos des Opfers angeschaut oder Fragen gestellt werden, die von den Angehörigen nur schwer auszuhalten sind. Wie lange lebte das Opfer noch? Hatte es Schmerzen? Wenn die Mandanten darauf vorbereitet sind, können sie damit erfahrungsgemäß wesentlich besser umgehen.

Warum ist es für die Angehörigen so wichtig, genau zu wissen, was passiert ist?

Viele meiner Mandanten haben gesagt, sie wissen nicht, ob sie überhaupt jemals mit dem Geschehen abschließen können. Aber wenn sie wissen, was genau passiert ist, kann es ein Baustein dafür sein, irgendwann einmal mit der Sache besser leben zu können.

Wie erleben Angehörige im Gerichtssaal die Konfrontation mit den Angeklagten?

Das ist für Angehörige zumeist ein sehr schwieriger Moment. Nicht selten kennen sie die Angeklagten. Deswegen wird mir auch regelmäßig die Frage gestellt: Wie dicht sitze ich bei denen? Und kann ich ihnen in die Augen sehen? Die meisten wünschen sich das. Sie wollen wissen, wie die Angeklagten reagieren, wenn sie sie direkt ansehen.

Kann ein hartes konsequentes Urteil den Angehörigen dabei helfen?

Das hängt sehr davon ab, mit welcher Erwartungshaltung sie an das Verfahren herangehen. Die meisten haben mir gesagt, ihnen gehe es primär um die Sachverhaltsaufklärung, damit sie wissen, warum was passiert ist. Aber einige sagen auch: Wenn sich die Anklagevorwürfe bestätigen, dann wünsche ich mir die maximal strenge Bestrafung.

Wie geht es der Familie der ermordeten Maria P.?

Dazu kann ich nur wenig sagen. Eltern und Geschwister haben sich zurückgezogen, sie wollen auch am Verfahren nicht teilnehmen. Was ja auch angesichts der ungeheuerlichen Vorwürfe nachvollziehbar ist. Ausnahme ist der eine, von mir betreute Bruder, und der wird die Familie dann jeweils nach den Verhandlungstagen informieren.

Die beiden Angeklagten sollen sich bei der Polizei gegenseitig des Mordes beschuldigt haben, wird es also ein langer Prozess, was es den Angehörigen nicht leichter macht?

Wenn es so bleibt, dann ist es auf jeden Fall eine schwierige Ausgangslage. Das beginnt schon mit der Frage, ob sich beide vor Gericht überhaupt einlassen, und wenn ja, wie das geschieht. Ich könnte mir vorstellen, dass es vorbereitete Erklärungen der Verteidigung gibt, die darauf abzielen, die Mordmerkmale in Frage zu stellen. Wenn sie sich beide weiter gegenseitig beschuldigen, wird es einen Indizienprozess geben. Bislang hat die Kammer vorsorglich schon elf Verhandlungstage anberaumt.