Urteil

Kleingartenverband verbietet Baumhaus für Kinder

Kleingärtnerverband Schöneberg-Friedenau will keine Baumhäuser auf seinen Parzellen - und erwirkt ein Urteil gegen eine Familie.

Vor dem umstrittenen Baumhaus: Alec, Ivos, Sarah und Luke Piacentini

Vor dem umstrittenen Baumhaus: Alec, Ivos, Sarah und Luke Piacentini

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Man sollte meinen, ein Baumhaus ist etwas Abenteuerliches. Es hat mit Klettern zu tun und mit spannenden Stunden hoch oben über der Erde. Für eine Berliner Familie, die ein Baumhaus in ihrem Kleingarten in Schöneberg gebaut hat, ist dieses Abenteuer jedoch zu einem jahrelangen und Kräfte zehrenden Rechtsstreit geworden. Denn der Kleingärtnerverband Schöneberg-Friedenau will keine Baumhäuser auf seinen Parzellen in der Anlage "Samoa". Wegen der Unfallgefahr für Kinder und weil Bäume geschädigt werden könnten. Und weil Baumhäuser in den Parzellen einen zusätzlichen Verwaltungsaufwand für den Bezirksverband bedeuten, der ehrenamtlich arbeitet.

Auch in einem Schreiben des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg von 2011 an den Kleingärtnerverband heißt es, dass Baumhäuser nicht zulässig seien. Beschädigungen von geschützten Bäumen könnten mit bis zu 50.000 Euro Bußgeld geahndet werden. Das Amt forderte damals den Verband auf, die Entfernung der Baumhäuser zu veranlassen. Falls man bei der nächsten Begehung keine Abhilfe feststelle, werde der Verband eine Abmahnung bekommen. 2013 klagte der Bezirksverband gegen Ivos Piacentini, 51, Vater und Baumhaus­erbauer, und bekam im September 2015 in zweiter Instanz Recht. "Wir warten darauf, dass das Urteil zugestellt wird", sagt Ivos Piacentini. Es werde voraussichtlich eine Vollstreckung des Urteils geben. Es sei außerdem wahrscheinlich, dass die Entscheidung des Landgerichts Berlin auch Folgen für die rund 50 weiteren Baumhäuser in den Parzellen der Kolonie haben wird, sagt Piacentini. Auch sie müssen abgebaut werden.

Senat hatte Größenbeschränkung für Spielgeräte aufgehoben

Dabei sahen die Chancen nicht schlecht aus. Das Amtsgericht Schöneberg hatte im Frühjahr 2015 die Klage des Kleingärtnerverbandes abgewiesen. Politische Unterstützung kam von der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg, die 2014 einmütig vom Bezirksamt gefordert hatte, dass bestehende Baumhäuser bleiben und neue errichtet werden dürfen. Familienvater Piacentini hat auch auf die Haltung des Senats vertraut. Der hatte 2009 in seinen Verwaltungsvorschriften für Kleingärten die Beschränkungen für die Größe von Spielgeräten aufgehoben. Sie durften bis dahin nur 1,25 Meter hoch sein und eine Grundfläche von zwei Quadratmetern haben – Maße, die das Baumhaus auf der Parzelle in Schöneberg überschreitet. Es hat eine Grundfläche von vier Quadratmetern. Doch diese Einschränkungen sollten nach dem Willen des Landes künftig nicht mehr gelten, damit Gärten kinderfreundlicher gestaltet werden können.

Es gebe eine Broschüre mit dem Titel "Kinderparadies Kleingarten", die damit wirbt, erzählt Piacentini. "Gerade Kinder sollen sich wohlfühlen", heißt es darin. Er habe gehofft, dass der Kleingärtnerverband dieser generellen Linie des Landes Berlin folgen werde, sagt der 51-Jährige. "Denn die Grundstücke der Kleingartenanlage sind im Eigentum des Landes Berlin."

Doch die ablehnende Haltung des Verbandes gegenüber Baumhäusern änderte sich nicht. "Damit haben wir nicht gerechnet", sagt der Familienvater. Der Bezirksverband der Kleingärtner Schöneberg-Friedenau war am Mittwoch telefonisch für Nachfragen nicht erreichbar, ebenso wenig der Rechtsanwalt des Verbandes.

Haus mit Strickleiter im Pflaumenbaum

2008 habe er das Baumhaus zusammen mit seinen Kindern entworfen und gebaut, erzählt Ivos Piacentini. Seine Söhne waren damals fünf und neun Jahre alt. Die Konstruktion im Pflaumenbaum ist in den vergangenen Jahren zur Attraktion und zum beliebten Aufenthaltsort auch bei Kindergeburtstagen geworden, die per Strickleiter erklommen werden kann. "Ich hatte kein Baumhaus als Kind", erzählt Ivos Piacentini. Er gibt den Kampf noch nicht verloren. Auf der Internetplattform Change.org hat er eine Petition gestartet und wirbt um Unterschriften. Auf ihrer Seite "baumhaus-samoa.de" bittet die Familie um Unterstützung. Interessierte sind eingeladen, sich das Streitobjekt in der Parzelle am Riemenschneiderweg an den Oktobersonntagen, 13 bis 16 Uhr, anzusehen.

Der Kampf um Baumhäuser ist ein bundesweites Thema. Im Internet wird vom bedrohten Baumhaus auf einer Wiese im Berchtesgadener Land berichtet. Davon, dass das Bauverwaltungsamt in Bautzen gegen eine Konstruktion vorgeht. Und vom Streit um das Bretterhaus in einer mächtigen Eiche in Frohnau. Viele Fälle sind auf der Seite www.lucas-baumhaus.de nachzulesen. Doch es gebe auch positive Beispiele, sagt Ivos Piacentini. In Steglitz etwa sei der Bau eines Baumhauses erlaubt worden.

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