Integration

Raed Saleh fordert einen liberalen, europäischen Islam

Raed Saleh ist zu Besuch in Istanbul. Dort holt die Flüchtlingskrise den Berliner SPD-Fraktionschef ein.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh auf der Terasse des deutschen Generalkonsulats über dem Bosporus

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh auf der Terasse des deutschen Generalkonsulats über dem Bosporus

Foto: Joachim Fahrun

Die Frage ist nicht ohne Brisanz in einem Land, das bis vor Kurzem noch Bürger wegen „Beleidigung des Türkentums“ ins Gefängnis warf und in dem Minderheiten bis heute der Sprung auf Ministersessel verwehrt ist. „Wird es in 15 Jahren möglich sein, dass eine muslimische deutsche Kanzlerin mit einem aus Syrien stammenden Christen als Präsidenten der Türkei über Hilfen für Syrien spricht?“ Raed Saleh lässt den Blick schweifen im Hörsaal der juristischen Fakultät der Istanbuler Kulturuniversität. 130 Augenpaare junger Studenten und einiger Professoren schauen den Fraktionschef der Berliner SPD erwartungsvoll an. 70 Prozent sind Frauen, eine Handvoll trägt Kopftuch. Nicht wenige teilen offensichtlich die Vision des Besuchers.

Der säkularen Elite der türkischen Metropole gefällt, was der arabischstämmige Deutsche in seinem Vortrag zum Umgang mit Flüchtlingen, Integration und einem europäischen Islam zu sagen hat. Ihre Universität wird von der islamisch-konservativen AKP-Regierung nicht gerade geliebt, sagen die Professoren. Für Deutschland beantwortet der 38-jährige Sozialdemokrat seine Ausgangsfrage mit „Ja“. Für die Türkei, die gerade vom Aufflammen des alten Konfliktes mit den Kurden erschüttert wird, musste die Antwort ausbleiben.

Er benennt die Spielregeln, die für alle gelten sollten

Saleh treibt am ersten Tag seiner Istanbul-Reise eines seiner politischen Hauptthemen voran. Ihm geht es um ein neues Verständnis der Migranten in der Mehrheitsgesellschaft. Toleranz ist ihm zu wenig, es geht ihm um Anerkennung der Tatsache, dass Zuwanderer die Gesellschaft verändern und vielfältiger machen. Sein von vielen in der SPD kritisch aufgenommenes Schlagwort einer „neuen deutschen Leitkultur“ vermeidet er in der Privatuniversität in der Nähe des Atatürk-Flughafens. Stattdessen benennt er die Spielregeln, die für alle gelten müssten: Achtung vor dem Staatswesen, Selbstbestimmungsrechte, Gleichheit der Geschlechter, Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt, Freiheit zu glauben oder eben auch nicht. Er sagt, dass Minderheitenrechte die Demokratie ausmachten und dass ein Präsident dazu da sei, über den Parteien zu stehen. Die Zuhörer lächeln wissend. Ihr Präsident Erdogan möchte sich gerne per Verfassungsänderung absolute Macht mit einem Präsidialsystem sichern. Minderheiten werden mit einer Zehn-Prozent-Sperrklausel aus dem Parlament weitgehend ferngehalten.

Auffällig oft betont Saleh die Selbstverständlichkeit des Dazugehörens, das viele jüngere Zuwanderer in Deutschland empfinden. „Mein Land“, sagt er oft, oder „wir Deutsche“. Und er fordert die AKP-Regierung dazu auf, die Integration der Türkischstämmigen in Deutschland nicht zu behindern. Er schlägt vor, die Religionsbehörde Ditib vom türkischen Staat unabhängig zu machen, um die Herausbildung eines liberalen, europäischen Islam zu befördern, der dann vom deutschen Staat wie christliche Kirchen oder jüdische Gemeinden gefördert und anerkannt werden müsse.

Syrienflüchtlinge strecken Besuchern ihre Hände entgegen

„Aus den Türken in Berlin sind stolze, gleichberechtigte Deutsche geworden“, ruft Saleh den Istanbulern zu. Es ist diese Erfahrung, die Mut machen soll. Denn die Türken sehen sich gerade einer massiven Flüchtlingswelle aus Syrien gegenüber. Tausende leben in der 13-Millionen-Metropole, zum Teil auf den Straßen. An großen Kreuzungen strecken syrische Kinder im Regen ihre Hände den Autofahrern entgegen. Wie sie die türkische Gesellschaft verändern werden, ist ebenso wenig ausgemacht wie die Folgen der Flüchtlingsströme für Deutschland. „Die größte Herausforderung kommt erst noch“, weiß Saleh, wenn es gelte, Tausende Neubürger aus Arabien mit Wohnraum, Schulplätzen und Jobs zu versorgen. Dennoch ist der Gastarbeitersohn sicher: „Deutschland wird durch diese Zuwanderung in 15 Jahren ein stärkeres Land sein als heute.“

Im Auditorium sitzen viele junge Menschen, die selbst in Deutschland aufgewachsen und zum Studium nach Istanbul gegangen sind. „Welch ein Potenzial“, schwärmt Saleh. Saleh, einem Gastarbeiterkind aus Palästina, nehmen sie seine guten Ratschläge nicht krumm, obwohl sich die Türken Einmischungen von außen in der Regel streng verbitten. Ob denn Deutschland und Europa genug tue in der Flüchtlingskrise, fragt eine Zuhörerin. Saleh erinnert an den Beschluss der EU-Regierungschefs, 120.000 Syrer in Europa zu verteilen. „Das muss für sie zynisch klingen“, sagt Saleh. Die Türkei hat mindestens 2,3 Millionen Syrer aufgenommen.

Professor: Das Land erfindet sich so alle zehn bis zwölf Jahre neu

Nur rund ein Zehntel davon lebt in regulären Flüchtlingscamps. Die anderen sind irgendwo untergeschlüpft. Sie werden die Türkei verändern, sagt der Jura-Professor Ahmet Olvi Turbag, der eine Fachzeitschrift zu Migrationsfragen herausgibt. Aber die türkische Gesellschaft sei „sehr flexibel“, so der Forscher: „Die Dinge können in diesem Land in sehr kurzer Zeit ganz anders sein als heute.“ Das Land erfinde sich so alle zehn bis zwölf Jahre neu.