Pannen-Flughafen

„Wenn wir Pech haben, finden wir noch mehr Fehler am BER“

Krisensitzung des BER-Aufsichtsrats: Derzeit geht nichts im Terminal. Der Eröffnungstermin 2017 wackelt.

Am BER geht es einfach nicht voran. Immer wieder tauchen neue Probleme auf

Am BER geht es einfach nicht voran. Immer wieder tauchen neue Probleme auf

Foto: Reto Klar

„Nicht noch mehr Unfassbares! BER dicht machen, einmotten, an anderem Standort bauen.“ Mit dieser Maximalforderung auf Plakaten empfangen Fluglärmgegner die Aufsichtsräte in aller Frühe vor dem Verwaltungsgelände in Tegel, in dem das Kontrollgremium am Freitag berät. Es ist keinesfalls das erste Mal, dass Bürgerinitiativen den Standort in Schönefeld in Frage stellen. Doch erstmals gehen nicht alle Aufsichtsräte ungerührt an den Demonstranten vorbei. „Dicht machen, einmotten, an einem anderen Standort bauen“ gilt an diesem Freitag nicht mehr als pure Provokation. Die Stimmung hat sich gedreht, seit im BER-Terminal nun auch noch ein kompletter Baustopp herrscht. Wegen der unter dem Dach eingebauten, zu schweren Rauchgasventilatoren bestehen Zweifel an der Statiksicherheit.

Vizeaufsichtsratsvorsitzender Rainer Bretschneider (SPD), Brandenburgs Flughafenkoordinator, tritt auf dem Weg zur Sitzung überraschend vor die Protestierenden. Er sagt: „Die Grundsatzfrage nach diesem Flughafen zu stellen, halte ich für falsch.“

„Zur Wahrheit gehört, dass es knapp wird“

Damit ist klar: Es soll weitergehen am BER. Die Frage ist nur: wie? Und wie lange es noch dauern wird, bis dieser Flughafen da draußen in Schönefeld endlich startklar ist. Das kann keiner beantworten. Doch der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Müller (SPD) und Flughafenchef Karsten Mühlenfeld zeigen sich nach der sechsstündigen Aufsichtsratsitzung am Freitag vorsichtig zuversichtlich. „Zur Wahrheit gehört, dass es knapp wird“, sagt Müller. Die Flughafengesellschaft habe in ihrem Zeitplan einen Puffer eingerechnet, nach der jüngsten Verzögerung gebe es allerdings nicht mehr viel Spielraum.

„Der Aufsichtsrat hält es aber immer noch für möglich, 2016 die Bautätigkeit zu beenden, 2017 an den Start zu gehen“, sagt der Regierende Bürgermeister weiter. Flughafenchef Mühlenfeld präzisiert: Man halte am Eröffnungsjahr 2017 fest, allerdings werde es nicht klappen, zu Anfang des zweiten Halbjahres zu eröffnen.

Beschleunigungsprogramm soll Verzögerungen kompensieren

Hinsichtlich der derzeitigen Schwierigkeiten habe die Flughafengesellschaft „im Wesentlichen“ Entwarnung gegeben, sagt Aufsichtsratschef Müller. Die Insolvenz des Gebäudeausstatters Imtech führe zwar zu einer Zeitverzögerung, doch könnten die Arbeiten fortgeführt werden. Nachdem jüngst entdeckt worden war, dass 15 zu schwere Ventilatoren im Terminal eingebaut worden sind, sei das Dach des Terminals keinesfalls einsturzgefährdet, stellt er klar. Die Überprüfung habe ergeben, dass es möglich sei, die Bühne, auf denen die viel zu schweren Rauchgasventilatoren eingebaut sind, zu verstärken. „Wir warten darauf, dass wir vom Bauordnungsamt die Genehmigung bekommen, weiter zu bauen“, kündigt Flughafenchef Mühlenfeld an. Die durch die Imtech-Pleite und den Baustopp eingetretenen Verzögerungen sollen später durch ein Beschleunigungsprogramm zumindest teilweise aufgeholt werden.

Ehe die aktuellen Probleme gelöst sind, hat der Aufsichtsrat in seiner Sitzung eine lange hinausgeschobene Entscheidung gefällt: Der BER soll bis zum Jahr 2023 erweitert werden. Allerdings, ohne in die Bauarbeiten bis zur Eröffnung einzugreifen. „Wir wollen auf keinen Fall die Fertigstellung mit weiteren Eingriffen gefährden“, sagt Mühlenfeld. Das vom Aufsichtsrat genehmigte, rund 600 Millionen Euro teure Erweiterungskonzept sieht nur Provisorien vor.

Platz für Billigflieger Ryanair

Für 17 Millionen Euro wird das alte Schönefelder Terminal erweitert und renoviert. Es bietet dann zusätzlichen Platz für die Fluggesellschaft Ryanair, die ihr Berlin-Angebot deutlich aufstocken will. Zudem soll der frühere DDR-Zentralflughafen bis 2022 parallel in Betrieb bleiben. Zehn Millionen Passagiere sollen dort pro Jahr einchecken.

48 Millionen Euro fließen in ein provisorisches Terminal auf dem Schönefelder Areal, das ab Frühjahr 2018 als Regierungsflughafen dienen soll. Das Regierungsterminal soll nebenan entstehen und frühestens 2022 betriebsbereit sein. Geplant ist außerdem ein eigenständiges Billigflieger-Terminal für sechs bis acht Millionen Passagiere direkt am BER, in Verlängerung des Piers Nord. Nach Aufsichtsratsangaben könnte dies etwa 200 Millionen Euro kosten, bisher sind aber nur die Planungsmittel freigegeben. 2019 soll es fertig sein.

Nicht erst jetzt steht fest: Der neue Hauptstadt-Airport, der die Flughäfen Tegel und Schönefeld ablösen soll, wird bereits zu seiner Eröffnung zu klein sein. Und je länger er nicht fertig ist, desto gravierender werden die Kapazitätsprobleme sein.

33,7 Millionen Passagiere werden im Jahr 2017 erwartet

In diesem Jahr werden in Tegel und Schönefeld fast 30 Millionen Passagiere abgefertigt. Prognosen zufolge steigen die Zahlen weiter: auf 33,7 Millionen im Jahr 2017, zwei Jahre später sollen es bereits 35,8 Millionen sein. „Wir stellen uns darauf ein, dass wir im Jahr 2023 rund 40 Millionen Passagiere abzufertigen haben“, sagt Aufsichtsratschef Müller. Die ernüchternde Wahrheit aber ist: Das neue BER-Terminal kann bislang nur rund 22 Millionen Fluggäste im Jahr bewältigen. Konzipiert war es für maximal 27 Millionen, doch die Check-In-Schalter reichen nicht aus, um den Ansturm zu bewältigen. Auch die Gepäckanlage ist zu klein.

Dass sich der Aufsichtsrat dazu durchgerungen hat, die Weichen für eine Erweiterung des BER zu stellen, sorgt für positive Reaktionen. Vor allem die Brandenburger CDU hat seit Jahren bemängelt, dass der neue Airport zu klein sein wird. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin, Christian Wiesenhütter, sagt: „Heute ist ein guter Tag für den Luftverkehrsstandort Berlin-Brandenburg – wir erleben das Ende der jahrelangen Lethargie bei der Kapazitätsanpassung.“ Es sei ein Durchbruch, dass die Politik anerkenne, „dass der Luftverkehrsstandort zügig auf eine Kapazität von 40 Millionen Passagiere pro Jahr ausgebaut werden muss.“

„Auf den ersten Blick unfassbar“

Aufsichtsratschef Müller und Flughafenchef Mühlenfeld verbreiten nach dieser Aufsichtsratsitzung gedämpften Optimismus. Doch sie räumen auch ein, dass nach dem Baustopp weitere Überraschungen auf der Pannenbaustelle nicht ausgeschlossen sind. „Ich bin mir sicher, dass wir auch künftig auf Vorgänge aus der Vergangenheit stoßen, die auf den ersten Blick unfassbar erscheinen“, spricht Flughafenchef Mühlenfeld Klartext. Sein Vize Bretschneider verhehlt auch bei seinem Auftritt vor den Demonstranten nicht: „Wenn wir Pech haben, finden wir noch mehr Fehler.“ Solange die Fehler aber zu beheben sind, solange sei noch nichts verloren.