Natur

Warum sich die Berliner über den Herbstanfang freuen können

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patrick goldstein
So schön kann Herbst sein: Maria Bateira aus Lissabon balanciert, gehalten von ihrer Freundin Janett Kalina aus dem Wedding, auf dem Geländer des Hauses der Kulturen der Welt

So schön kann Herbst sein: Maria Bateira aus Lissabon balanciert, gehalten von ihrer Freundin Janett Kalina aus dem Wedding, auf dem Geländer des Hauses der Kulturen der Welt

Foto: Amin Akhtar

Der Sommer hat den besseren Ruf. Aber im Herbst klingt die Stadt besser, wir fahren konzentrierter und Sport fällt leichter.

Mit dem astronomischen Herbstbeginn am heutigen Mittwoch geht es im Kreislauf der Jahreszeiten endgültig bergab mit der Natur. Die Blätter verlieren ihr Grün, fallen, und mit ihnen die Temperaturen. Unaufhaltsam in Richtung Winter. Aber halt! Beim genauen Hinschauen entdeckt der Großstädter schnell die vielen Vorteile, die der Alltag erst im Herbst bietet. Ein Überblick:

Sport fällt wieder leichter

„Im Vergleich zum Sommer sorgt der Herbst für eine geringere Temperaturbelastung beim Sport“, sagt Prof. Dr. Dieter Böning vom Institut für Sportmedizin der Charité, Universitätsmedizin Berlin. Bei Bewegung leiste der Mensch 30 bis 40 Prozent Muskelarbeit. 60 bis 70 Prozent der freigesetzten Energie werden zu Wärme. Der Körper heizt sich also auf. Das kostet Kraft. Doch, so Böning: „Bei den mäßigen Temperaturen des Herbstes ist es leichter, die Wärme loszuwerden.“ Wer es also bislang noch nicht ausprobiert hat: Jetzt ist die Saison, um regelmäßig zu joggen oder Rad zu fahren.

Die Fische sind entspannter

Berliner Fischer freuen sich auf den Herbst. „Hecht und Zander können Sommertemperaturen überhaupt nicht ab“, sagt Markus Liptow. Dessen „Havelfischerei“ an der Fährstraße in Heiligensee bietet ausschließlich lebende Fische zum Verkauf. Mit Zugnetzen und Reusen holen er und Geschäftspartner Klaus Gabriel die Berliner Spezialitäten etwa an der Oberhavel aus dem Wasser. „Das sind Kaltblüter, die die Außentemperatur annehmen“, sagt Liptow. Sommerlich warmes Wasser sorgt für eine größere Trägheit der Fische. „Werden sie dann gefangen, ist der Stress groß für sie.“ Die Extrabelastung überleben diese Fischarten nicht immer. Wer also Hecht und Zander aus Berlin mag: Mit dem Herbst kommen sie häufiger auf den Tisch.

Besser feiern als Bayern

Der „Tatort“ am Sonntag hat es gezeigt: Das Münchner Oktoberfest ist die Hölle. Touristen, Exzess und ständig fällt einer um. In Berlin dagegen kann man das bajuwarische Spektakel mit Beginn der neuen Jahreszeit gepflegt als abendlichen Ausflug zu rustikalen Speisen und Getränken genießen. Zum Beispiel im Festzelt der „Spreewiesn“ (Invalidenstr. 78, Moabit, am Berliner Hauptbahnhof) oder dem Biergarten „Maria & Josef“ (Hans-Sachs-Str. 5, Lichterfelde). Garantiert ohne Riesenrad oder Kirmesüberschwang.

Guten Gewissens Serien gucken

Kennen Sie die Königreiche von Westeros, wo sich die tödlichen Intrigen der Fernsehserie „Game of Thrones“ entspinnen? Können Sie sich vorstellen, in allem immer nur die Nummer zwei zu sein: Vizepräsidentin, oder „Veep“ der Vereinigten Staaten? Und was ist eigentlich aus Don Draper geworden, einem der „Mad Men“ aus den sagenumwobenen Werbeagenturen New Yorks? Herbstzeit ist die Zeit, um die Geschichten alter Bekannter nachzuverfolgen und neue kennenzulernen. Die jüngst verliehenen Emmy-Awards zeigen: Es gibt viele spannende TV-Serien, die man sich nun, wenn es draußen früher dunkel wird oder – hurra! - sogar regnet, guten Gewissens anschauen kann.

Gut gelaunter Kurfürstendamm

Die Modehändler in der City West sehnen dem Herbst entgegen. „Seit Sommer hängt dort die Herbst/Wintermode“, sagt Jennifer Woelki, Geschäftsstellenleiterin der Arbeitsgemeinschaft City. „Jetzt werden sie die warme Kleidung endlich los.“ Während der Zulauf von Berlinern und Touristen auch bei kühleren Temperaturen ungebrochen bleibe, erwartet sie, dass die Zahl von Bettlern und Hütchenspielern zurückgeht. Der Herbst ist auch die Jahreszeit, in der „Berlin leuchtet“ stattfindet. Vom 2. Oktober an werden beim Lichterfest markante Orte und Gebäude der Stadt in Szene gesetzt. Weil das viele Reisende anzieht, hat die AG City für den 4. Oktober einen verkaufsoffenen Sonntag beantragt.

Kühler am Steuer

Eine ADAC-Untersuchung hat ermittelt, dass die Hauptursache für Unfälle Fahrfehler sind, die durch mangelnde Konzentration verursacht wurden. In Folge werden die Vorfahrt missachtet, vorausfahrende Fahrzeuge falsch eingeschätzt oder Gegenverkehr zu spät erkannt. Laut ADAC Unfallforschung liegt der Anteil konzentrationsrelevanter Unfälle an kälteren Tagen, also bei Temperaturen von weniger als 15 Grad, bei 47 Prozent. Bei Sommertemperaturen dagegen steigt der Anteil auf 63 Prozent.

Der Sound der Stadt

Der Herbst klingt einfach besser. In den Straßen lautet die Gleichung: Je kühler desto stiller. Da dröhnt an der Ampel kein Musikgemisch mehr, wenn Autofahrer zur Frischluftzufuhr die Fenster herunterkurbeln oder vom Cabrio aus den halben Kiez beschallen. Einmalig ist dann der Herbstsound im Wald. Auf knisternden Blättern klingt ein Spaziergang weit wohliger als auf dem staubig-trockenen märkischen Sand des Sommers.

Berlin wird hübscher

Weniger ist mehr. Besonders wenn es um Mode geht. Nimmt die Kälte zu, sinkt die Verbreitung sockenlos getragener Herrensandalen, stolz entblößter Großbild-Tattoos, beigefarbener Dreiviertelhosen für ihn. Und es darf auch mal wieder eng werden in der U-Bahn, ohne dass man fürchten muss, in der Sommerhitze neben einem Passagier zu fahren, den man (nicht) riechen kann.