Berlin

Prozess um einen Raubmord – 26 Jahre nach der Tat

Miklos P. soll 1989 in Neukölln eine Rentnerin getötet haben. Jetzt steht der 45-Jährige vor Gericht. Überführt haben ihn DNA-Spuren

Es gibt vor Gericht bei Angeklagten und Zeugen immer wieder diese Erklärung: „Ich weiß es nicht mehr, es ist doch schon so lange her.“ Auch Miklos P. sagt das am Montag zu Beginn seines Prozesses vor einer Moabiter Strafkammer mehrfach. Doch bei dem 45-Jährigen ist es nachvollziehbar. Der Mord, der ihm vorgeworfen wird, hat sich vor mehr als einem Vierteljahrhundert abgespielt: Am 20. November 1989 soll Miklos P. die 76-jährige Hildegard Z. in ihrer Wohnung ausgeraubt und erwürgt haben. Er bestreitet das.

Richter Helmut Schweckendieck spricht von „einem in mehrerer Hinsicht ungewöhnlichen Verfahren“. Der 62-Jährige ist Vorsitzender der 9. Jugendkammer. Sie ist nun auch zuständig für dieses Verfahren, weil Miklos P. zur Tatzeit erst 19 Jahre alt, also noch Heranwachsender war. Es sitzt sogar ein Vertreter der Jugendgerichtshilfe im Saal 817 des Moabiter Kriminalgerichts. Der Mann hat nie zuvor mit ihm gesprochen – wird am Ende aber Stellung nehmen müssen, ob Miklos P. zur Tatzeit reifeverzögert war.

Ob Miklos P. sich zu den Vorwürfen äußern wolle, fragt der Richter. Der Angeklagte bejaht das. 1989 kam er aus Ungarn nach Ost-Berlin. Als im Herbst 1989 die Mauer fiel, lernte er in Neukölln vor einer Apotheke am Hermannplatz die Rentnerin Hildegard Z. kennen. Er weiß nicht mehr, wie und warum er mit ihr ins Gespräch gekommen war. In den Akten ist vermerkt, dass sie ihm ein halbes Brathähnchen spendierte, weil er so etwas gern gegessen habe. Später nahm sie ihn sogar mit in ihre Wohnung in der Boddinstraße. Miklos P. kann sich auch noch an einen zweiten Besuch erinnern. Er habe ihr geholfen, eine Gardinenstange anzumontieren. Anschließend, sagt er, habe er die Frau nie wieder gesehen.

Am 22. November wurde Hildegard Z. tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Im Anklagesatz heißt es: „Das Opfer verstarb, wie vom Angeschuldigten beabsichtigt, durch die Kompression der Halsweichteile“. Vermisst wurden ein 20 Gramm schwerer Goldbarren und diverser Schmuck. Gefunden wurden zwei halbe Brathähnchen.

Miklos P. zählte damals zu den Verdächtigen. Er wurde mehrfach verhört, zunächst als Zeuge, später als Beschuldigter. Am 26. Januar 1993 kam er zum ersten Mal in Untersuchungshaft. Dort blieb er bis zum 8. Februar 1993. Es habe damals nicht genügend Beweise gegeben, sagt Oberstaatsanwalt Michael Hagen, der im aktuellen Prozess die Anklage vertritt. Das habe sich geändert, als DNA-Spuren zunehmend genauer analysiert werden konnten. Es gehöre zum üblichen Prozedere, dass alte Fälle mit Hilfe der engmaschigeren DNA-Analysen immer wieder überprüft würden. Die Gerichtsmediziner hatten 1989 Hautsubstanzen unter den Fingernägeln des Opfers gefunden und sichergestellt. Eine sogenannte Mischspur mit dominanten Anteilen – die von Miklos P. stammt. Das konnte aber erst im Jahr 2014 festgestellt werden.

Erneut gab es einen Haftbefehl gegen Miklos P., der jetzt in Zehlendorf wohnte, ein unauffälliges Leben als Hausmeister führte und der Polizei ansonsten nie aufgefallen war. Er habe seit seiner Entlassung aus der Unter-suchungshaft 1993 „keine Sekunde mehr an diesen Fall gedacht“, sagt Miklos P. vor Gericht. „Dass ich nun wieder verdächtigt werde, trifft mich und meine Familie schwer.“ Ob ihm die Jugendkammer glaubt, bleibt abzuwarten. Neben den DNA-Spuren gibt es noch weitere Indizien. So soll Miklos P. am Abend des 20. November 1989 mit einer Maschine der DDR-Airline „Interflug“ nach Budapest geflogen sein. Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Regine. Jene Regine gab auch zu Protokoll, dass Miklos P. ihr damals vorgegaukelt habe, dass er in West-Berlin einer Arbeit nachgehe und Geld verdiene. Tatsächlich war er nur zum Schein in den anderen Stadtteil gefahren. So bleibt der Verdacht, dass er der Freundin dringend Geld vorweisen musste.

Miklos P. erklärt, dass diese Aussage wohl aus Rache geschehen sei. Sie hätten zu diesem Zeitpunkt – nach ihrer Hochzeit im Herbst 1990 – schon wieder in Trennung gelebt. Es wird nun ein Wiedersehen nach mehr als 20 Jahren geben. Seine Ex-Frau steht auf der Zeugenliste. Vier weitere Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten und des Opfers sind verstorben. Ebenso zwei Polizeibeamte, die damals ermittelten. Es ist „ein ungewöhnliches Verfahren“, sagt Richter Schweckendieck. Am 24. September wird es fortgesetzt.