Verkehr

Drohnen erobern den Himmel über Berlin

| Lesedauer: 7 Minuten
Patrick Goldstein
Wolfram Guhse mit einem Quadkopter. In seinem Geschäft Staufenbiel Modellbaushop dienen die fliegenden Maschinen einzig zur futuristischen Freizeitgestaltung

Wolfram Guhse mit einem Quadkopter. In seinem Geschäft Staufenbiel Modellbaushop dienen die fliegenden Maschinen einzig zur futuristischen Freizeitgestaltung

Foto: David Heerde

Experten wittern ein Milliardengeschäft mit den Drohnen. Mancher Berliner nutzt schon jetzt die lautlosen Geräte - als Boten.

Die online bestellte DVD segelt lautlos in Richtung Innenstadt, dreimal „Pizza-Hawaii mit Salat“ landen sanft auf dem Balkon und das lebensrettende Medikament kommt ferngesteuert zum Patienten: Wirtschaft und Medienexperten sehen eine nahe Zukunft, in der der Luftraum als neuer Verkehrsweg erschlossen ist und wichtige Waren von oben kommen. In Berlin ist der Trend zur freundlichen Drohne schon heute erkennbar.

Bei Wolfram Guhse im Geschäft „Staufenbiel Modellbau Shop“ gegenüber dem Bahnhof Friedrichstraße in Mitte sind Flugzeuge jeder Epoche ausgestellt. Und dazwischen: futuristische Geräte mit mehreren Armen und Propellern. Schmalgliedrige Luftschiffe, die aussehen wie fliegende Krebse.

Handsteuerung, wie sie von Modellflugzeugen bekannt ist

Der Begriff „Drohne“ treffe streng genommen auf seine Ware nicht zu, sagt Guhse. Es handele sich um „Multicopter“. Der Quadrocopter beispielsweise hat vier Arme, der Oktocopter acht. Der entscheidende Unterschied bestehe darin, dass Drohnen nach einer vorgegebenen Programmierung selbstständig fliegen. Die Multicopter dagegen werden von einem jener Kästen mit zwei Steuerknüppeln handgesteuert, die man auch von Modellflugzeugen und Spielzeugautos kennt. Im Volksmund allerdings kenne man auch die Copter als Drohnen. „Aber mir gefällt die Bezeichnung nicht. Drohnen assoziiert man mit Überwachung und Militär“, sagt er.

Der Markt mit den wendigen Fluggeräten boomt. Monatlich gehen im Modellbaushop 200 Stück über den Ladentisch. Die Preise rangieren von 20 Euro für das handtellergroße Maschinchen bis zur weißen 1500-Euro-Weltraum­maschine von der Größe eines Dreirads.

Der Copter schickt bewegte Bilder aufs Smartphone

„Das kaufen sich die Menschen, um damit Spaß zu haben, etwa um mal den Quadrocopter zuhause durch den Kronleuchter fliegen zu lassen.“ Ab 50 Euro ist eine Kamera dabei. Ab 120 Euro kann der Copter bewegte Bilder live aufs Smartphone senden. Wie viele Frauen unter den Kunden sind? „Die kann man an einer Hand abzählen“, sagt einer der Verkäufer im Laden.

Treffpunkt der Berliner Bodenpiloten sind etwa der Modellflugplatz Saarmund bei Potsdam oder einer der laut Gruhne 35 Modellsportvereine im Umland. Im September kamen 50 Piloten auf der Trabrennbahn Karlshorst zum Turnier „Drone Masters Berlin“ zusammen.

Die Flugfans treffen sich an abgelegenen Orten, denn die in Berlin geltenden Auflagen sind streng. So besteht aus Sicherheitsgründen über dem Regierungsviertel eine Flugverbotszone mit einem Radius von 5,5 Kilometern. Zudem muss laut Deutscher Flugsicherung (DFS) ein Abstand zu Flugplätzen von 1,5 Kilometern eingehalten werden. Verboten ist, über Menschenansammlungen, militärischen Objekten, Krankenhäusern, Kraftwerken und Gefängnissen zu fliegen. Der Bodenpilot muss – ganz wichtig – Sichtkontakt zum Gerät haben. Wer Fotos und Videos von Menschen macht, benötigt deren Einverständnis. In den USA wird bereits Munition verkauft, mit denen Bürger Drohnen abschießen und das Filmmaterial unbrauchbar machen können.

Freizeit-Luftfahrzeuge dürfen bis zu 30 Meter hoch fliegen

Der Begriff „Drohne“ wird in den deutschen Bestimmungen nicht verwendet. Die offizielle Unterscheidung zwischen den Luftfahrzeugen: „Flugmodelle“ dienen zur Sport- und Freizeitgestaltung und dürfen maximal 30 Meter hoch fliegen. „Unbemannte Luftfahrtsysteme“, die bis zu 50 Meter aufsteigen dürfen, werden zu sonstigen Zwecken eingesetzt, besonders gewerblichen. Zum Beispiel für Bildaufnahmen.

Berliner Wasserbetriebe, BVG, Deutsche Bahn und BSR geben inzwischen Luftaufnahmen ihrer Anlagen in Auftrag. Die Polizei benutzt unbemannte Luftfahrtsysteme beispielsweise für Tatortbilder und nach schweren Unfällen. Filmproduzenten ordern, wenn es richtig spannend werden soll, die Dienste von PHX Pictures.

Das Unternehmen aus Mitte ist spezialisiert auf Luftaufnahmen und war an mehreren Folgen des Fernsehkrimis „Tatort“ beteiligt. Für einen TV-Krimi mit Heino Ferch nahmen Kamera-Operator David Schlange und seine Kollegen im März eine Actionszene am Fuß der Gedächtniskirche auf. „Ein Pilot lenkt den Oktocopter“, sagt Schlange. „Ich steuere den Kamerakopf.“ Drei bis vier Wochen dauere es, bis alle Behörden einen solchen Dreh genehmigt haben. Dennoch: Luftaufnahmen seien in Berlin gefragt wie nie zuvor.

DHL untersucht die Effektivität einer Paketdrohne

Gehören Drohnen-Bilder also schon fest zur Unterhaltungsindustrie, wollen jetzt Transportunternehmen und Handelsriesen den Luftraum erobern. DHL untersucht die Effektivität einer eigenen Paketdrohne. Dabei wurden mehrfach testweise Medikamente 16 Kilometer weit zur Insel-Apotheke des ostfriesischen Juist transportiert.

Gur Kimchi, Manager beim Online-Händler Amazon, forderte im Juli eine Aufteilung des US-Luftraums. Lieferdrohnen wären demnach zwischen 60 und 120 Meter hoch unterwegs, Flugzeuge ab 150 Metern. Das Unternehmen arbeitet am Projekt „Prime Air“ und will unter bestimmten Bedingungen zukünftig 30 Minuten nach Bestellung jede bis zu 2,2 Kilogramm schwere Ware beim Kunden abliefern.

Noch beharrt die US-Flugbehörde FAA darauf, dass der Pilot sein Gerät immer in Sichtweite lenken muss, was die Pläne von Amazon und anderer Drohnen-Nutzer in Landwirtschaft, Straßen- und Anlagenbau durchkreuzt. Drohnen-Befürworter aus Politik und Industrie warnen, US-Firmen gingen Dollar-Milliarden an Umsätzen und Einsparungsmöglichkeiten verloren.

Die Europäische Kommission geht davon aus, dass bis 2024 zehn Prozent des Luftverkehrsmarkts auf die zivile Drohnentechnik entfallen. Das bedeute 15 Milliarden Euro jährlich. Der EU-Verkehrsausschuss forderte in der vergangenen Woche die Kommission auf, EU-weite Regeln für den Einsatz ziviler Drohnen vorzulegen.

Rechtliche Regelung in greifbarer Nähe

Eine neue Regulierung mit Auswirkungen auf den Alltag in Berlin ist nach Ansicht von Rechtsanwalt Tim Hoesmann bereits in greifbarer Nähe. Der Jurist ist Experte für Urheber-, Medien- sowie Wirtschaftsrecht und berät in seiner Kanzlei in Prenzlauer Berg auch Mandanten aus dem Bereich der professionellen Fotografie, etwa über den Umgang mit fliegenden Kameras. „In fünf Jahren“, so Hoesmanns Prognose, „werden die rechtlichen Rahmenbedingungen da sein. Und dann kommt die kommerzielle Nutzung der Geräte in Gang.“ Auch die Erfindung des Automobils sei anfangs belächelt und unterschätzt worden.

Copter-Händler Wolfram Guhse lehnt eine Nutzung der Flugmaschinen als Transportgerät ab. „Über Berlin sind Rettungshubschrauber und Flugzeuge unterwegs – will man da eine Kollision und den Tod vieler Menschen riskieren?“, gibt er zu bedenken.

Kamera-Operator David Schlange sagt, für eine Stadt der Drohnen ließen sich die Geräte mit Technik ausstatten, durch die sie auf einem Radar zu sehen sind. Es werde dann eben zukünftig, wie für Flugzeuge, eine gesonderte Flugüberwachung benötigt. „Es mag noch eine Weile dauern. Aber der Einsatz der Geräte zum Transport wird kommen“, sagt Schlange. „Eine Technik wird sich immer durchsetzen, wenn damit Geld zu machen ist. Die Frage ist nur: Wie bekommt man all das in den Griff, ohne, dass am Berliner Himmel der Wilde Westen ausbricht?“